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Rheintaler, 9. Juni 2012, 00:00 Uhr

Terroristen nutzen Zonen der Gesetzlosigkeit

Der Einsatz von Drohnen gegen die Kaida ist wirkungsvoll. Das Terrornetzwerk muss am Hindukusch Rückschläge hinnehmen, doch der Jihad hat andernorts neue Rückzugsgebiete gefunden.


Eric Gujer

Erfolge, wohin man schaut: Mit einem Drohnenangriff haben die Amerikaner Abu Yahya al-Libi getötet, die Nummer zwei der Kaida. Die höheren Funktionen in der Hierarchie des Terrornetzwerks gehören unterdessen zu den gefährlichsten Jobs der Welt, seit die Amerikaner die Führungsfiguren in Afghanistan und Pakistan regelmässig aufspüren und mit unbemannten Flugzeugen ausschalten. Der Geheimdienst CIA und das Pentagon erklären bereits siegesgewiss, der Kern der Kaida sei irreversibel geschwächt. Bei nüchterner Betrachtung sieht die Bilanz des «Kriegs gegen den Terror» aber nicht ganz so rosig aus. Zwar ist die Kaida am Hindukusch nicht erst seit dem Tod Usama bin Ladins kaum mehr fähig, Terroranschläge im Ausland auszuführen. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit von Attentaten in New York, London oder Berlin, doch wirklich sicherer ist die Lage nur dann, wenn man Sicherheit allein unter amerikanischen und europäischen Vorzeichen definiert.

Hilfe beim Bombenbau

Wie Ölflecke breiten sich unterdessen Terrorgruppen aus, die ihr Entstehen zwar den besonderen Bedingungen in einer Region verdanken, die aber gleichzeitig ihre enge Verbindung zur Kaida unterstreichen. Damit verändert sich der ideologische Charakter des Terrornetzwerks und seine Bedrohungsformen. Einzelnen dieser Ableger gelingt dabei, was die von Usama bin Ladin geschaffene Organisation in dieser Weise nie schaffte: Sie kontrollieren ganze Landstriche, in denen ihnen Verwaltung und Justiz unterstehen. So proklamierte die Kaida auf der Arabischen Halbinsel im Frühjahr 2011 «islamische Emirate» in den jemenitischen Städten Shakra, Azzan und Zinjibar. Zwar hat die jemenitische Armee mit verschiedenen Offensiven die Islamisten wieder etwas zurückgedrängt, doch haben sich diese dauerhaft in Südjemen festgesetzt.

Noch auffälliger ist die Regionalisierung des Jihad in Afrika, wo gewalttätige Islamisten im Norden, Westen und Osten des Kontinents aktiv sind. So hat die aus algerischen und marokkanischen Vorläufern entstandene Kaida im islamischem Maghreb ihre Tentakel südwärts über die Sahara hinaus ausgestreckt. Mit Geld, Waffen und vor allem Ausbildung unterstützt sie die nigerianische Gruppe Boko Haram. Diese ist in letzter Zeit von Attacken mit vergleichsweise einfachen Sprengsätzen zu Attentaten mit raffinierten Autobomben von verheerender Explosivkraft übergegangen. Da sich der Bombenbau auch im Internet-Zeitalter nicht so einfach im Do-it-yourself-Verfahren erlernen lässt, spricht hier viel für die verborgene Hand der Maghreb-Kaida.

Diese ist mit dem Schmuggel insbesondere von Drogen und den Erlösen aus Geiselnahmen zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor in der Sahara und dem subsaharischen Afrika geworden. Ihren Finanzmitteln soll es zu verdanken sein, dass viele der einst in Ghadhafis Diensten stehenden und unterdessen aus Libyen zurückgekehrten Tuareg-Söldner heute in den Reihen der islamistischen Gruppe Ansar ad-Din kämpfen. Im Norden Malis scheint inzwischen Ansar ad-Din den Ton anzugeben. Diese Gruppe nötigte auch die Tuareg-Rebellen des «Mouvement national de libération de L'Azawad» (MNLA), das ebenfalls den Kampf gegen die Zentralregierung in der Hauptstadt Bamako aufgenommen hat, zu einer allerdings kurzlebigen Fusion. Die Tuareg des MLNA sind nationalistisch eingestellt und haben eigentlich mit den Gotteskriegern, die ethnisch ebenfalls Tuareg sind, wenig gemein. Doch die Machtverhältnisse verändern sich zuungunsten der Nationalisten.

So sind es offenkundig die Islamisten, die unterdessen die Städte Timbuktu und Gao kontrollieren. Im Norden Malis ist ein sicherer Hafen für den islamistischen Terrorismus entstanden. Die menschenleeren Weiten der Wüste, die sich mit Militär und Polizei kaum überwachen lassen, sind wie geschaffen für die besondere nordafrikanische Mischung aus Kommerz, Kriminalität und Terrorismus. Eine weitere feste Operationsbasis der Islamisten besteht schon seit längerem in Somalia, wo die Shabab-Milizen in Teilen des Landes ihr Schreckensregiment errichtet haben.

Professionalität und Glück

Der Einmarsch in Afghanistan nach den Anschlägen des 11. September 2001 wurde stets mit dem Argument begründet, man dürfe am Hindukusch kein Rückzugsgebiet der Jihadisten dulden. Denn sichere Häfen ermöglichen es ihnen, in Ruhe logistisch aufwendigere Vorhaben wie die Attentate auf die Doppeltürme des World Trade Center vorzubereiten. Solche Gebiete sind die Brutstätte eines Terrorismus, der sich unter Umständen eben nicht nur regional manifestiert. Heute aber gibt es mehr solcher Freiräume denn je – die vier grossen S: zum einen Südjemen, Somalia und Sahara. Hinzu kommt die vierte, klassische Operationsbasis, nämlich Südasien, wo im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet trotz der Nato-Intervention noch genügend gesetzlose Zonen bestehen. Die Kaida ist hier zwar geschwächt, dafür sorgen Gruppen wie das Haqqani-Netzwerk und die unter dem Sammelbegriff Taliban agierende bunte Koalition aus Islamisten und Warlords für Probleme. Nach dem Abzug der meisten Nato-Truppen in anderthalb Jahren wird Afghanistan erst recht ideale Voraussetzungen für alle Spielarten von Jihadisten bieten.

Die geostrategischen Bedingungen im «Krieg gegen den Terror» sind unterdessen also ungünstiger als im Jahr 2001. Dass die Sicherheitslage in Amerika und Europa dennoch besser ist, liegt an zwei Faktoren. Für Usama bin Ladin stand immer der «ferne Feind» USA im Vordergrund. Er konzentrierte sich auf Angriffe gegen amerikanische Ziele, auf US-Botschaften in Ostafrika, Kriegsschiffe oder eben New York selbst. Der «nahe Feind» – die Regime in muslimischen Ländern – waren demgegenüber nicht so wichtig. Für seinen Nachfolger Aiman az-Zawahiri ist die Reihenfolge umgekehrt. Auch die afrikanischen Ableger der Kaida haben einen regionalen Fokus. Die Shabab befindet sich derzeit in der Defensive und muss sich im Hexenkessel Somalia behaupten. Die nordafrikanische Kaida konzentriert sich auf ihr Einflussgebiet im Maghreb und südlich davon, während sich ihre Vorläufer noch nordwärts wandten und Anschläge in Frankreich oder Spanien verübten.

Zudem funktioniert die Terrorismusabwehr ungleich besser als 2001. Dies sieht man gerade an der Kaida-Filiale, die als einzige regelmässig den «fernen Feind» ins Visier nimmt. Die Kaida auf der Arabischen Halbinsel hat in den letzten drei Jahren zwei Anschläge auf amerikanische Passagierflugzeuge sowie ein Attentat auf Frachtmaschinen geplant, hinter den stets derselbe erfindungsreiche Bombenbauer Ibrahim al-Asiri steckte. Zwei weitere Anschläge sollten auf amerikanischem Boden, in New York und Fort Hood, verübt werden.

Ein Attentäter, der sogenannte Unterhosenbomber, konnte erst in letzter Minute und dank dem technischen Versagen seiner Höllenmaschine gestoppt werden. Die anderen Vorhaben wurden aber rechtzeitig entdeckt, unter anderem, weil saudische und amerikanische Geheimdienste Informanten in der Kaida angeworben haben. Unmittelbar nach 9/11 behaupteten noch alle westlichen Nachrichtendienste, es sei fast unmöglich, die abgeschotteten Zirkel der Fanatiker zu infiltrieren. Aber wie oft kann man sich auf sein Glück und die Professionalität der Dienste verlassen?

Regionale Ansteckungsherde

Man muss damit rechnen, dass eines Tages eine Zelle alle Sicherheitsvorkehrungen überwindet und einen grossen Anschlag ausführt. Schon heute wirken rein regional ausgerichtete Gruppen über ihr eigentliches Einsatzgebiet hinaus. So wurden fünf französische Geiseln, die in Niger verschleppt worden war, in Mali gefangen gehalten. In Somalia unterrichten Islamisten in Ausbildungslagern das Handwerk des Todes. Unter den Rekruten befinden sich Migranten und Konvertiten aus Europa, die anschliessend mit Mordaufträgen zurückgeschickt werden. Darüber hinaus destabilisiert Somalia ganz Ostafrika. So sah sich neben Äthiopien auch Kenya zum militärischen Eingreifen in Somalia genötigt, nachdem die Shabab-Milizen Anschläge und Entführungen im Ausland verübt hatten.

Der islamistische Terrorismus ist ein Krebsübel, das leicht Metastasen bildet. Ein neuer Usama bin Ladin, ein charismatischer Anführer, der den «fernen Feind» angreifen will, genügt, und einer der sicheren Häfen verwandelt sich in eine global ausstrahlende Operationsbasis wie Afghanistan in der Vergangenheit. Der Jihad erfordert vergleichsweise wenig Geld und Ressourcen, und er ist bei Bedarf äusserst mobil. Solange seine Ideologie noch Anziehungskraft besitzt, ist die Gefahr nicht gebannt.



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