NZZ Online, 23. Februar 2012 08:10:00
83 Minuten Vernunft
Ohne jedes Imponiergehabe – Xherdan Shaqiris Auftritt gegen die Bayern
Xherdan Shaqiri. (Bild: Imago)
Die Augen waren zu engen Schlitzen verengt, und der Tunnelblick täuschte nicht: Xherdan Shaqiri war an diesem Abend ganz bei sich, er schaute sich nicht selber beim Spielen zu, wie er es sonst auch gern tut. Shaqiri hatte es nicht nötig, sich selber zu inszenieren.
Flurin Clalüna, Basel
Die Augen waren zu engen Schlitzen verengt, und der Tunnelblick täuschte nicht: Xherdan Shaqiri war an diesem Abend ganz bei sich, er schaute sich nicht selber beim Spielen zu, wie er es sonst auch gern tut.
Kein Zirkus
Shaqiri hatte es nicht nötig, sich selber zu inszenieren. Und vielleicht hatte man ihm gerade das nicht zugetraut: dass er gegen den FC Bayern ohne Imponiergehabe auskommt und er der Versuchung widersteht, den Münchnern mit einer eigensüchtigen Zirkusvorstellung zu beweisen, dass sie im Sommer einen wirklich aussergewöhnlichen Spieler bekommen werden. Aber davon sind sie in München sowieso überzeugt.
Shaqiri nahm sich genug zurück, um nicht egozentrisch zu sein. Aber er war allemal auffällig genug, um die Bayern in ihrem Kaufentscheid zu bestätigen. Shaqiri brauchte sich seinem künftigen Arbeitgeber nicht wie ein grossspuriger Autoverkäufer anzupreisen; er zeigte, dass er sich unterordnen kann, ohne sich zu verstecken. Und vielleicht ist das nicht das Schlechteste, was man über einen jungen Spieler sagen kann, von dem immer alle etwas ganz Besonderes erwarten und auf seine Füsse schauen wie auf Maskottchen – an diesem besonderen Abend sowieso. Aber Shaqiri war vernünftig, er war zuverlässig und mannschaftsdienlich. Es waren nicht seine Tempo-Dribblings, die ihn sonst so unberechenbar machen. Doch gerade in dieser selbstauferlegten Zurückhaltung lag an diesem Abend seine Reife. Und trotzdem spielte Shaqiri einige seiner wunderbaren Pässe mit einer Selbstverständlichkeit, die für einen 20-Jährigen aussergewöhnlich ist.
Nach 83 Minuten war sein Arbeitstag vorbei; und vermutlich passte es zu Shaqiris uneitlem Auftritt, dass er nach seiner Auswechslung ausgerechnet Platz machte für Jacques Zoua, der unversehens in der ersten Reihe stand und den Pass zu Valentin Stockers 1:0 spielte. Shaqiri sah den Siegtreffer von der Bank aus, und jetzt blinzelte er hin und wieder zu Arjen Robben hinüber und sah, wie dieser sich enervierte und die Hände verwarf. Vielleicht war das die grösste Genugtuung, die Shaqiri mit seinen Kollegen teilte: die Bayern in die Verzweiflung getrieben zu haben.
Einfach ein Basler sein
Als das Spiel zu Ende war, spazierte Shaqiri in einer Daunenjacke über den Rasen, die ihm bis an die Knöchel reichte und die tennisballgrossen Waden verdeckte. Er freute sich still und applaudierte seinen Kollegen; es genügte Shaqiri an diesem Abend, einer von ihnen und ein Basler zu sein; mehr brauchte er nicht, um glücklich zu sein.
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