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NZZ Online, 02. Februar 2012 21:54:00

Der Gross-Stürmer

Der Zuzug des Argentiniers Raúl Bobadilla steht symbolisch für die Personalpolitik des YB-Trainers

Raúl Bobadilla (r.) ist vor dem Dortmunder Lewandowski am Ball. Zoom

Raúl Bobadilla (r.) ist vor dem Dortmunder Lewandowski am Ball. (Bild: Imago)

Raúl Bobadilla, einst beim Grasshopper-Club, ist wieder in der Schweiz. Er hätte in Deutschland bleiben dürfen – aber er passt eher zum Young-Boys-Trainer Christian Gross als zu Mönchengladbachs Chefcoach Lucien Favre.

Benjamin Steffen, Bern

Deutsche Bundesliga, vor zwei Monaten: Mönchengladbach spielte gegen Dortmund, ohne den verletzten Shooting-Star Marco Reus, aber mit Raúl Bobadilla, der für Reus zum Einsatz kam. Die Partie endete 1:1, Bobadilla bereitete das Gladbacher Tor galant und elegant vor, und danach schrieben die Zeitungen: «Bobadilla, ein bulliger, wuchtiger Typ, fügte sich gut ein.» Oder: «Bobadilla war kein schlechter Vertreter. Der Argentinier hat offenkundig viel gelernt unter Trainer Favre.» Bobadilla, bis 2009 bei GC (47 Spiele, 26 Tore), schien eine Zukunft zu haben in Gladbach. Doch vor einer Woche verpflichtete ihn für knapp 1,8 Millionen Franken YB; seit einer Woche ist er wieder ein Super-League-Stürmer.

Wäre es sein Wunsch gewesen, hätte Bobadilla bleiben dürfen – Max Eberl, der Manager von Mönchengladbach, legt Wert darauf. «Er wäre ein Teammitglied gewesen, absolut», sagt Eberl, «wir sind von seinen Qualitäten überzeugt.» Doch Bobadilla wollte mehr sein als ein ehrenwerter Lückenbüsser; und vielleicht ahnte er, dass er unter Lucien Favre nie mehr werden würde als ein Lückenbüsser.

Vielleicht sagte dieser eine Satz nach dem 1:1 in Dortmund mehr als 1000 salbungsvolle Worte – denn in der «Süddeutschen Zeitung» stand: «Trotz seiner Vorlage fiel Bobadilla in seinem erst vierten Startelfeinsatz aus dem kultivierten Schema, das die Gladbacher in ihrem Intensiv-Kurs bei Favre einstudiert haben.» «Kultiviert» – es ist dieses Wort, das schlecht passt zum Fussballer Bobadilla.

«Er hat unglaublich viel Kraft, er fürchtet sich vor nichts, er geht immer dorthin, wo etwas los ist auf dem Feld», sagt Erich Vogel, der ihn 2006 für den Schweizer Markt entdeckte und ein Jahr später als damaliger GC-Vizepräsident von Concordia Basel nach Zürich lotste.

Teilchen einer Maschine

Favre und der YB-Coach Christian Gross sind die prägendsten Schweizer Trainer der letzten Jahre – doch wenn es noch eines Beweises bedurfte, wie verschieden sie sind, liefert ihn Bobadilla. Er passt besser zu Gross, ganz einfach. Gross mag wuchtige Spieler, die ein Teilchen einer Maschine sein können, die den Gegner überrollt.

Favre predigt den gepflegten Aufbaufussball, lieber klein-klein und ein Pässchen zu viel; er freut sich, wenn er erzählen darf, seine Spieler seien «spielintelligent». Wer sagt, Bobadillas Primärtugend sei nicht Spielintelligenz, tritt ihm kaum zu nahe. Ilja Kaenzig, der YB-CEO, sagt: «Uns fehlte weniger, dass wir noch 38 Ballstafetten machen müssten – nein, der Ball muss ins Tor. Bobadillas Qualitäten sind Dynamik, Kraft, er sucht das Tor.»

Bobadilla ist ein Stürmer mit «Grinta», dem Kampfgeist, wie ihn Gross vor zehn Jahren im FC Basel im argentinischen Sturmduo Christian Giménez / Julio Hernan Rossi fand. Wie einst den FCB baut Gross YB seit Sommer 2011 zu einem eher südamerikanisch als afrikanisch geprägten Team um. Gross mag Südamerikaner und ihre Leidenschaft; und er begrüsst es, wenn sie schon in Europa unter Vertrag gestanden sind und wenig Akklimatisationszeit brauchen. Wie Bobadilla. Wie Giménez und Rossi, die vor dem Wechsel nach Basel in Lugano spielten.

Und Gross hat ein Sensorium für sie. Vor der Champions-League-Partie des FCB in Valencia 2002 spielte er mit dem Gedanken, der Sicherheit zuliebe mit nur einem Stürmer anzutreten – doch Gross fand, er könne weder Giménez noch Rossi die Ersatzbank zumuten, weil das Spiel in deren Heimat live gezeigt wurde. Also nominierte er beide. Und ging 2:6 unter.

In einer Seelenruhe

Im Winter stiessen auch die Venezolaner Alexander Gonzalez und Josef Martinez sowie der in Uruguay geborene Matias Vitkieviez (Servette) zu YB – diese Gruppe führe Bobadilla an, sagt Gross bekannt fordernd. «Aber er muss den ganzen Angriff anführen. Ich erwarte viel von ihm, von Persönlichkeit und Körpersprache her.» Die Frage ist, ob der 24-Jährige eine Leaderfigur sein kann. In Mönchengladbach betrug er sich hin und wieder mangelhaft; im Dezember 2010 sah er nach einer Tätlichkeit Rot, was zu einer Busse von 50 000 Franken und einer halbjährigen Ausleihe zu Aris Saloniki führte.

Früher habe sich Bobadilla zu sehr unter Druck gesetzt, sagt der Mönchengladbach-Manager Eberl, «aber in Griechenland machte er in seiner Persönlichkeitsentwicklung einen Sprung». Bobadilla sagt: «Ich habe viel gelernt, bin ruhiger geworden.» Er spricht in einer Seelenruhe, als wisse er nicht, was das heisst: aus der Haut fahren, festen.

Sollte er dennoch schwer zu bändigen sein, sei Bobadilla bei Gross gut aufgehoben, meint Erich Vogel, der einst auch mit Gross bei GC arbeitete. Er erinnert an Kubilay Türkyilmaz, an die Brüder Yakin, an Jens Lehmann. «Wenn Gross sieht, dass ihn ein Spieler weiterbringt, stellt er sich voll hinter ihn.» Also hofft YB, dass Bobadilla vorne trifft, weil hinter ihm Gross steht.





Leser-Kommentare:
1 Beitrag

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schlipfehannes (02. Februar 2012, 22:43)
Das ist keine gesicherte Baustelle bis mitte Jahr.

Und was passiert wenn der frische Spieler Ch.Gross nicht weiter bringen kann?
Einfache Antwort, dann wird Hr.Känzig
spätestens bei Saisonmitte -Beiden behilfich sein und garantiert weiter
bringen...mit einem jetzt schon denkbarem Rauswurf.

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