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Rheintaler, 28. August 2012, 07:30 Uhr

Zum Überleben im Nahen Osten braucht man auch Glück

Ein Techniker erklärt Studentinnen die Funktionsweise technischer Bauteile in einer Ausstellung zum Nuklearprogramm an der Univerität in Teheran. Zoom

Ein Techniker erklärt Studentinnen die Funktionsweise technischer Bauteile in einer Ausstellung zum Nuklearprogramm an der Univerität in Teheran. (Bild: Imago)

Im Kalten Krieg hat die atomare Abschreckung funktioniert, weil sich die beiden Supermächte rational verhielten. Doch Vernunft allein genügt nicht, wie der Nahe Osten zeigt. Auf engem Raum leben mehrere Staaten mit nuklearen Ambitionen.


Oliver Thränert

Nukleare Abschreckung hat während des Kalten Krieges funktioniert und den Frieden gesichert. Dieser Satz ist zwar plausibel, aber unvollständig. Komplett müsste er lauten: Nukleare Abschreckung hat zwischen Ost und West unter bestimmten Bedingungen funktioniert, und es war mindestens zweimal auch sehr viel Glück dabei. Kann man also auch in Zukunft auf nukleare Abschreckung bauen? Obgleich sich das Verhältnis der Nato zu Russland noch immer schwierig gestaltet, besteht heute anders als damals nicht mehr die Sorge, dass ein konventioneller Krieg zwischen dem Bündnis und Russland nuklear eskaliert. In den gegenwärtigen Diskussionen um Kernwaffen und internationale Sicherheit richtet sich der Blick derzeit eher in Richtung des Nahen und Mittleren Ostens.

Mit Israel – davon kann man ausgehen, auch wenn es nie offiziell bestätigt wurde – existiert hier bereits seit langem eine Atommacht. Offensichtlich schickt Iran sich mit seinen Atomanlagen in Natanz, Parchin und Fordo an, sich ebenfalls eine Option auf die Bombe zu erarbeiten. Könnte zwischen diesen beiden Ländern nukleare Abschreckung so funktionieren, wie dies zwischen den USA und der Sowjetunion der Fall war?

Rationale Mullahs

Als wichtigste Voraussetzung für das Funktionieren von Abschreckung wird immer wieder die Rationalität der Akteure genannt. Sie sei in Washington wie auch in Moskau gegeben gewesen. Iran hingegen wird eine entsprechende Rationalität bisweilen abgesprochen. Verwiesen wird dabei auf die scharfe Rhetorik des derzeitigen iranischen Präsidenten Ahmadinejad gegenüber Israel. Auch seine sogar vor der Uno-Generalversammlung vorgetragenen messianischen Endzeitvisionen irritieren. Überhaupt sei der zum Märtyrerkult neigende schiitische Glaube, der die iranischen Eliten prägt, mit Rationalität im westlichen Sinne nur schwer in Einklang zu bringen. Immerhin seien im Krieg mit Irak zwischen 1980 und 1988 iranische Kinder mit Schlüsseln für das Paradies um den Hals zur Minenräumung eingesetzt worden.

Würde eine solche Führung im Ernstfall nicht auch den Atomtod vieler seiner Bürger billigend in Kauf nehmen? Nein, antwortete unlängst der Altmeister des Neo-Realismus, Kenneth Waltz, in «Foreign Affairs». Iran werde nicht von verrückten Mullahs regiert, sondern von Ajatollahs, die genauso am Überleben interessiert seien wie alle anderen Regierenden auf der Welt auch. Daher würde nukleare Abschreckung zwischen Iran und Israel funktionieren und im Zuge einer iranischen Nuklearbewaffnung sogar Stabilität in die Region einziehen.

Keine Garantie

In der Tat müsste jede iranische Führung wissen, dass ein Einsatz von Atomwaffen unweigerlich das Ende des eigenen Regimes besiegelte. Die USA könnten einen iranischen Nukleareinsatz unter keinen Umständen tolerieren. Ein iranischer atomarer Überraschungsangriff auf Israel oder einen seiner arabischen Nachbarn ist daher nicht wahrscheinlich.

Auch wenn in diesem Sinne Teheran eine gewisse Rationalität zugestanden werden mag, so ist dies noch keine Garantie für dauerhaft funktionierende nukleare Abschreckung. Ein Überraschungsangriff ist nämlich nicht das wichtigste Szenario. Vielmehr kommt es darauf an, unweigerlich entstehende Krisen so wie momentan rund um Syrien so zu handhaben, dass eine nukleare Eskalation möglichst ausgeschlossen bleibt. Dafür ist Rationalität der Entscheidungsträger notwendig, aber eben nicht hinreichend.

Als Zweiter sterben

Was also waren die weiteren Bedingungen, unter denen es gelang, den Atomkrieg zwischen Ost und West zu vermeiden? Zu nennen sind vier Elemente: Geografie, Anzahl der Beteiligten, Fähigkeit zu nuklearem Lernen, und schliesslich der Glücksfaktor. Die USA und die Sowjetunion verfügten über grosse Territorien, und beide befanden sich relativ weit von der zentralen Konfliktlinie, der damaligen «Fulda-Gap», entfernt. Sie konnten daher hoffen, eine etwaige nukleare Eskalation vor der eigenen Totalvernichtung zu stoppen. Das kleine Israel, aber auch Iran hätten diese Hoffnung nicht. Falls Atomwaffen zum Einsatz kämen, könnten beide die völlige Vernichtung kaum vermeiden. In einer Krise wäre daher für beide Seiten die Versuchung gross, der eigenen Vernichtung dadurch zu entgehen, dass sie die offensiven Potenziale der jeweiligen Gegenseite frühzeitig auszuschalten versuchten.

Dies erschiene umso lohnender, als Israel wie auch Iran relativ kleine Atomwaffen-Potenziale hätten, die durch einen Erstschlag der jeweils anderen Seite unschädlich gemacht werden könnten. Wegen der kurzen Flugzeiten ballistischer Raketen stünden beide Seiten in einer Krise zudem unter enormem Zeitdruck. Keiner würde seine eigenen offensiven Potenziale vom Gegner aus der Hand geschlagen bekommen wollen. Erst wenn beide Seiten Kernwaffen auf U-Booten stationieren würden, wie dies Washington und Moskau bis heute tun, könnte man von einer beiderseitig gesicherten Zweitschlag-Fähigkeit und damit von einer gewissen Krisenfestigkeit sprechen.

Mit Waffen Kriege verhindern

Zweitens war nukleare Abschreckung im Kalten Krieg ein verhältnismässig einfach zu handhabendes Konzept mit nur zwei Spielern. Sollten im Zuge einer iranischen Atomrüstung in der mittleren Frist mit Saudiarabien, der Türkei und vielleicht auch Ägypten weitere nukleare Akteure hinzustossen, würde die Lage gerade in dem sowieso schon von Konflikten heimgesuchten Nahen Osten sehr unübersichtlich. Wobei noch erschwerend hinzukommt, dass nichtstaatliche Akteure wie Hamas und Hizbullah das Geschehen massgeblich beeinflussen. Ihr von Regierungen nicht immer zu steuerndes Verhalten könnte Krisen verschärfen, auch wenn sie selbst wohl keinen Zugang zu Atomwaffen bekommen dürften.

Drittens war die politisch wichtigste Bedingung für das Funktionieren von Abschreckung im Kalten Krieg nukleares Lernen. Beide Seiten verstanden allmählich, was Bernard Brodie bereits 1946 in seinem Buch «Die absolute Waffe» formuliert hatte: Im Atomzeitalter gehe es nicht mehr darum, Kriege zu gewinnen, sondern Kriege zu verhindern. Um dieses Ziel zu erreichen, waren Kommunikation und Kooperation in Krisen erforderlich. Zu diesem Zweck wurden heisse Drähte und rote Telefone eingerichtet. Auch wenn es kaum gelang, die völlig überdimensionierten Atomarsenale zu reduzieren, kam den jahrelangen amerikanisch-sowjetischen Rüstungskontrollverhandlungen eine wesentliche stabilisierende Funktion zu. Beide Seiten lernten die Doktrinen und die Sichtweisen der jeweils anderen besser kennen. So wurde Vertrauen gebildet.

Am Rand der Vernichtung

Immerhin konnte auf dem Gebiet der Raketenabwehr im Zuge des ABM-Vertrages von 1972 ein zusätzlicher, destabilisierender Rüstungswettlauf vermieden werden. Die politische Voraussetzung für all dies war gegenseitige politische Anerkennung, die Akzeptanz des jeweils anderen als Partner im Ringen um das Überleben im Atomzeitalter jenseits aller fortbestehenden politischen, ideologischen, wirtschaftlichen und militärischen Konkurrenz.

Wäre eine solche Entwicklung auch zwischen Israel und einer Nuklearmacht Iran vorstellbar? Gegenwärtig gibt es dafür keinerlei Anzeichen. Iran ist nicht bereit, die schiere Existenz Israels anzuerkennen. Damit fehlt die Grundvoraussetzung für nukleares Lernen, die Etablierung gemeinsamer Strategien zu Krisenmanagement, Rüstungskontrolle und Vertrauensbildung.

Viertens: Obwohl Ost und West imstande waren, all diese Instrumente zu entwickeln, bedurfte es einer gehörigen Portion Glück, um das nukleare Inferno zu vermeiden. Während der Kuba-Krise 1962 wollte ein sowjetischer U-Boot-Kommandant in der Annahme, der Dritte Weltkrieg habe bereits begonnen, zur Verteidigung seines von amerikanischen Kriegsschiffen verfolgten U-Bootes bereits atomare Torpedos einsetzen. Es bedurfte des beherzten Vetos eines russischen Waffen-Offiziers an Bord, um dies zu verhindern.

Im Jahr 1983 meldeten sowjetische Satelliten den vermeintlichen Start amerikanischer Interkontinentalraketen. In Wirklichkeit handelte es sich um Sonnenstrahlen, die von dem Satelliten missinterpretiert wurden. Erneut war es ein einzelner Offizier, der besonnen genug war, aufgrund der kaum glaubwürdig erscheinenden Alarmmeldungen – angezeigt wurden einzelne Raketenstarts, kein massiver Angriff – die sowjetischen Atomraketen nicht auf ihre Reise nach Amerika zu schicken. Insofern war es nicht der Rationalität der politischen Führungen in Ost und West geschuldet, dass der grosse Atomkrieg nicht stattfand. Vielmehr hing das Wohl und Wehe ganzer Nationen am instinktiv richtigen Verhalten einzelner Individuen.

Klassisches Dilemma

So gesehen ist und bleibt nukleare Abschreckung ein fragiles Konzept. Anstatt es auch in der ohnehin konfliktreichen Region des Nahen und Mittleren Ostens anwenden zu wollen, sollte man, wie Präsident Barack Obama angeregt hat, die Abschaffung aller Atomwaffen als langfristiges Ziel anvisieren. Aber was bedeutet dies kurzfristig für den Umgang mit der iranischen nuklearen Herausforderung? Sollte man die iranische Bombe auf jeden Fall verhindern, auch zum Preis eines möglicherweise viele Opfer fordernden Krieges? Noch gibt es ein Zeitfenster, das genutzt werden kann, um eine diplomatische Lösung zu realisieren, die Iran überprüfbar und nachhaltig von der Bombe fernhält. Sollte sich dieses Fenster weiter schliessen, stünde die Welt in der Tat vor einem klassischen Dilemma: entweder Iran bombardieren oder eine iranische Bombe akzeptieren. Beides hätte vermutlich einen sehr hohen Preis.

Oliver Thränert leitet den Think-Tank Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich.



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