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Rheintaler, 18. Juli 2012, 07:30 Uhr

«Eine Heilung könnte möglich sein»

«Safer Sex» – ein Plakat der Stop-Aids-Kampagne von 2004. Zoom

«Safer Sex» – ein Plakat der Stop-Aids-Kampagne von 2004. (Bild: BAG / Keystone)

Am Sonntag beginnt in Washington die Internationale Aids-Konferenz. Durchbrüche seien keine zu erwarten, sagt der Infektiologe Pietro Vernazza im Gespräch. Es gebe aber Hinweise dafür, dass die Aids-Epidemie gestoppt und Infizierte geheilt werden könnten.


Interview: Alan Niederer

Herr Vernazza, Sie haben vor kurzem im Radio über Ihre Vision gesprochen, dass Aids in 20 bis 30 Jahren heilbar sein könnte. Was macht Sie so zuversichtlich?

Beobachtungen und Experimente haben gezeigt, dass einige Personen, die ganz früh nach der HIV-Ansteckung behandelt werden, geheilt werden können.

Das klingt spektakulär. Was sind das für Patienten?

Sie haben alle ihre Medikamente nach mehreren Jahren abgesetzt und sind gesund geblieben. Das HI-Virus ist aus ihrem Körper verschwunden.

Solche Fälle sind dokumentiert?

Ja, es gibt eine Studie aus Frankreich, die zeigt, dass 5 von 32 Patienten über einen Beobachtungszeitraum von zwei Jahren virusfrei blieben. Bei allen war die retrovirale Therapie in den ersten Tagen nach Auftreten der Symptome einer HIV-Infektion begonnen worden.

Und diese Patienten sind jetzt geheilt?

Ich denke, nach zwei Jahren ohne Virusnachweis dürfen sie als geheilt betrachtet werden.

Aids-Experte Pietro Vernazza. Zoom

Aids-Experte Pietro Vernazza.
(Bild: PD)

Dem Virus fehlt die Zeit

Wie aber ist das zu erklären? Bisher hiess es doch, das HI-Virus könne nie ganz eliminiert werden, weil es in den infizierten Zellen schlummere und nach Absetzen der Therapie sofort wieder in Erscheinung trete. Ist diese Vorstellung falsch?

Nicht unbedingt. Was bei den geheilten Patienten speziell ist, ist die sehr frühe Behandlung. Dadurch könnte dem Virus die Zeit fehlen, um sehr viele Zellen zu infizieren. Und weil unter der Therapie die Zellen mit den schlummernden HI-Viren mit der Zeit zugrunde gehen, kann es zur Heilung kommen.

Ist das vergleichbar mit der Post-Expositions-Prophylaxe, bei der Personen nach einer möglichen Ansteckung auch möglichst rasch behandelt werden?

Nicht ganz. In diesem Fall werden die Medikamente ja eingenommen, bevor die ersten Krankheitssymptome auftreten. Aus Tierexperimenten wissen wir, dass die Behandlung in den ersten Stunden nach einer möglichen Ansteckung beginnen muss. Wird 24 Stunden oder länger gewartet, ist der Effekt null. Denn das Virus hat zu diesem Zeitpunkt bereits eine erste Vermehrungsrunde im Körper hinter sich, und eine zwei- oder vierwöchige Post-Expositions-Prophylaxe kann nichts mehr ausrichten.

Es braucht dann eine jahrelange Behandlung, um das Virus langsam aus dem Körper zu eliminieren . . .

Genau. Denn auch die latent infizierten Zellen, in deren Erbgut das HIV-Genom schlummert, werden irgendeinmal aktiviert. Dann produzieren sie neue HI-Viren. Geschieht das unter der Behandlung, werden die bisher inaktiven Zellen durch die HIV-Medikamente zerstört. Es gibt mathematische Modelle, die voraussagen, dass es auf diese Weise sieben bis zehn Jahre dauert, bis alle latent infizierten Zellen aus dem Körper verschwunden sind. Dies gilt aber nur, wenn der Pool an infizierten Zellen in den ersten Wochen der Infektion klein ist.

Könnten mit diesem Ansatz alle Infizierten geheilt werden, oder spielen auch patientenspezifische Faktoren eine Rolle?

Das ist noch völlig unklar. Die Forschung in diesem Bereich konzentriert sich auf die latent infizierten Zellen. Es wird untersucht, wie man diese Zellen aufspüren und gezielt zerstören könnte. Oder man versucht, diese Zellen zu aktivieren, um sie auf diesem Weg zu eliminieren.

Der «Berliner Fall» als Vorbild

Ein anderer Ansatz hat 2008 Schlagzeilen gemacht. Berliner Ärzten war es gelungen, einen HIV-infizierten Patienten mit Leukämie vom Aids-Erreger zu befreien. Sie führten dazu eine Stammzelltransplantation durch mit Spenderzellen, die sich aufgrund eines mutierten Oberflächenrezeptors nicht mit HIV infizieren lassen. Ist das auch bei anderen HIV-Patienten versucht worden?

Etwas Ähnliches. Mit gentechnologischen Methoden wird versucht, die Zellen des Infizierten so zu verändern, dass sie den erwähnten Rezeptor nicht mehr auf ihren Zellen tragen. Die Zellen sind dann immun gegen das HI-Virus.

Das wird bereits an Patienten erprobt?

Ja, erste Pilotstudien sind unterwegs.

Braucht es dafür, wie beim Berliner Fall, eine Stammzelltransplantation?

Die jetzigen Versuche beim Menschen sind weniger aggressiv. Die eigenen Zellen des Immunsystems werden nicht zerstört. Man nimmt lediglich Zellen aus dem Körper, verändert sie so, dass sie nicht mehr vom HIV infiziert werden können, und gibt sie wieder zurück. Weil diese Zellen einen biologischen Vorteil haben, überleben sie länger. Man hofft, dass dadurch die unveränderten Immunzellen verdrängt werden.

Zurück zum Berliner Patienten: Jüngst gab es Diskussionen, weil einige Forscher in seinem Blut Spuren von HIV nachgewiesen haben wollen. Andererseits lebt der Mann seit fünf Jahren ohne Medikamente und fühlt sich angeblich gesund.

Auch nach einer Stammzelltransplantation können noch Zellen vom alten Immunsystem vorhanden sein. Es würde mich nicht überraschen, wenn das bei dem Patienten der Fall ist. Dennoch kommt es nicht zum Wiederaufflackern der HIV-Infektion, weil der Hauptteil der Immunzellen für das Virus nicht mehr zugänglich ist.

Haben Sie selber auch schon geheilte HIV-Patienten betreut?

Nein, ich habe aber zwei Patienten, bei denen sich das Virus auch ohne Medikamente nicht vermehrt. Bei diesen Personen gelingt es dem Immunsystem, das HIV in Schach zu halten.

Kennt man die Gründe dafür?

Es gibt vererbte Faktoren, die dazu führen, dass das Immunsystem über Abwehrzellen verfügt, die eine sehr breite und wirkungsvolle Immunantwort gegen das HIV aufbauen können. Vielleicht spielen aber auch die Höhe der Viruskonzentration bei der Ansteckung und virale Eigenschaften eine Rolle.

Neuansteckungen gehen zurück

Die Zahl der Neuansteckungen ist in den letzten zehn Jahren weltweit um 20 Prozent zurückgegangen. Das bedeutet doch, dass die Epidemie langsam zu einem Ende kommt. Wann ist es so weit?

Dazu gibt es verschiedene mathematische Modelle. Einige gehen von 40 bis 60 Jahren aus. Schneller würde es gehen, wenn mehr Infizierte früh diagnostiziert und behandelt würden. In diesem Fall könnten 10 bis 20 Jahre reichen.

Die Schweiz schneidet bei den Neuansteckungen im westeuropäischen Vergleich nicht sonderlich gut ab. Warum?

In der Schweiz sind wir sehr erfolgreich, was die Bekämpfung der HIV-Infektion über Spritzentausch unter Drogensüchtigen anbelangt. Weniger gut sieht es aus bei Migranten aus Problemländern und Männern, die Sex mit Männern haben. Letztere waren in der Schweiz schon immer eine wichtige Risikogruppe. Bei dieser haben wir aber seit 2008 einen deutlichen Rückgang der Neuinfektionen erzielt. Das dürfte nebst den gezielten Präventionskampagnen auch damit zusammenhängen, dass die Akzeptanz für eine HIV-Behandlung zugenommen hat, nicht zuletzt wegen der nachgewiesenen Wirkung auf die Übertragungsrate. So sind heute mehr Personen bereit, sich frühzeitig behandeln zu lassen, was die Weiterausbreitung reduziert.

In den letzten Jahren haben andere sexuell übertragbare Krankheiten wie Syphilis und Gonorrhöe zugenommen. Heisst das, dass weniger Kondome verwendet werden?

Bei den gefährdeten Gruppen gibt es tatsächlich eine relevante Zahl von Personen, die keinen Safer Sex praktizieren. Das ist ein Problem. Die Ausbreitung von Syphilis und Tripper ist aber nicht mit der HIV-Epidemie gleichzusetzen. So werden Gonorrhöe und Syphilis anders als HIV häufig durch Oralverkehr übertragen. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb bei schwulen Männern Tripper und Syphilis zunehmen und HIV abnimmt.

2008 hat die Schweiz als erstes Land in einem Statement gesagt, dass HIV-infizierte Personen unter einer wirksamen Therapie nicht mehr ansteckend sind. Diese Aussage ist damals auch kritisiert worden. Wie ist die Situation heute?

Die meisten Wissenschafter haben das Statement akzeptiert. Für Menschen mit HIV stellt die Information eine grosse Erleichterung dar. Viele Länder haben ihre Informationen und Empfehlungen in Bezug auf das Übertragungsrisiko angepasst, und auch an den Gerichten setzt sich die Information langsam durch, dass behandelte HIV-Infizierte nicht mehr ansteckend sind.

Auswirkungen der Wirtschaftskrise

Wegen der Wirtschaftskrise werden in vielen Ländern die Budgets für die Aids-Arbeit zurückgefahren. Befürchten Sie, dass dadurch die Neuansteckungen wieder zunehmen könnten?

Das ist eine grosse Sorge. Ich weiss von einem HIV-Projekt in Baschkortostan, das wir von der Schweiz aus unterstützen. Die Medikamente für die 2500 Patienten wurden bisher aus Moskau geliefert. Im Dezember haben wir erfahren, dass die Ärzte für dieses Jahr noch keine Medikamente erhalten haben.

Aids hat 1981 als mysteriöse Krankheit in den USA begonnen. Seither hat man viele seiner Geheimnisse gelüftet. Welche dunklen Flecken bleiben noch?

Ein Problem, das wir noch zu wenig angegangen haben, betrifft die Frage, inwieweit das Gehirn von der HIV-Infektion betroffen ist. Denn selbst bei guter Therapie gibt es Patienten, deren Hirnleistung sich verschlechtert.

Könnte das auch mit der Behandlung zusammenhängen?

Das glaube ich weniger. Denn wir wissen, dass das Virus selbst zu Problemen im Gehirn führt. Je höher die Viruskonzentration im Zentralnervensystem ist, desto eher treten neuropsychologische Defizite auf. Unter der Behandlung nehmen diese zwar ab, aber es gibt immer wieder Patienten, bei denen die Virusvermehrung im Gehirn nicht gestoppt ist, selbst bei vollständig unterdrückter Virusvermehrung im Blut.

Seit kurzem gibt es in den USA einen Schnelltest, der zu Hause durchgeführt werden kann. Ist das eine gute Idee?

Ich glaube nicht, dass das in der Schweiz viel bringen würde. Denn das Problem ist nicht, dass es zu wenig Testmöglichkeiten gibt, sondern dass einige Leute nicht daran denken, sich testen zu lassen, oder keinen Test wollen. Das haben wir etwa bei unseren Präventionsbemühungen auf Raststätten gesehen, wo sich Männer treffen, um Sex mit Männern zu haben. Etliche dieser Männer leben in heterosexuellen Beziehungen und definieren sich nicht als Homosexuelle. Viele von ihnen wollten keinen Aids-Test durchführen lassen, obwohl wir ihn gratis und sofort angeboten haben. Und jene, die sich testen liessen und ein «positives» Testergebnis erhielten, kamen später nicht zur Kontrolle.

Gerade solche Risikogruppen versucht man doch mit dem nationalen Präventionsprogramm zu erreichen . . .

Wir müssen uns auf die Männer konzentrieren, die ansprechbar sind. Das sind jene, die sich in der Szene offen als Homosexuelle zeigen. Dieser Ansatz ist richtig, denn damit erreicht man den grössten Teil der Männer, die Sex mit Männern haben. Wenn es uns gelingt, bei ihnen die Ansteckungsrate zu reduzieren, dann profitieren auch die Männer, die wir nicht erreichen.

Umstrittene Prä-Expositions-Prophylaxe

Heiss diskutiert wird derzeit auch über die sogenannte Prä-Expositions-Prophylaxe. Dieses Konzept sieht vor, dass sich Personen aus Risikogruppen mit vorsorglich eingenommenen Aids-Medikamenten vor einer Ansteckung schützen können. Laut amerikanischen Behörden kann das im Einzelfall sinnvoll sein. Stimmen Sie dem zu?

Eine effiziente Massnahme ist das mit Sicherheit nicht. Denn verglichen mit allen anderen Präventionsmassnahmen ist die medikamentöse Prä-Expositions-Prophylaxe um ein Vielfaches teurer.

Wird die Prä-Expositions-Prophylaxe in der Schweiz nicht angeboten?

Diskutiert wird darüber schon. Und in Einzelfällen wird es auch gemacht. Das ist sicher nicht falsch, solange die Medikamente selber bezahlt werden. Es wäre aber nicht sinnvoll, wenn der Staat oder die Krankenkassen solche Präventionsmassnahmen übernehmen müssten.

Wie beurteilen Sie das Problem der Resistenzentwicklung in diesem Zusammenhang?

In den letzten Jahren haben wir gesehen, dass die Resistenzbildung in der präventiven Anwendung gering ist. Das ist sicher nicht das grösste Problem.

Sind die Kosten das Hauptproblem oder dass damit kein vollständiger Schutz möglich ist?

Die Kosten. Der Schutz ist sehr gut, wenn die Tabletten richtig eingenommen werden. Das ist vergleichbar mit einem Kondom.

Noch besser wäre eine Schutzimpfung. 2009 sorgte eine «erste wirksame Impfung» für grosses Aufsehen, obwohl ihr Nutzen bescheiden war. Warum so viel Geschrei für so wenig?

Wenn die Suche nach einer Impfung weitergehen soll, muss man Resultate präsentieren. Persönlich glaube ich nicht, dass die Impfstoff-Forschung das Aids-Problem lösen wird. In diesem Bereich ist in den nächsten Jahren kein Durchbruch zu erwarten.

Auch nicht bei den sogenannten breit wirksamen Antikörpern, die seit wenigen Jahren für neue Hoffnung sorgen?

Wenn es zum Durchbruch kommen sollte, dann in diesem Bereich. Da sehe ich tatsächlich Potenzial. Aber warten wir es ab. Wir waren bisher immer zu optimistisch.



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
diethelm (18. Juli 2012, 12:53)
Wenn Mann sich auf einen Sexualpartner beschränken würde,

könnte HIV sich nur noch sehr beschränkt ausbreiten und Mann täte erst noch seiner Partnerschaft (egal ob homo oder hetero) einen Gefallen. Und würde damit auch noch die Frauen schützen, denn für die Ansteckung einer Frau mit HIV via Sex braucht es einen Mann, sonst wären lesbische Paare mehr von HIV betroffen.

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