Tagblatt Online, 17. Oktober 2011 13:21:00
Berner Pulverdampf in der St. Galler Arena
Ehrendamen tragen eine der 70 Trachten aus den sechs Berner Regionen.
Die St. Galler stehen bis in die fünfte Reihe. Einige verfolgen das Geschehen fast ausschliesslich durch ihre Kamera: Auch der diesjährige Olma-Umzug hat viele Menschen aus nah und fern in die St. Galler Innenstadt gelockt. Annähernd 20 000 dürften sich in Gassen und an Strassenrändern aufhalten. Die Berner zaubern Farben in den trüben Samstagvormittag, vor allem aber wird der Gastkanton seines Olma-Mottos «Gringe u Gschichte» gerecht. Er zeigt auf dem Weg vom Bahnhof zum Waaghaus seine Tradition und seine Vielfalt, welche auch die Sprachgrenze Deutsch-Welsch überwindet.
Alpabfahrt in der Stadt
Zuerst aber geben die St. Galler die Route vor: die berittene Polizei, die Knabenmusik sowie die Ehrengäste. Die besonderen Verdienste des Gastkantons um die Landesverteidigung demonstriert dann sogleich die Historische Infanterietruppe der Berner Milizarmee von 1784 mit ihren Vorderlader-Steinschloss-Gewehren.
«Muuh» – eine Kuh ist es, die unmissverständlich den Agrarkanton Bern in Erinnerung ruft. Eine veritable Alpabfahrt gehört bereits am Anfang zu den Höhepunkten des bunten Reigens. Die entsprechenden Produkte folgen sogleich: Alp- und Hobelkäse werden geschnitten. Mächtige Büffel stehen für Mozzarella-Käse. Berner Sennenhunde präsentieren sich mit Milchwägeli. Geworben wird auch für den Gemüsepfad im Seeland und die neue IP-Suisse-Wiesenmilch und Pflegeprodukte. Streckenweise ist der Umzug eine fahrende Degustationshalle. So verteilen verkleidete Mönche Rosetten von Tête de Moine, derweil die Bielersee-Winzer ihren Weisswein lieber selber trinken.
Einstein, Gotthelf, Hubacher
Berner Gringe, damit sind auch jene gemeint, die bereits in die Geschichtsbücher eingegangen sind, so dass sie bloss als lebende Nachahmung durch die St. Galler Strassen spazieren: Unverkennbar darunter Albert Einstein. Andere sind Ferdinand Hodler, Jeremias Gotthelf oder Rudolf Minger. Als Originale in St. Gallen präsent sind die früheren Sportcracks. Wegen seiner Körpergrösse immer noch herausragend der Kugelstösser und Zehnkämpfer Edy Hubacher.
Veranstalter von Grossanlässen weisen auf das Eidgenössische Schwingfest 2013 in Burgdorf und das Eidgenössische Turnfest im selben Jahr in Biel hin. Ein Kunstturner schwingt sich auf einem Anhänger am Barren in die Luft.
Ebenfalls beachtlich ist der Showeffekt der Berner Fachhochschule: Absolventen demonstrieren auf Stelzen die Stabilität der einheimischen Esche. Optisch reizvoll die Zugkomposition der BLS aus Plastiktuch, die als «Tausendfüssler» daherkommt.
Nachklang zum Musikfest
Immer wieder ziehen Musikgesellschaften vorbei. Für manches Ohr sind die schmissigen Weisen ein Nachklang auf das «Eidgenössische» vom vergangenen Juni. Brauchtum ist das Thema der Bernischen Trachtenvereinigung, und die Brächete Zäziwil zeigt live auf einem Wagen, wie aus Flachs Leinenstoff wird. Dass Errungenschaften auch im Kanton Bern nicht ohne Bildung möglich waren, verdeutlicht eine Anker-Schulklasse von 1850, dahinter heutige Oberstüfler in ihren landestypischen Trachten.
Schliesslich verkünden dumpfe Klänge von schweren Treicheln und die gleich dahinter folgenden, blinkenden Putzwagen das Ende des Umzugs 2011 mit annähernd 50 Sujets und 1300 Teilnehmern. Fredi Kurth
olma 29
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