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Rheintaler, 25. Mai 2012, 06:00 Uhr

Die Roma kommen – und alle gehen hin

Die «Zigeunerwallfahrt» nach Saintes-Maries-de-la-Mer ist Teil einer neuen europäischen Folklore

Die Prozession der heiligen Sara in Saintes-Maries-de-la-Mer ist die «Procession des Gitans», in die sich keine Fremden mischen dürfen. Indes lässt die Feststimmung imaginär die Grenzen verschwinden. Zoom

Die Prozession der heiligen Sara in Saintes-Maries-de-la-Mer ist die «Procession des Gitans», in die sich keine Fremden mischen dürfen. Indes lässt die Feststimmung imaginär die Grenzen verschwinden. (Bild: Imago)

Roma-Festivals ziehen viel Publikum an, während gleichzeitig die Angst vor einer «Roma-Invasion» grassiert. Menschen vom ethnisch-sozialen Rand gewinnen im Prozess der europäischen Integrationneue Bedeutung. Der Zwiespalt ihnen gegenüber ist symptomatisch für ein Gemeinwesen auf der Suche nach sich selbst.


Monica Rüthers

Gitarrenklänge und das Stakkato geklatschter Rhythmen wehen über die Terrassen der Cafés, vermengen sich mit den Tonfolgen der Geigen und Klarinetten aus den Karpaten. Gemessen schwankt die reich gewandete Sara-la-kâli, Sara die Schwarze, über ihren Trägern zum Wasser. Die Zigeunerin Sara kam gemäss der Legende mit den Marien über das Meer, um die Provence zu christianisieren. Eine kleine Gruppe von Gitans führt die Prozession zu Ehren ihrer Schutzpatronin an. Der Priester spricht Fürbitten in sein Megafon, es folgen singende Gitanes. Schaulustige mit Softeis, Wasserflaschen, Sonnenbrand und Fotoapparaten säumen die Strassen und füllen den Strand. Einheimische Gardians auf ihren weissen Pferden bahnen der Prozession den Weg ins Wasser.

Jedes Jahr Ende Mai herrscht in Saintes-Maries-de-la-Mer Ausnahmezustand, wenn Zehntausende Besucher anlässlich der Wallfahrt der Fahrenden in das Städtchen strömen. Die lokale Marienwallfahrt wandelte sich erst seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zur «Zigeunerwallfahrt». Als orientalische Figuren in Zeitschriften, auf Postkarten und Gemälden das Interesse weckten, entdeckten Berichterstatter die Zigeuner unter den Pilgern. Die Maifeiern wurden zum Geheimtipp für Künstler und Bohémiens. Heute ist die Fête des Gitans das grösste Roma-Spektakel in Europa.

«Jewish Spaces» und «Gypsy Spaces»

Eine Schlüsselrolle spielte der Marquis Folco de Baroncelli-Javon (1869–1943) aus Avignon, ein Freund des Verfechters provenzalischen Eigensinns, Frédéric Mistral. Gemeinsam entwarfen sie die Trachten der Gardians und der Arlésiennes, um die lokale Folklore zu beleben. Der Marquis liess sich 1895 als Stierzüchter in der Camargue nieder. Baroncelli formte aus einer mückengeplagten Sumpfgegend den Mythos der wilden Urlandschaft, den Albert Lamorisse 1953 in seinem Film «Crin Blanc» in unvergesslichen Bildern einfing. In dieser unbezähmbaren Camargue lebten die Gitans als Ureinwohner und «edle Wilde». Der Marquis handelte 1935 mit dem Erzbischof die Prozession der nicht offiziell heiliggesprochenen Sara am 24. Mai aus und rahmte sie voller Stolz mit seinen Gardians ein.

Die Ursprünge der Fête des Gitans in der Folklore-Bewegung zeigen sich bis heute im auffälligen Hang zur Kostümierung, der in Saintes Gitans, Einheimische und Besucher gleichermassen ergreift. Bereits in den zwanziger Jahren spöttelte Jean-Louis Vaudoyer über die Verkleidungen der Gäste, und selbst die Camarguais wurden als Operettengeneräle belächelt. In den engen Gassen drängen sich Roma-Frauen in bunten Röcken und Gitanes in rüschenreichen Flamencokleidern, junge Männer im Anzug mit dicken goldenen Siegelringen und Tätowierungen, Priester und Nonnen im Gewand. Gelegentlich erscheint ein Bischof in der Mitra. Gendarmen tragen Sommeruniform, die Spezialeinheiten Overalls. Dazwischen flanieren als Zigeunerinnen aufgemachte Touristinnen, Möchtegern-Gardians, Biker in Fransenjacken, Althippies und Rastafaris.

Einen Höhepunkt als Künstler-Destination erlebte die Wallfahrt in den fünfziger Jahren. Mit dem Aufschwung des Tourismus kamen immer mehr Besucher. Der Charme des «Zigeunerlagers», in dem Äffchen über die Dächer der Wohnwagen turnen und Konflikte noch mit dem Messer ausgetragen werden, wirkte als Magnet. Jahrzehntelang campierten die Gitans in den Strassen von Saintes und pflegten Nachbarschaften auf Zeit mit den Einwohnern, brachten aus dem Norden Stoffe mit und durften die Aussentoiletten benutzen. Diese Verflechtung von Städtchen und Lager löste sich in den achtziger Jahren, als die Gemeinde grossflächige Parkplätze am Ortsrand einrichtete und den Fahrenden hier Standplätze zuwies. Die Gitans nutzten die Möglichkeit, sich Privatsphäre zu verschaffen.

Heute werden die Trennlinien zwischen gelebter und gezeigter Kultur streng bewacht. Die Prozession der heiligen Sara ist die «Procession des Gitans», in die sich keine Gadjé mischen dürfen. Die Musik ist ebenfalls Territorium der Gitans, andere Musiker sind unerwünscht. Die Vielfalt der Besucher, die Feststimmung und vor allem die Kostümierungen lassen dennoch imaginär die Grenzen verwischen. Hier können die Besucher ein bisschen Zigeuner spielen. Roma-Frauen, die tagsüber in bunten Röcken, Kopftüchern und mit grossen Ohrringen als Handleserinnen arbeiten, spazieren abends in Jeans und Pullover durch den Ort, schieben ihre Kinder im Buggy vor sich her und hören den Musikgruppen zu.

Die Zigeunerwallfahrt erinnert an die «virtuellen Räume» einer anderen europäischen Minderheit, der Juden. Die Soziologin Diana Pinto prägte den Begriff «Jewish Spaces» Anfang der neunziger Jahre für «Jüdische Räume ohne Juden», die von Nichtjuden organisiert werden. In «jüdischen» Cafés oder an Klezmerkonzerten wird jüdisches Leben nachinszeniert. Das ehemalige Judenviertel Kazimierz und das jüdische Kulturfestival in Krakau gaben den Takt vor. Der Augenschein in Saintes-Maries-de-la-Mer und die Häufung von Gypsy Music Festivals zeigen, dass es auch «Gypsy Spaces» gibt. Seit den achtziger Jahren haben Juden- und Zigeunerfolklore, Klezmer und Flamenco einen ungeahnten Aufschwung erfahren.

«Zigeunerwallfahrten» schaffen Attraktionen für den Tourismus. Ein Blick auf Wallfahrten in Frankreich, Spanien und Polen und auf die im britischen Raum beliebten Pferdemärkte zeigt, dass solche Reiseanlässe den Roma/Zigeunern und Travellers willkommene Gelegenheiten bieten, um sich zu treffen. Hier sehen sie die Möglichkeit, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen, stark zu sein und die Zukunft für ihre Kinder zu gestalten. Der grosse Vorteil der Anlässe ist ihre breite Anerkennung, die sie zu legitimen Reisegründen macht. Bereits im Mittelalter gaben sich die ankommenden Rom-Gruppen als «klein-ägyptische Fürsten» und Büsser aus, die als arme Sünder sieben Jahre umherwandern und sich vom Betteln ernähren mussten. Sie übernahmen eine Rolle, die ihnen von den Eingesessenen angetragen wurde. So erhielten sie Schutz und Geleit.

Flamingo und Flamenco

Auch die Musik bringt Anerkennung. Lokalhelden in Saintes-Maries-de-la-Mer sind die Gipsy Kings und Manitas de Plata (Silberhändchen), die international Karriere machen konnten. Gypsy Music Festivals führen eine transnationale Gemeinschaft von Indien über Rumänien, Ungarn und Ex-Jugoslawien bis Andalusien vor, verbunden durch exotische Gewänder, Wanderlust und Musiktalent. Der Gypsy-Hype wurde zum Erfolgsrezept für DJ, auch abends im Klub wollen viele für ein Weilchen Gypsy sein. In Prag findet seit 2002 alljährlich mit Geldern aus dem Kultur- und Verständigungsbereich das World Gypsy Festival Khamoro statt. In den «Gypsy Spaces» wird «Zigeunerkultur» jenseits des Alltags aufgeführt, etwa eine «traditionelle Zigeunerhochzeit» am Khamoro 2011. Auf derselben Welle surft die britische Doku-Soap «My big fat Gypsy wedding».

Die «Gypsy Spaces» liegen nicht in den tatsächlichen Zigeunervierteln in Bessarabien, in Montreuil oder den Banlieues von Perpignan, Montpellier und Barcelona, sondern bieten die Illusion begehbarer «Zigeunerlager». Die Gitans sind längst Teil des Themenparks Camargue mit Flamingos und Flamenco geworden: Anbieter von Fremdenzimmern vermieten roulottes de tsiganes als Übernachtungsgelegenheit, Restaurants veranstalten Soirées Gitanes mit Konzerten, und die Gipsy Kings betreiben einen Vergnügungspark, El Patio.

Im Zusammenhang der Neuformation Europas werden Identitäten neu ausgehandelt. Grenzen spielen eine ambivalente Rolle: Binneneuropäische Freizügigkeit steht einer Abschottung nach Osten und Süden gegenüber, es gibt innereuropäische Gefälle. Juden und Zigeuner sind in den kulturellen Topografien Europas Grenzfiguren geblieben. Die Besuchermassen an der Wallfahrt in Saintes und am jüdischen Kulturfestival in Krakau zeugen von Faszination. Die Leitkultur der «modernen Nomaden» lässt sie als ideale Europäer erscheinen. Doch genau wie alle romantischen Zigeunerklischees zuvor hat auch dieses eine Kehrseite: Die Invasion der Roma ist das Angstszenario der europäischen Migrationspolitik. Ihnen werden extreme Armut, Analphabetismus und Nomadentum zugeschrieben, allesamt vormoderne, nichteuropäische Eigenschaften.

Das Europa der Union beruft sich auf Geschichte als Legitimation. Die Geschichte der Juden ist in der Bibel überliefert, mit der Aufklärung traten sie in die bürgerliche Kultur der europäischen Länder ein. In den neunziger Jahren wurden sie zum Inbegriff des verlorenen kulturellen Reichtums in den wiedergefundenen Städten Zentraleuropas: Krakau, Lemberg, Czernowitz raunten die Feuilletons und meinten das Authentische, das jüdische Erbe. Roma/Zigeuner hingegen hatten keine Schriftkultur. Aussenstehende wissen nur wenig über sie, sie selbst sind in Forschung und Medien kaum vertreten. Ein Zusammengehörigkeitsgefühl bildete sich als Spätfolge des Holocaust und führte in den siebziger Jahren zu Interessenvertretungen, einer Emanzipationsbewegung und auch zur Selbst-Ethnisierung als Sinti und Roma. Erst in den achtziger Jahren wurden sie als Opfer des Genozids anerkannt. Als «geschichtslosen» Fremden fehlt ihnen nach wie vor der gemeinsame Resonanzraum mit den Europäern.

«Gypsy Spaces» sind Publikumsmagnete, weil sie traditionelle Bilder des exotischen Anderen abrufen. Magische Orte, Mythen und Spiritualität, Tradition und Ehre sind archaische Werte, die in einer entmystifizierten Welt grosse Ausstrahlungskraft entwickeln. Die Besucher der Festivals suchen nach Tradition in der Hypermoderne. Das abstrakte Zweckbündnis Europa braucht Grenzfiguren, um sich selbst zu finden. Für die Roma/Zigeuner geht es hingegen um die Legitimierung ihrer Gegenwart in Europa durch eine eigene Geschichte. Deshalb tragen sie schwankend die schwarze Sara zum Wasser – und zurück in die Krypta.

Monica Rüthers ist Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg. Im Juli erscheint im Transcript-Verlag ihr Buch «Juden und Zigeuner im europäischen Geschichtstheater».



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