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Tagblatt Online, 26. Juli 2010 01:02:20

Wer den Berg im Schilde führt

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Der Säntis hat Strassen am Laufmeter. An vielen lässt es sich gut leben – wie hier in einem Abtwiler Einfamilienhausquartier. (Bild: Bild: Urs Jaudas)

Sie liegt ausserhalb des Dorfzentrums, an eher ruhiger Lage – etwas «ab vom Schuss», wie mancher Anwohner vielleicht sagen würde: die typische Säntisstrasse. In jeder Ecke der Ostschweiz gibt es eine, in der Regel gesäumt von Einfamilienhäusern und Grünflächen. Auch wenn nicht gerade Fussball-WM ist, flattern hier nicht selten helvetische Hoheitszeichen – kleinere Varianten jener grössten Schweizer Fahne aller Zeiten, die unlängst in der Säntiswand hing.

Die Idylle ist sauber in Parzellen geteilt, höchstens der Rauch von Grillgeräten und der Lärm von Rasenmähern überqueren ungefragt die Grundstücksgrenzen. Im Idealfall ist der Namensgeber sogar zu sehen, wie an der Säntisstrasse in Waldstatt, die wenige Kilometer vom Gipfel entfernt ist.

Niemand will das Matterhorn

Auch wenn es sicher Ausnahmen von dieser Regel gibt: Kein Schweizer Berg ist bei den Gemeinden so beliebt wie der Säntis.

Laut Telefonbuch wohnen hierzulande mindestens 2731 Menschen an unzähligen Säntisstrassen – gar in Basel, wo der Ostschweizer Hausberg von blossem Auge lediglich auf dem Wetterkanal zu sehen sein dürfte. Warum wohl haben die Gemeindeoberen gerade dem Säntis so viele Denkmäler gesetzt? Das Matterhorn taucht trotz internationalem Renommée auf keinem einzigen Strassenschild im ganzen Land auf, das Finsteraarhorn, die Dufourspitze und andere Viertausender genauso wenig. Dafür sind Eiger-, Rigi- und Tödistrassen grosszügig gestreut.

«Säntis, Kanton Glarus»

Ein klarer Fall: Kurz und bekannt müssen die Bergnamen sein, damit sie es ins Telefonbuch schaffen – Meter über Meer hin oder her. Am allernächsten scheint der Name Säntis zu liegen, auch wenn der Berg weit entfernt ist – und deshalb auf dem Strassenschild zu zwei abstrakten Silben zu verkommen droht.

Einen netten Versuch dagegen unternahm die Stadt Berlin: An ihrer Säntisstrasse im Bezirk Marienfelde wiesen Schilder darauf hin, dass der namenstiftende Berg in den Glarner Alpen stehe.

Beschriftet und eingeweiht

Die Ausserrhoder Wirtschaftsförderung bekam Wind von der Sache – und blies zur Säntisstrassen-Offensive: Die Säntisbahn spendierte den Berlinern neue Schilder, und eine Delegation des Halbkantons fuhr eigens in die deutsche Hauptstadt, um die Säntisstrasse neu einzuweihen.

Die «Berliner Morgenpost» war dabei und meldete: «<Säntis – höchster Berg von Appenzell Ausserrhoden» – so steht es jetzt als korrekte Bezeichnung auf zwanzig neuen Strassenergänzungsschildern. Korrekt, zweifellos. Dass der Säntis nebst Ausserrhoden auch zu Innerrhoden und St. Gallen gehört und zusätzlich die höchste Erhebung des Alpsteinmassivs darstellt, hatte wohl auf dem Schild keinen Platz mehr.

Trauriger Säntispark

Getreu dem Slogan «Appenzellerland macht vorwärts» setzte der Kanton Appenzell Ausserrhoden seinen Marketingfeldzug fort und stattete den Säntisstrassen in über zwanzig süddeutschen Gemeinden einen Besuch mit Schildern, Pauken und Trompeten ab. Im Jahr 2007 kam Zürich als erste Schweizer Stadt in den Genuss einer Einweihung. Der «Tages-Anzeiger» blieb skeptisch: «Die Zürcher Säntisstrasse liegt auf 412 Metern über Meer, den Säntis kann von hier keiner sehen. Ob das Appenzellerland damit wirtschaftlich vorwärts macht, wird die Zukunft zeigen.

Die Säntisstrasse hat nur 18 Häuser und ist eine Sackgasse.»

Zum Vehikel wirtschaftlicher Interessen ist der Name Säntis mittlerweile auch in Berlin geworden. An der Säntisstrasse soll ein Gewerbeareal entstehen – mit dem Namen «Säntispark». Unter saentispark.de wird im Internet bereits für künftige Ansiedlungen geworben.

Damit ist eine Idylle in Gefahr, wie sie für eine Säntisstrasse typischer nicht sein könnte: Die 100 000 Quadratmeter Boden, die verbaut werden sollen, werden heute von mehreren hundert Schrebergärtnern in quasi schweizerischer Manier gepflegt und bepflanzt. Eine Freizeit-Oase mitten in der Millionenstadt. «Für viele von uns ist der Garten der Lebensinhalt», liess sich ein Pächter-Paar in der «Morgenpost» zitieren. Bürgervertretungen forderten die Stadtverwaltung auf, die Gartenkolonie zu retten.

Noch haben die Schrebergärtner Hoffnung, gekündigt hat ihnen bisher niemand. Der Farbwechsel vom erholsamen Grün aufs rentable Grau bleibt offen. Adrian Vögele





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