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Rheintaler, 7. September 2012, 08:18 Uhr

Endlich ganz oben

Kopf des Tages

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Für Sandra Graf aus Gais ist Gold nach Bronze 2008 bereits die zweite Paralympics-Medaille. (Bild: Keystone)


Schlechter hätten die Paralympics in London für die Ausserrhoderin Sandra Graf nicht beginnen können. Nach einem schlechten Rennen schied die ehemalige Weltrekordhalterin in ihrer einstigen Paradedisziplin 5000 m im Halbfinal sang- und klanglos aus. Erneut drohte der in Gais wohnhaften Ostschweizerin, an den Paralympics vom Pech verfolgt zu werden. Irgendwann stand während der vergangenen Jahre kurz vor dem Ziel immer etwas quer. In Athen verhinderte auf dem Weg zu einer 5000-m-Medaille eine gebrochene Schraube an der Steuerung die Fahrt auf das Podest. 2008 in Peking wurde das ehemalige Skitalent von der stürzenden Teamkollegin Edith Hunkeler gestoppt. Oft sass sie im Ziel, verstand die Welt nicht mehr. «Weshalb immer ich?» Eine Frage, die sich die 42jährige Sandra Graf häufig etwas abseits der Zielgelände stellte.

Stets im Schatten

Daneben strahlte die Teamkollegin Edith Hunkeler von den Podien und aus den Magazinen. An der WM im holländischen Assen fuhr die Luzernerin einen Kilometer vor dem Ziel in eine Laterne, Sandra Graf wurde Zweite – und im Ziel zur Mediensprecherin der Gestürzten. «Wie geht es Edith?», wollten nicht nur die Journalisten wissen. «Ich habe doch Silber gewonnen», sagte Sandra Graf enttäuscht. Die Freude über Rang zwei erstickte in den Mikrophonen.

Seit dem 5. September ist nicht alles, aber vieles anders. Sandra Graf fuhr vor den Augen ihrer Familie im Zeitfahren mit dem Handbike zur Goldmedaille. Nur einmal betätigte sie auf dem früheren Formel-1-Rundkurs in Brands Hatch die Bremse. Es musste einfach klappen. «Als Skifahrerin kam mir das Gefühl in den Kurven entgegen», fand sie einen Grund für ihren Sieg. Diesmal spielte die Nationalhymne für sie. Die Pechmarie strahlte als Golden Girl. «Es ist ein schönes Gefühl. Das habe ich mir all die Jahre gewünscht, mich aber oft gefragt, ob ich es je erleben werde. Manchmal war es hart und schwierig, immer hinter der strahlenden Edith stehen zu müssen.»

Das Problem blieb: Kämpferin Sandra Graf fehlte auch mit gesteigertem Training die Endschnelligkeit für die ganz grossen Erfolge an Titelkämpfen. Kam es zum Spurt, lachte die Konkurrenz, obwohl die Mitfavoritin Tempo gemacht hatte. Nach Peking zog die Sportchefin des Rollstuhlclubs St. Gallen die Konsequenzen und begann, von der Leichtathletik aufs Handbike – dabei werden die Pedalen mit den Händen gedreht – umzusteigen. Daneben konzentrierte sich die zweifache Mutter auf die weltweit ausgetragenen City-Marathons und die 5000 m. Zusammen mit Heinz Frei, dem bekanntesten Schweizer Behindertensportler, startet Sandra Graf deshalb in zwei Sportarten «Das Bike ermöglicht es, mit der Familie Ausflüge zu unternehmen. Das Training ist weniger eintönig. Es macht Spass, ich bin zufriedener», sagt sie. Irgendwie logisch, dass sich der Erfolg jetzt einstellte.

Der dramatische Einschnitt

Als Jugendliche widmete Sandra Graf ihre ganze Freizeit dem Sport. Sie turnte und fuhr Ski. «Es war dann aber auch der Sport, der mein Leben dramatisch verändern sollte», schreibt die Ostschweizerin auf ihrer Homepage. 1991 stürzte sie beim Geräteturnen von den Ringen mit dem Rücken auf den Boden. Die Wirbelsäule brach zwischen dem elften und zwölften Brustwirbelkörper und zerquetschte das Rückenmark.

Im Kantonsspital St. Gallen wurde Sandra Graf operiert und einen Tag später ins Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil verlegt. «Ich entschloss mich damals, nicht zurückzublicken, sondern das Heute zu gestalten und das Morgen zu planen. Schon während der Rehabilitation beschäftigte ich mich wieder mit Sport», so Sandra Graf. Bis am Sonntag stehen an den Paralympics in London noch zwei Einzelkonkurrenzen und ein Teamwettbewerb an. Das Golden Girl könnte vergoldet werden.

Urs Huwyler



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