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Rheintaler, 19. Juni 2012, 00:00 Uhr

Zahlensalat um die Grossbanken

Sitz der SNB in Bern. Zoom

Sitz der SNB in Bern. (Bild: KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Die Nationalbank hat die Kontroverse um die Eigenkapitaldecke der Grossbanken erneut in die Öffentlichkeit gerückt. Die Beurteilung der Eigenmittelpolster hängt stark von der Berechnungsmethode ab.


Hansueli Schöchli

Wie dick sind denn nun die Eigenkapitalpolster der Schweizer Grossbanken? Die Frage ist nach dem kritischen Finanzstabilitätsbericht der Nationalbank wieder in den Brennpunkt der Öffentlichkeit gerückt (NZZ 15. 6. 12). Der Ärger beginnt schon bei den Definitionen. Für die Credit Suisse zum Beispiel betrug die Eigenkapitalquote per Ende März 2012 immerhin 18,7%. Oder 16,7%. Oder 7,5%. Oder 5,9%. Oder 4,7%. Oder gar nur 1,7%. Je nachdem, was als «Eigenkapital» gilt und welches die Bezugsgrösse ist (die Basis von 100%), kommen sehr unterschiedliche Quoten heraus. Die neuen globalen Leitplanken von «Basel III» bringen Verschärfungen im Zähler wie im Nenner: Gewisse Bilanzposten wie etwa Steuergutschriften und Goodwill werden nicht mehr anrechenbar sein, zudem werden bei manchen Posten die Risiken höher gewichtet, was die Bezugsgrösse für die Kapitalberechnung zum Teil deutlich erhöht.

Steigende Nervosität

Die neuen Globalregeln treten schrittweise bis zum Ablauf der Übergangsfrist Ende 2018 in Kraft, was den Banken Anpassungszeit geben sollte. Angesichts der Zuspitzung der Krise im Euro-Raum verlangen Behörden und Märkte aber zunehmend eine schnellere Anpassung. Wendet man die formell erst ab 2019 voll geltenden Verschärfungen schon heute an, schrumpfen die Eigenkapitalquoten deutlich.

Hinzu kommt das auch mit «Basel III» ungelöste Problem der Risikogewichtungen. Die ausgewiesenen Quoten sind schönfärberisch, die Berechnungsmodelle für die Risikogewichtung sind unzuverlässig, die Risikoeinschätzungen können sich drastisch ändern (Staatsanleihen als aktuelles Beispiel), und die Banken werden auch bei den neuen Regeln Spielräume ausreizen wollen. Deshalb ist die Ergänzung durch eine ungewichtete Eigenkapitalquote sinnvoll. Die Nationalbank und andere Analytiker haben schon wiederholt betont, dass die Schweizer Grossbanken gemessen an ungewichteten Eigenmittelquoten im internationalen Vergleich nicht glorios dastehen. Das ist nicht zwingend der Beginn einer Katastrophe, denn vielleicht halten die Schweizer ja tatsächlich weniger risikoträchtige Positionen als andere Institute. Doch es wirft Fragen auf. Reizen UBS und CS die Spielräume der Risikogewichtung besonders stark aus?

Auf globaler Ebene ist für die ungewichtete Eigenmittelquote eine Minimalvorgabe von 3% im Gespräch, die Schweiz verlangt von ihren Grossbanken ab 2019 Eigenkapital für mindestens 4,5% ihres Gesamtengagements (Bilanzsumme plus gewisse ausserbilanzliche Verpflichtungen). Pro 100 Franken Engagement werden die Grossbanken also auch künftig kaum einen Fünfliber an Eigenkapital benötigen. Doch selbst von dieser bescheidenen Vorgabe sind die Schweizer Grossbanken noch deutlich entfernt. In den ausgewiesenen Quoten per Ende März 2012 von 4,7% (CS) bzw. 5,6% (UBS) sind die ausserbilanzlichen Verpflichtungen, das Schweizer Kreditgeschäft und kommende Verschärfungen von «Basel III» noch nicht berücksichtigt.

Eine etwas andere Basis hat die jüngste Rechnung der Nationalbank (SNB). Demnach verfügten die Grossbanken per Ende März 2012 über verlustabsorbierendes Kapital von nur gerade 1,7% (CS) bzw. 2,7% (UBS) der Bilanzsumme, ohne Berücksichtigung von ausserbilanzlichen Verpflichtungen. Die CS käme mit ihrer schon aufgegleisten Transaktion per Oktober 2013 auf schätzungsweise 2,3%. Der SNB-Bericht forderte mit seiner Optik für die kommenden zwölf Monate die CS zu einer Stärkung der Kapitaldecke noch im laufenden Jahr auf. Solche öffentlichen Aufforderungen sind heikel, können sie doch an den Märkten zusätzliche Verunsicherung auslösen. Offenbar kam die SNB zum Schluss, dass bisherige Ermunterungen hinter den Kulissen nicht die erhofften Resultate brachten. Hinzu mag der Wunsch kommen, nicht mehr die gleichen Fehler zu machen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise – als die Grossbanken an einer zu langen Leine waren.

Finma auf dem Fahrersitz

Zuständig für die Aufsicht der Einzelinstitute ist allerdings nicht die Notenbank, sondern die Finanzmarktaufsicht Finma. Und diese scheint nicht besonders glücklich über die SNB-Äusserungen zu sein. Die Grossbanken sind ein natürliches Spannungsfeld der beiden Behörden, weil hier die Aufsicht der Einzelinstitute (Finma-Zuständigkeit) und Fragen der Systemstabilität (SNB-Zuständigkeit) überlappen. Unbestritten scheint jedoch, dass bei den Eigenmittelvorgaben die Finma am Steuer sitzt. Die CS betont, dass der bestehende Fahrplan zur Aufstockung der Eigenmittel mit der Finma abgesprochen sei und keine Beschleunigung in den Büchern stehe. Ob es dabei bleibt, wird man vielleicht bald sehen.



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