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Tagblatt Online, 09. September 2009 01:04:19

Turmgeschichten (22)

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Auch fensterlos ein bewohnbares Bijoux: Das Turmzimmerchen unterm Dach an der Tigerbergstrasse. (Bild: Bilder: Coralie Wenger)

Der St. Galler Historiker Edgar Heilig bezeichnet die Villa Fiorino als einen der schönsten Jugendstilbauten der Stadt. Der bekannte Baumeister Willi Heene baute sie im Jahr 1905 für Isaak Wohlgenannt. Heene, der um die Jahrhundertwende zu den wichtigsten Erneuerern der Geschäftsarchitektur in St. Gallen gehörte, baute auch zahlreiche Privathäuser. Dessen Nachlass rettete Heilig aufgrund eines Hinweises buchstäblich in letzter Minute vor der Vernichtung.

In der Tat sticht das Haus mit seinem Fassadenbeiwerk in den Formen des Jugendstils und ihrer unverwechselbaren Verwandtschaft zur Wienerschule aus den umliegenden Villen in unmittelbarer Nähe des Kinderfestplatzes heraus. So blumig geschwungen wie ihr Stil, so reizend sind die Geschichten, die sich um die Villa Fiorino ranken. Ihr Name soll von der Gattin des Bauherrn abgeleitet worden sein, welche von italienischen Einwanderern nach Deutschland abstammte.

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Das Grundstück hatte ursprünglich Carl Wilhelm Stein gehört; dessen Tochter Gerda Stein erinnert sich in Aufzeichnungen an das Leben ihrer Grosseltern zwischen der Stadt und dem Berg, wo man abwechslungsweise wohnte. «Die Menschen in der Stadt regten sich auf über solche Verantwortungslosigkeit: zu wohnen im Winter auf dem Berg, noch dazu mit Kindern!» Die Familie wohnte zwei Häuser weiter im «Sentisblick» «mit dem grossen Garten, seinen herrlichen Bäumen und viel eigenem Obst, Äpfel, Reineclauden, Quitten, Mispeln, Birnen, Pflaumen».

Gerda Stein erlebte als Kind die Besuche der Eltern Fiorino in St. Gallen: «Allein schon ihr Äusseres sprach mich an, dann auch ihre Art zu sprechen, sich zu bewegen. In allem lag eine zurückhaltende Vornehmheit.»

Die Familie Wohlgenannt wohnte so lange als Mieter im Hause Stein, bis sie besagtes Grundstück erwerben konnte und die Villa Fiorino erbauen liess.

Jules Wohlgenannt, tätig als Bezirks- und Handelsrichter, Amtsvormund und Mitverwalter des Zuchthauses an der St. Jakob-Strasse, war lange Zeit Präsident der Jüdischen Cultusgemeinde.

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Frau Wohlgenannt muss eine schillernde Persönlichkeit gewesen sein. Gerda Stein schreibt, man habe sie, von Kopf bis Fuss in wehende Gewänder gehüllt, «im Garten lustwandelnd» beobachten können. Täglich sei eine Coiffeuse aus der Stadt heraufgekommen, um ihre Frisur zu richten.

Sie war Besitzerin eines Autos, welches sie aber nur für gelegentliche Kaffeestunden in Rotmonten oder auf Peter und Paul benützt habe. Deren Sohn Willi, später in Zürich wohnhaft, pflegte noch lange Jahre Kontakt mit dem späteren Besitzer des Hauses, Friedrich Hofmänner. In einem Brief aus dem Jahr 1957 bedankt sich Wohlgenannt für die Einladung zum «diesjährigen Kinderfest ins Ahnenschloss». Hofmänners Sohn Max hatte eine Sängerin zur Frau, die am hiesigen Theater beschäftigt war. Es wird erzählt, sie sei nicht nur wegen ihrer Musikalität berühmt gewesen, sondern ebenso sehr wegen ihrer extravaganten Hutpracht.

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Später ging das Haus an Friedrich Hofmänners Tochter. Die Dame habe bis ins hohe Alter auf der Anrede «Fräulein» bestanden, erzählt Irma Ernst, welche mit ihrem Mann seit fünfzig Jahren erst als Mieterin, nunmehr als Stockwerkeigentümerin in dem Haus wohnt. Sie erlebte Umbau und Sanierung der «taubendreckgrauen Tigerbergburg», wie ihr Mann das Haus zu nennen pflegte.

Der frühere Dienstbotentrakt samt Estrich wurde in eine weitere Wohneinheit mit eingebauter Wendeltreppe umgewandelt. Der heutige Eigentümer geniesst eine Aussicht auf Stadt und Alpstein, die nur schwer zu übertreffen sein dürfte. In dem Rundbau unter dem mächtigen Kupferhelm hat sich der Kunstsammler ein heimeliges Leserefugium eingerichtet.

Brigitte Schmid-Gugler

Bisher: 19.6.; 26.6.; 2.7.; 18.8.; 16.9.; 13.10.; 6.11.2008; 21.1.; 11.2.; 24.2.; 17.3.; 27.3.; 29.4.; 6.5.; 13.5.; 11.6.; 26.5.; 26.6.; 27.7.; 28.8.; 4.9.2009




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