Direkte Links und Access Keys:

Rheintaler, 24. Juli 2012, 10:23 Uhr

Die Lehren noch nicht gezogen

Die Untersuchungskommission der japanischen Regierung macht den Sicherheitsglauben bei Betreibern und Aufsichtsbehörden für die Katastrophe in Fukushima verantwortlich. Und sie bezweifelt, dass aus dem Vorfall gelernt wurde.


Patrick Zoll, Tokio

Die von der japanischen Regierung eingesetzte Untersuchungskommission zur Fukushima-Katastrophe hat am Montag ihren Abschlussbericht veröffentlicht. Darin wird angezweifelt, dass die Lehren aus der Katastrophe von Fukushima umgesetzt werden – und dies, obwohl seit der Havarie der Reaktoren nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami bereits sechzehn Monate vergangen sind und ein Zwischenbericht im Dezember vorlag. Für die Kommission lag die Hauptursache für die Katastrophe in einem übertriebenen Glauben an die Sicherheit von Atomanlagen, sowohl beim Betreiber Tepco als auch der Aufsichtsbehörde Nisa. «Regierung wie Unternehmen müssen eine neue Philosophie der Katastrophenvorsorge entwickeln», heisst es in dem Bericht.

Aufruf zu effektiven Reformen

Diese pessimistische Einschätzung kommt für die Regierung von Yoshihiko Noda zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Seit kurzem liefern zwei Reaktoren wieder Strom ins Netz, nachdem vorübergehend alle 50 funktionsfähigen Reaktoren abgeschaltet gewesen sind. Die Vorkehrungen, die in den verschiedenen Atomkraftwerken getroffen worden seien, genügten nicht, um grossen, komplexen Katastrophen gerecht zu werden, resümiert die Kommission unter der Leitung des Ingenieurs Yotaro Hatamura. «Wir rufen die zuständigen Personen dringend dazu auf, wirklich effektive Schritte zu unternehmen», heisst es weiter.

In einem andern Punkt entlastet die Hatamura-Kommission die Behörden jedoch. Sie geht davon aus, dass erst der Tsunami zum Zusammenbruch der Systeme in Fukushima und der nachfolgenden Kernschmelze führte. Die Untersuchungskommission des Parlaments hingegen, die ihren Bericht vor zwei Wochen präsentierte, war zum Schluss gekommen, dass nicht ausgeschlossen werden könne, dass bereits das Erdbeben zu schweren Schäden geführt hatte. Die Unterscheidung ist deshalb wichtig, weil starke Erdbeben praktisch überall in Japan vorkommen können und – falls man der Parlamentskommission Glauben schenkt – daher in allen 50 funktionsfähigen Reaktoren ein Totalausfall der Systeme wie in Fukushima möglich wäre. Solche Einwände kommen Ministerpräsident Noda ungelegen, da er die Atomenergie als unabdingbar für die sichere Stromversorgung des Landes ansieht.

Kritik an Kan

In einer anderen umstrittenen Frage blieben beide Kommissionen indes unschlüssig. Ungeklärt bleibt, ob Tepco in den kritischen Stunden nach dem Totalausfall der Kühlung wirklich alle Arbeiter aus dem Kraftwerk Fukushima Daiichi abziehen und die Anlage so ihrem Schicksal überlassen wollte. Die ehemalige Regierung von Naoto Kan sagt, dass sie nach dem damaligen Informationsstand davon ausgehen musste, das damalige Tepco-Management streitet dies vehement ab. Die Rolle von Kan selbst wird kritisch gesehen. Seine direkte Intervention vor Ort habe zu mehr Verwirrung geführt, als dass sie geholfen hätte. Die Kommission kommt zum Schluss, dass es weitere Untersuchungen brauche. Vor allem seien detaillierte Untersuchungen vor Ort nötig, sobald es die Strahlung erlaube.



Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren.



Leser-Kommentare:
1 Beitrag
adolfk31 (23. Juli 2012, 17:40)
Aber ....

viel Schlimmer seien die amtlich noch Geheim gehaltenen und daher nicht veröffentlichten Erkenntnisse von grassierenden Haarrissen in den zahlreichen Beton Staumauern ! - Allerdings, immerhin der Grossteil der Bevölkerung sei des Schwimmens kundig.....

Beitrag kommentieren

Anzeige:

tagblatt.ch / leserbilder

leserbilder.jpg

facebook.com / tagblatt

 ...