Direkte Links und Access Keys:

Rheintaler, 10. August 2012, 23:26 Uhr

Eine Stadt sucht sich selbst

Die Unesco befürchtet, der neue Turm könne die Altstadt von Sevilla in den Schatten stellen. Zoom

Die Unesco befürchtet, der neue Turm könne die Altstadt von Sevilla in den Schatten stellen. (Bild: Imago)

Trotz der gegenwärtigen Baukrise wächst in Sevilla ein 180 Meter hoher Turm in den Himmel. Sein Schöpfer, der Architekt César Pelli, spricht von einem Schritt ins 21. Jahrhundert. Die Unesco sieht das anders und sagt warnend, das Hochhaus gefährde das Welterbe der Stadt.


Brigitte Kramer

Eine Grossbaustelle in einer Geisterstadt entzweit die Bewohner von Sevilla. Auf der Cartuja-Insel wächst seit vier Jahren ein Büroturm gemächlich in den Himmel. Dort, wo vor 20 Jahren die Weltausstellung stattfand und heute ein Erlebnispark, mehrere Universitätsgebäude, ein grosser, runder Bürobau und viele ungenutzte Expo-Pavillons stehen, soll bald schon das neue Wahrzeichen der Stadt 180 Meter hoch in den Himmel weisen. Sein Erbauer, der argentinische Architekt César Pelli, hat den Wolkenkratzer Sevillas Schritt ins 21. Jahrhundert genannt. Doch die Unesco sieht das anders und will den Bau stoppen, denn er stelle das historische Zentrum in den Schatten – eines der grössten und besterhaltenen Europas, wo drei Gebäude zum Welterbe der Menschheit gehören: die Kathedrale mit ihrem knapp 100 Meter hohen Glockenturm, der bis vor kurzem das höchste Bauwerk Sevillas war. Der Giralda genannte Turm wurde vor mehr als 800 Jahren von den Mauren als Minarett errichtet. Auch das Archivo General de Indias, ein Renaissancebau, in dem Spaniens Kolonialgeschichte dokumentiert ist, und der Königspalast Alcázar stehen unter Unesco-Schutz.

Flache Stadt

Jüngst haben zwei Experten des Internationalen Rates für Denkmalpflege, Icomos, die Stadt besucht und befunden, dass der negative Einfluss des neuen Gebäudes «exzessiv» sei. Es dürfe die Giralda nicht überragen, die Pläne sollten geändert werden. Nachdem die Unesco Ende Juni an ihrer Jahrestagung in St. Petersburg keinen Beschluss gefasst hat, will sie nun im kommenden Jahr darüber entscheiden, ob die Stadt ihren Welterbe-Status behalten kann bzw. verlieren soll. Einen Baustopp konnte die Unesco bisher nicht erzwingen. Die Struktur des Büroturms mit elliptischer Grundfläche steht zu gut 60 Prozent: 4 unterirdische und 23 überirdische Geschosse sind gebaut, sie sind jetzt schon höher als das einstige Minarett. 17 Stockwerke fehlen noch, dann ist die endgültige Höhe erreicht. Rund einem Drittel der Sevillaner ist das zu hoch. Die Bürgerbewegung «Túmbala» («Wirf ihn um»), zu der Architekten, Geografen und Umweltschützer gehören, hat den Fall vor das Verfassungsgericht gebracht. Sie findet, der Turm stehe zu nah am Zentrum, führe zu Verkehrschaos, sei als Spekulationsobjekt moralisch verwerflich und passe nicht zu einer Stadt, die sich auf nur sieben Metern über Meer im Delta des Guadalquivir ausdehne: Sevilla ist tatsächlich eine flache Stadt.

Für den Turm sind rund 40 Prozent der Sevillaner. Sie haben sich in der Gruppe «Sevilla se mueve» («Sevilla bewegt sich») zusammengeschlossen und fordern die Stadt auf, «ihre Geschichte mit der Moderne zu verbinden». Der Turm stehe 1,5 Kilometer und somit ausreichend weit von der Giralda entfernt. César Pellis Argument, Sevilla sei so stark gewachsen, dass man die Giralda nicht mehr wahrnehme, haben sie übernommen. Zudem werden Städte wie Paris oder Köln zitiert, die Altes mit Neuem kombinieren. Darüber hinaus solle man die Baustelle nicht mit dem Endresultat verwechseln: Pelli habe für den Turm eine helle Aussenverkleidung aus Terrakotta und Keramik vorgesehen, die dem Gestein der Region ähneln solle.

Ruf nach Normalität

Während die Bürger in den gefliesten Tapas-Bars diskutieren, schafft die Bauherrin, die andalusische Sparkasse Cajasol, Tatsachen: Derzeit wird alle drei Wochen eine neue Etage fertig, und fast 4000 Menschen sind direkt und indirekt mit dem Gebäude beschäftigt, 42 Firmen arbeiten zum Teil ausschliesslich dafür, vor allem kleine und mittelständische Unternehmen aus der Region. Der auf 300 Millionen Euro geschätzte Bau soll in einem Jahr eingeweiht werden. «Wir können uns einen Baustopp gar nicht mehr leisten», sagte jüngst der konservative Bürgermeister Juan Ignacio Zoido, nachdem er beim Amtsantritt 2011 noch verkündet hatte, er wolle das vom sozialdemokratischen Vorgänger begonnene Projekt stoppen. Die Stadt hat inzwischen festgestellt, dass sie das Geld für Entschädigungszahlungen nicht hat.

Zoido gefällt der Turm nicht, ebenso wenig wie andere Beispiele zeitgenössischer Architektur, die sein Vorgänger zwischen 1999 und 2011 initiiert oder vollendet hat, darunter das 26 Meter hohe Markt- und Aussichtsgebäude «Metropol Parasol» des deutschen Architekten Jürgen Mayer H., das sich auf sechs Stützen und fünf Etagen über der zentralen Plaza de la Encarnacion in Sevilla ausdehnt. Die organischen Formen und die hellen Holzlamellen brachten dem Gebäude den Spitznamen «die Pilze» ein. Nach Zoidos Worten boykottierten viele Sevillaner den auffälligen Bau, der anfangs für unrealisierbar galt und ebenfalls starke Diskussionen auslöste. «Wir wollen Normalität», sagte Zoido in diesem Zusammenhang, «die Zeiten des Risikos sind vorbei.» Sechs Projekte hat Zoido bereits gestoppt, für die Torre Cajasol ist er zu spät gekommen. Die nennen viele nur noch Torre Pelli, denn niemand weiss, ob das mittlerweile von der Caixa-Bank übernommene Geldinstitut überhaupt auf der Cartuja-Insel seine Büros einrichten wird. Dabei sollte das Gebäude dem ehemaligen Expo-Gelände zu neuem Leben verhelfen und Sevilla einen Impuls verleihen. Die viertgrösste Stadt Spaniens steht in ewiger Konkurrenz zu Valencia, dem Eldorado der Protzarchitektur.

Der erste Versuch, aus Sevilla eine moderne Metropole zu machen, fand 1929 statt. Die Exposición Iberoamericana de Sevilla konnte nach langen Diskussionen auch deshalb stattfinden, weil sich die Erbauer der 22 Pavillons an die damals herrschende Tendenz der historisierenden Regionalarchitektur hielten. Bis heute sieht man allenthalben Gebäude mit neoarabisch durchbrochenen Ziegelfassaden, farbenfrohen Fliesendekorationen und neobarocken Schnörkeln. Die Schau hinterliess ein Finanzloch, brachte Sevilla aber auch einige wichtige Industriebetriebe. Dann kam die Expo 1992. Spanien präsentierte sich als Demokratie, und Andalusien warf das Image des «vergessenen, vom Feudalismus geplagten Südens» ab. Der Expo-Effekt ist bis heute zu spüren: 2011 kamen mehr als zwei Millionen Besucher nach Sevilla, fast so viele wie im Weltausstellungsjahr 1992. Sie besuchen aber nicht die Cartuja, sondern treten sich in der Kathedrale auf die Füsse.

Metropolitane Träume

Es war offenbar noch nie leicht, die 700 000 Sevillaner zu Neuem zu bewegen. Sie sind stolz auf ihre Geschichte, von der ihr Weltkulturerbe erzählt. Jahrhundertelang war die Stadt am Guadalquivir Spaniens wirtschaftliches und geistiges Zentrum. Nach der Entdeckung Amerikas wurde der Handel mit den Kolonien über Sevilla abgewickelt. Die Schiffe fuhren vom Meer rund 80 Kilometer flussaufwärts. Sevilla häufte Reichtümer an. Doch dann wurden die beladenen Schiffe zu schwer, und das Handelsmonopol ging an die Hafenstadt Cádiz. Ende des 18. Jahrhunderts verfiel Sevilla in einen Provinzialismus, aus dem es bis heute nicht recht erwachen will. Ein umstrittenes Hochhaus kann da wohl auch nicht allzu viel ausrichten.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
1 Beitrag
adolfk31 (11. August 2012, 10:16)
Mit welchem Recht mischt sich ....

Die Unesco in Bauvorhaben dieser Stadt ?

Beitrag kommentieren

Anzeige:

Gewinnspiel Tippen Sie mit

Fussball

Ostschweizer Trauerportal

teaser-ROS-trauer

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg

facebook.com / tagblatt

 ...