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Rheintaler, 06. Juli 2012 08:29:41

Steile Wege in der Sierra Maestra

Eingang zum Nationalpark Turquino. Zoom

Eingang zum Nationalpark Turquino. (Bild: Imago)

Der Pico Turquino ist mit 1974 Metern die höchste Erhebung Kubas. Von Süden her gelangt man in einem Tag auf den Gipfel und wieder hinunter. Das ist im Vergleich zur klassischen Revolutionsroute der etwas ungewöhnlichere Weg.

Christoph Oellers

Sterne sehe ich nicht. Jamaica, die Nachbarinsel 70 Kilometer im Süden, sehe ich nicht. Ich sehe fast nichts auf dem Pico Turquino, dem höchsten Gipfel Kubas. 1974 Meter über dem Meer: Ich sehe auf einem Steinsockel José Martí, den dichtenden Nationalhelden aus dem Unabhängigkeitskrieg des 19. Jahrhunderts, der auf dem Schlachtfeld im Frack fiel. Er blickt nach Osten, Richtung Santiago, wo er begraben liegt. Sonst aber: hoher Busch, milchige Nebelschwaden, Wind und Wolken. Wer sich als mitteleuropäischer Bergwanderer nach 2000 Höhenmetern belohnt wissen will, muss seinen Blick nach innen richten: in seinen Rucksack, der hoffentlich noch genug Kräftigendes enthält, oder sich auf seine Vorstellungskraft besinnen: Wie schön es wäre, wenn das Wetter mitspielte.

Bergführer obligatorisch

Jeeplenker und Fremdenbegleiter Ricardo hat es doch auf der kurvigen und holprigen Küstenfahrt in der Morgendämmerung zum Ausgangsort Las Cuevas erzählt: Man könne von hier oben bei klarer Nacht Kingston glitzern sehen. Kingston! Welch eine Vorstellung. Pidio heisst unser Führer, einer der Bergführer der staatlichen Organisation Flora y Fauna, die jeder buchen muss, wenn er diesen Berg besteigen will – gleich, ob er die klassische Revolutionsroute von Santo Domingo, vom Landesinneren wählt, für die er mindestens zwei Tage einplanen muss, oder die Tagestour für Eilige, die vom Meer steil nach oben führt.

Pidio ist wie Ricardo Familienvater und Mitte dreissig. Ricardo fährt Auto und gibt sich gerne polyglott, Pidio führt alle zwei Tage Touristen auf den Gipfel und antwortet in seiner ruhigen Art nur auf Spanisch. Er war schon tausendmal hier. Über die Jamaica-Illusion verliert er nicht einmal ein Lächeln. Klares Wetter habe er nie angetroffen. Vielleicht aber liegt es auch daran, dass er hier oben noch nie nachts war, denke ich. Andererseits: Ricardo spricht von Kingston, weil er von Jamaica träumt, er selbst war ja weder hier noch dort.

Für den Turquino gilt noch mehr als für andere Berge: Der Weg ist es, das Ziel ist sekundär. Nebel und Wolken wabern ab 1500 Metern, bis dahin bietet die Wanderung immer wieder wunderbare Panoramen mit Dorf, Bucht und azurblauer Karibik. Oder tropischgrüne Aussichten gen Norden: auf die anderen Erhebungen der Sierra Maestra, des höchsten und imposantesten Gebirgszuges auf Kuba. Immer wieder führt der Pfad unvermutet aus dem dichten Grün heraus, einmal windet er sich horizontal um einen Fels, einmal quert er eine Schlucht. Das sind Stellen, bei denen Pidio ehrfürchtig von «angustia» spricht. Der deutsche Wortschatz kennt kein Wort für dieses Gefühl, das einen in die Tiefe, in die ganze Erhabenheit des Anblicks zu saugen scheint. Es nimmt naturgemäss mit der Höhe zu und erfährt seine im wahren Wortsinn tiefgründigsten Ausprägungen, wenn weit unten das Meer im Spiel ist, wenn die Wellen nicht mehr einzeln erkennbar sind, wenn das Wasser wie gefroren im Sonnenschein glitzert und funkelt.

Dann geht es erneut ins Grün, ins dampfend schwüle Dschungelige aus Farnen, Lianen und Palmen, in den bemoosten Hohlweg, in dessen rötlichem Lehm Stufen mit Holztritten gepfählt sind. Wenn die Sonne durch einen Regenguss verdrängt wird, ist das eine glitschige Angelegenheit. Volle Konzentration ist gefragt, auch wenn Stufen über Stufen einen in einen meditativen Trott bringen können. Tausend Stufen! Dann und wann trällert ein Kolibri.

Um halb acht sind wir in Las Cuevas losgegangen – nach einem Frühstück, das ein Sandwich mit groben Salamibrocken und fettgebadeten Bananenchips enthielt. Die Einheimischen essen auch nichts anderes. Wer will, übernachtet auf der mit Palmenzweigen bedachten Terrasse, 30 Meter oberhalb des Strandes; im karibischen Meeresrauschen Schlaf und Träume zu finden, kann gewiss romantisch sein.

Das italienische Paar, das heute hier genächtigt hat, hat es nicht auf den Gipfel abgesehen. Den beiden genügt die erste Station, die auf 600 Metern liegt. Hier führen Katzen, Hühner und Schweine ein paradiesisch anmutendes Leben. Der Hüttenwirt stampft in einem Holztrog Kaffeebohnen. Uns wiederum schaut der Nationalvogel Kubas, der Tocororo, bei der Rast zu; ein gelbschnabeliger Vogel mit schwarzem Gefieder, weisser Brust und tiefrotem Unterleibsring. Von hier geht es zunächst weiter durch Hibiskuswälder, deren kelchförmige Blüten wie auch die vielen Gladiolen den Weg mit märchenhaften Rottönen betupfen.

Pidio hat schwere Beine. Die letzte Tour vom Samstag steckt ihm noch im Körper, die Wanderung übermorgen belastet schon seinen Kopf. Am liebsten wäre er auf der letzten Station vor dem Gipfel auf 1700 Metern geblieben und hätte mit Hüttenwirt Rodríguez einen Plausch gehalten. Hätte. Wir haben es ihm angeboten, aber er darf nicht. Die Begleitung ist bis zum letzten Gipfelmeter staatlich vorgeschrieben. Er sitzt nun Rücken an Rücken mit dem stets nietzscheanisch grimmig blickenden bronzegrünen Martí, den Celia Sánchez, die spätere Lebensgefährtin Fidel Castros, 1953, zum hundertsten Geburtstag des Dichters, heraufgeschleppt hat.

Drei- bis fünftausend Touristen lockt heutzutage der Gipfel im Jahr; an der Spitze Deutsche und Schweizer. Sie hätten immer grosse Rucksäcke, seien gut vorbereitet und fit, so Pidio. Vier von fünf Gipfelstürmern erreichen das Ziel. Es ist ja auch so: Für jeden, der gewohnt ist, in den Alpen zu wandern, ist die Besteigung des Turquino an einem Tag, sind die über 2000 Höhenmeter – 1950 Meter plus ein paar Gegenanstiege –, sind die wechselnden klimatischen Bedingungen – Wind, Regen, Sonne, Hitze, Kühle – natürlich eine Anstrengung, aber selbst mit etwas stabileren Laufschuhen kein ernsthaftes Problem.

Die 125 Kilometer lange Anfahrt von Santiago nach Las Cuevas ist da wesentlich gefährlicher; zumindest solange die Strasse zerborsten und geschunden von zwei Hurrikanen der vergangenen Jahre daliegt. Ricardo ist zum Glück ein ausgezeichneter Fahrer, der jedes Loch im Asphalt, jede Kuh, jeden Erdrutsch schlafwandlerisch sicher in Dunkelheit und Dämmerung umkurvt. Es ist eine spektakuläre Strecke, die als eine der schönsten im Land gilt.

Kubanischer Alltag

Pidio zieht seinen Wanderstock, den er unterwegs als abgebrochenen Ast aufgelesen hat, wie einen Scheibenwischer durch den rotbraunen Sand, der das Martí-Denkmal umgibt. Er redet über seine Familie, über Weihnachten mit der Verwandtschaft und das Schwein, das er dann grilliert und das ihn mehr als einen Monatslohn kostet. Er hört mit den Wischbewegungen auf, malt eine Drei mit zwei Nullen in den Sand: 300 Pesos Monatsverdienst, rund 13 Schweizerfranken. Er ist auf Trinkgelder angewiesen, darauf, dass die Touristen ihm auch einmal Kleider dalassen. Sein wichtigstes Arbeitsgerät, seine Bergschuhe, hat er vor sechs Jahren von einem Deutschen geschenkt bekommen. Sie sind inzwischen fast schwarz, mehrfach geflickt, mehrfach aufgeplatzt.

Er spricht über den Alltag; dass zu Hause der Fernseher, der eine latein- oder US-amerikanische Soap nach der anderen sendet, ohne Unterbrechung läuft. Sein Grossonkel, nach dem er benannt ist, gehörte zu den Menschen aus der Region der Sierra Maestra, die sich vor über 50 Jahren Castro und seinem Trüppchen angeschlossen hatten. Er hat dafür mit dem Leben bezahlt.

Der Abstieg gleicht dem Aufstieg. Hüttenwirt Rodríguez hat seine Gummistiefel gegen Flipflops getauscht, als wir wieder an ihm vorbeikommen. Dabei regnet es. Er hat freundlicherweise unsere Kleidung abgenommen, die wir zum Trocknen aufgehängt hatten. Er bietet uns einen Kaffee an – schwarz wie die Nacht, süss wie Vollmilchschokolade, serviert in Marmeladengläsern. Rodríguez erinnert in seinem olivgrünen Anzug an einen Kriegsveteranen, der in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts für Kuba in Angola gekämpft hat. Er bewirtet nicht nur die Hütte, in der Wanderer auf harten, staubgrauen fichtenhölzernen Pritschen nächtigen können, sondern hält auch die Wege instand. Den Strom liefert ganz zeitgemäss die Sonne, der plasticsilberne Fernseher, wichtigstes Möbelstück, ist seit einigen Wochen kaputt. Jetzt läuft das Radio, das mit seiner metallblauen Verkleidung ebenfalls aussieht wie ein gestrandetes Objekt aus einer anderen Welt. «Ich muss doch wissen, was los ist.» Jedes dritte Wort ist «revolución» – als ob die Zeit seit den ersten Sendungen von Radio Rebelde 1958 hier aus den Bergen eingefroren worden wäre.

Der Abstieg zieht sich vor allem auf den letzten 400 Höhenmetern hin, wenn man schon die Bucht vor Augen hat, die Stufen allerdings fehlen und der Weg voller Geröll einer Rutschbahn gleicht. Hier könnte es sich dann doch auszahlen, die guten, aber schweren Bergschuhe eingepackt zu haben. Schützende Bäume fehlen, und die Sonne scheint unbarmherzig auf Haupt und Glieder.

Herrlich ist das Baden danach; etwa im nahe gelegenen Fluss. Das Meer ist heute zu wellig. Während wir schwimmen, putzt Ricardo seinen Wagen. Er ist Dienstleister, Animateur, Lebemann, aber kein Bergsteiger. Auf dem Rückweg lässt er zunächst keine seiner CD laufen, deren Lieder er alle – über jedes Schlagloch hinweg – mitsingen kann. Er hat, solange das Rauschen nicht übermächtig wird, das Radio angedreht: Ein Englisch sprechender Moderator und Reggae-Musik klingen durch. Ricardo lächelt selig: «Jamaica.»

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