Tagblatt Online, 15. September 2009 01:01:56
«Darum habe ich Gas gegeben»
Sie ist erst 31 und dennoch soll mit der Politik bald Schluss sein. «Das Rollenbild, das ich stets vertreten habe, will ich nun selber leben», sagt Jasmin Hutter. Die SVP-Nationalrätin erwartet im Dezember ihr erstes Kind.
Frau Hutter, lange wurde gewerweisst: Bleibt sie oder bleibt sie nicht. Nun kündigen Sie den Rücktritt aus der Politik an. Warum?
Jasmin Hutter: Für mich war immer klar: Wenn das Kind einmal da ist, werde ich kürzertreten, und zwar bei allen politischen Ämtern. Allenfalls möchte ich einmal auf kommunaler Stufe im Schulbereich noch etwas machen. Aber das sind höchstens Nebenjobs.
Ich habe meinen Rücktritt nur deswegen nicht früher kommuniziert, weil in den ersten Monaten der Schwangerschaft immer etwas passieren kann und ich unser Kind zuerst auf die Welt bringen möchte.
Sind Sie über das eigene Rollenbild als künftige Mutter gestolpert?
Hutter: Nein, überhaupt nicht. Mein Mann und ich hatten ja schon lange den Wunsch, eine Familie zu gründen. Ich wusste immer, dass meine Zeit in Bern beschränkt ist. Darum habe ich in der Politik so viel Gas gegeben.
Sonst hätte ich ein so grosses Pensum gar nicht bewältigen können.
Hand aufs Herz: Sie tauschen die Politik gegen die häusliche, stille Mutterschaft ein. Das Rampenlicht wird Ihnen fehlen.
Hutter: (lacht). Mein Mann hatte diese Bedenken auch. Es stimmt: Ich bin ein Typ, der gerne im Rampenlicht steht. Aber das ist jeder Politiker im Bundeshaus. Das Ausgestelltsein hat aber auch Schattenseiten: Im Restaurant kann man kaum ungestört ein Gespräch führen. Dann gab es Pöbeleien oder Hausschmierereien. Das wird mir nicht fehlen.
Seit sechs Jahren sind Sie nun im Parlament. Was werden Sie für Ihr weiteres Leben mitnehmen?
Hutter: Ich habe viele Abstimmungskämpfe an vorderster Front geführt. Ich habe fast alle verloren. Der letzte wird nun die SVP-Kampagne gegen die IV-Abstimmung sein. Hier trage ich die Verantwortung für die nationale Kampagne. Wenn man ein abwechslungsreiches Leben führen will, muss man in die Politik. Man lernt zu argumentieren, zuzuhören, wird immer wieder auch enttäuscht. Das hat mich enorm weitergebracht.
Wenn man derart jung mit einflussreichen Leuten wie Walter Frey oder Christoph Blocher, die so viel Lebenserfahrung haben, eng zusammenarbeiten kann, lernt man fürs Leben. Die Politik verändert einen auch ein Stück weit.
Nicht verändert hat sich Ihr Familienbild. Andere Parlamentarierinnen bringen Familie und Politik unter einen Hut. Brauchte es nicht mehr junge Mütter im Rat?
Hutter: Jede Frau muss ihre Lebensform finden, die für sie richtig ist. Ich will mir diesen Stress nicht antun.
So wie ich das Nationalratsmandat ausgeübt habe, war es ein 70-Prozent-Job. Ich war drei bis vier Abende in der Woche weg. Das ist nicht vereinbar mit dem Muttersein. Das hat auch mit Verantwortungsbewusstsein zu tun. Entweder mache ich etwas richtig oder dann lieber gar nicht.
Keine Partei hat eine so tiefe Frauenquote wie die SVP. Warum?
Hutter: Das Rollenbild, das wir vertreten, leben wir auch. Die Frauen entscheiden sich bei uns zwischen Familie und Politik. Ich war privilegiert, weil ich Politik machen konnte, bevor ich nun eine Familie gründe. Dennoch ist die SVP für mich auch eine Frauenförderpartei: Ich konnte als junge Politikerin immer vorne hinstehen, auch wenn ich einen «Seich» sagte. Man hat mir das nie zum Vorwurf gemacht.
Wäre es nicht einfacher, Frauenförderung zu betreiben, indem sich auch die SVP für mehr Krippenplätze einsetzen würde?
Hutter: Nein, überhaupt nicht. In der Krippe können die Kinder nie Kinder sein, weil sie aus ihrem natürlichen Umfeld gerissen werden. Die Kinder werden mit vier oder fünf noch früh genug sozialisiert, wenn sie in den Kindergarten kommen. Es ist nicht richtig, dass der Staat eine Familienform bevorzugt. Darum habe ich mich letzte Woche im Rat dagegen gewehrt, dass nur die Kosten für die externe Familienbetreuung abgezogen werden können. Ich und mein Mann können diesen Lohnabzug auch nicht machen, obwohl wir als künftige Eltern auch weniger Geld verdienen.
Aber die Gesellschaft verändert sich. Es gibt zu wenig Krippenplätze und immer mehr Frauen, die arbeiten wollen oder die darauf angewiesen sind.
Hutter: In meinem Umfeld ist das überhaupt nicht so. Auch meine Schwester, die an der Uni studiert hat, widmet sich jetzt ganz der Familie. Das ist die Zukunft. Die Frauen fühlen sich nicht befriedigt, wenn sie beides unter einen Hut bringen müssen. Dieser Druck kommt auch von der Gesellschaft, gerade von den Männern.
Interview: Jürg Ackermann, Bern
- Artikel empfehlen:









Kommentare lesen
scrapothekerin (20. September 2009, 10:12)
konsequent....
von Frau Hutter! Und an die anderen, jetzt meckernden SVP-Frauen: Geht doch in eine andere Partei, wenn ihr euch nicht mit dem identifizieren könnt...denn das was Frau Hutter sagt und lebt entspricht ja auch dem was die SVP vertritt. Ich finde Frau Hutter und ihre Meinung bewundernswert, weil sie tut, was sie sagt, egal ob dies nun für alle realistisch wäre oder nicht.
Beitrag kommentierenTagblatt99 (19. September 2009, 17:31)
@Monika
Ihrem Kommentar bleibt nichts hinzuzufügen, korrekt bis aufs letzte Komma, ich kann dem als aktiv erziehender Vater nur zustimmen. Ich bewundere in einem - engen - Ausmass, die Konsequenz von Frau Hutter-Hutter, doch kann es kaum gutheissen, dass sich die moderne Frau von heute so gebärdet. Mutterglucke und ab hinter den Herd? Was für ein veraltetes Frauenbild. Dabei dachte ich immer, gerade Frauen seien "multi-tasking". Irgendwie entäuschend.
Beitrag kommentierenKommentar schreiben