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Rheintaler, 24. Juni 2012, 00:00 Uhr

Dirigent auf Schleuderkurs

Formel-1-Chef Bernie Ecclestone soll einen Banker der Bayrischen Landesbank mit 44 Millionen Dollar bestochen – und sich selber Millionen zugehalten haben. Nun bangt er um seine Macht.


Von Susanne Ziegert

Seit fast vier Jahrzehnten ist Bernie Ecclestone der unangefochtene Alleinherrscher der Formel 1. Alle Versuche, ihn abzusetzen, parierte der 81-jährige Brite mit Domizil in Gstaad gelassen. Doch nun bringt ihn ein Prozess gegen den ehemaligen Risiko-Chef der Bayrischen Landesbank, Gerhard Gribkowsky, vor dem Münchner Landgericht in Bedrängnis.

Der Bankmanager hat ausgesagt, dass er sich von Ecclestone mit einem «Berg von Geld» und der Aussicht auf einen Beraterposten bei der Formel 1 bestechen lassen habe. 44 Mio. $ habe er erhalten, um die Formel-1-Beteiligung an einen von Ecclestone empfohlenen Finanzinvestor zu verkaufen.

Seit Anfang 2011 steht der ehemalige Bankmanager wegen des Verdachts auf Bestechlichkeit, Untreue und Steuerhinterziehung vor dem Landgericht München. Die Ermittler waren auf dubiose Geldströme von den Britischen Jungferninseln und der Insel Mauritius auf die Konten einer Stiftung «Sonnenschein» in Österreich gestossen, die Gribkowsky zugeordnet werden konnten – und vermuteten Schmiergelder für den Formel-1-Verkauf.

Nach der Pleite des deutschen Film- und TV-Moguls Leo Kirch waren die Anteile an der Rennsport-Vermarktungsgesellschaft der Bayrischen Landesbank als Kreditgeberin zugefallen. Risiko-Chef Gerhard Gribkowsky verwaltete die Anteile. Dabei machte er dem bisherigen Alleinherrscher im Rennzirkus zunächst offenbar das Leben schwer. So verklagte die Bayrische Landesbank gemeinsam mit zwei anderen Instituten Ecclestone, weil er «unrechtmässig die Entscheidungsgewalt in der Formel 1 an sich gezogen hatte».

Obwohl er nur noch 25% an der Formel-1-Holding SLEC hielt, schaltete und waltete er nach Gutdünken. Schon lange hatten sich die Autokonzerne über zu niedrige Anteile an den Werbeeinnahmen beschwert und Ecclestones Absetzung gefordert. Doch dieser verstand es stets, alle Akteure gegeneinander auszuspielen.

Plötzlich vollzog die Bayrische Landesbank einen kompletten Strategiewechsel, Gribkowsky betrieb den Verkauf der Anteile an die Finanzgesellschaft CVC, die sogleich Ecclestone als Geschäftsführer bestätigte. Wieder einmal hatte dieser seine Macht gesichert – und dafür grosszügig bezahlt. Der Milliardär räumt die Zahlungen an Gribkowsky zwar ein, bestreitet jedoch eine Bestechung.

Bei seiner Zeugenaussage vor dem Münchner Landgericht im November gab der kleine Mann mit der Pilzfrisur seine Version der Ereignisse wieder. Er habe sich von dem Banker «bedroht gefühlt» und befürchtet, dass dieser die britischen Behörden über die Steuersparkonstruktion seiner Familienstiftung Bambino informieren könnte. Das hätte ihn 2 Mrd. £ kosten können, ihm wäre nicht einmal eine «Armbanduhr» geblieben.

Ganz anders fiel die Version seines ehemaligen Geschäftspartners aus, der nach eineinhalb Jahren und 45 Verhandlungstagen sein Schweigen gebrochen hat – und die Bestechung durch Ecclestone zugab. Nachdem das Gericht eine Strafe von über zehn Jahren Gefängnis in Aussicht gestellt hatte, legte Gerhard Gribkowsky sein Geständnis ab, das Einblick in die eigenartigen Praktiken im Rennsport gibt.

2005 habe er geglaubt, den Machtkampf gegen Ecclestone bei der Formel 1 gewonnen zu haben, als dieser ihn in seinem Londoner Büro mit den Worten empfing: «Jetzt erkläre ich dir mal, wie das Leben ist.» Dann erläuterte der bloss 1,58 Meter grosse Ecclestone, wie er ganz leicht eine Konkurrenzveranstaltung zur Formel 1 aufbauen werde, mit allen Rennställen, Sponsoren und Strecken, falls man ihn nicht in Ruhe lasse. Gleichzeitig versprach er aber Gribkowsky, ihn als Berater zu beschäftigen, wenn er ihm helfe, die Anteile am Renn-Vermarkter zu verkaufen. «Der kleine Mann hat bei mir einen Knopf gedrückt. Ich habe die Augen zugemacht», gestand Gribkowsky. Von seiner Bank fühlte er sich nicht anerkannt, da diese eine Bonuszahlung verweigert hatte. Er fädelte den Verkauf an den Finanzinvestor ein und überwies zudem noch eine Provision in Höhe von 41 Mio. $ an Ecclestone.

Der grosse Traum des Landesbankers war der Einstieg in die glitzernde Motorsportwelt, offensichtlich beeindruckt vom «grossen Zampano», der im Falcon-Jet aus der Schweiz zu den Rennen einfliegt und dort gönnerhaft in seinem Wohnmobil den «inneren Zirkel» empfängt.

Noch immer beherrscht er über ein undurchschaubares Geflecht von Verträgen das Geschäft, das ihn zum Milliardär gemacht hat. Nach der kostspieligen Scheidung wird sein Vermögen auf 4,2 Mrd. Fr. geschätzt. Das war ausreichend, um die Projekte seiner Freunde zu unterstützen, wie etwa die einst konkursbedrohte Seilbahn Glacier 3000 bei Les Diablerets. In Gstaad bewohnt er mit seiner neuen, 35-jährigen Freundin ein pompöses Chalet.

Doch nun muss der Selfmade-Mann erstmalig ernsthaft um seine Macht und sein Vermögen bangen. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf Bestechung gegen ihn und wird demnächst entscheiden, ob Anklage erhoben wird. Bei einer Verurteilung drohen dem Alleinherrscher der Formel 1 bis zu fünf Jahre Haft. Zudem wurde er von einer Nachfolgefirma des Kirch-Imperiums auf Schadenersatz verklagt.

Ecclestone wies die Vorwürfe zurück. Der «arme Junge», welcher seit achtzehn Monaten im Gefängnis sitzt, habe nur versucht, sich selbst zu retten. Die Ermittlungen kommen denkbar ungünstig: Im Juni wollte die Formel 1 in Singapur an die Börse gehen. Der Termin ist jedoch verschoben worden.



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