Tagblatt Online, 17. Oktober 2011 13:21:00
Wenn Stadtkinder mit der Landjugend feiern
Wieso alle die Olma so lieben, das ist schwer nachzuvollziehen. Zumindest am Sonntagmorgen, wenn man mit fiesen Kopfschmerzen aufwacht. Und dann noch einen Blick ins erstaunlich leichte Portemonnaie wirft. Da fragt man sich schnell, wo das ganze Geld geblieben ist. Nun ja, es wird wahrscheinlich gerade von einem Olma-Wirt aus einem proppenvollen Kässeli genommen und gezählt.
Schweiss, Alkohol und greifende Hände
Der Abend nach der Olma beginnt an der Olma. In der Degustationshalle, an einem Stand mit viel zu gutem Wein. Nach der Achterbahn und dem obligaten Autoscooter fühlt sich dieser im Magen allerdings kurzzeitig nicht mehr so gut an. Trotzdem geht's weiter, in die Tonhalle. Der Keller ist gut gefüllt; es dauert einige Minuten, bis man an der Bar angekommen ist. Und dann am liebsten wieder umkehren möchte, wenn man die horrenden Preise entdeckt.
Es sind allerdings nicht nur die teuren Getränke, die mich ziemlich schnell wieder aus der Tonhalle vertreiben. Es ist der intensive Gestank nach Schweiss und Alkohol, es sind die grapschenden Männerhände, die drei Drinks, die über die weisse Bluse geschüttet wurden. Praktischerweise liegen alle Olma-Hotspots sehr nahe beieinander. Da muss man nur ein paar Meter weitertorkeln und steht schon vor dem Talhof. Allerdings nicht alleine – eine endlos lange Schlange wartet vor dem Eingang.
Zum Glück lockert der Alkohol die Zunge. Nach einem intensiven Gespräch mit dem Türsteher, in dem einige wichtige Namen fallengelassen werden, wird man tatsächlich durch den Ausgang eingelassen. Die wartende Schlange zischt natürlich, aber was soll's. Drinnen wird schnell klar: der viele Wein und die teuren Biere haben sich gelohnt. Denn in nüchternem Zustand wären die Schlagerhits und die grölende Masse kaum zu ertragen.
Dorthin, wo man sich wohl fühlt
Je länger man die Mitfeiernden betrachtet, desto mehr erkennt man, dass es sich dabei nicht um das normale St. Galler Partyvolk handelt. Der Mann, der sich gerade in einer Ecke übergibt, hat vorher in ausgeprägtem Appenzellerdialekt herumposaunt, dass er noch lange nicht beabsichtige, nach Hause zu gehen. Und die beiden an der Bar, deren Flirt man per Zufall mithört? Er aus Degersheim, sie aus Muolen. Es ist anscheinend eher die Landjugend, die sich hier vergnügt. Wobei «Jugend» nicht unbedingt das richtige Wort ist. Der Typ, der einen vorher mit einem «So, du Hübschi» angesprochen hat, hat seinen 50. Geburtstag bestimmt schon hinter sich. Genau wie viele andere Menschen im Raum.
Als echtes Stadtkind macht man sich dann – nach einigen Stunden mitten im feiernden Olma-Volk – wieder auf den Weg dorthin, wo man unter seinesgleichen ist und sich wohl fühlt: In der Grabenhalle steigt eine Elektroparty. Aisha Green
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