NZZ Online, 23. Februar 2012 11:28:00
Kein weisser Ritter für die US-Republikaner
Immer neue Aufstiege und Abstürze in einem schwachen Kandidatenfeld
Und wieder hat es einen neuen Star unter den Republikanern erwischt. Kaum aufgestiegen, scheint sich Rick Santorum in der TV-Debatte wieder um die vermeintliche Führung im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur gebracht zun haben. Der Vorgang ist symptomatisch.
Ruth Spitzenpfeil
Die Ausmarchung innerhalb der republikanischen Partei der USA um die nächste Präsidentschaft erscheint vielen als zunehmend verhext. Die bekannten Auguren der Polit-Landschaft raufen sich die Haare. Es gibt zwar nach wie vor mit Mitt Romney einen Favoriten, dessen Führung bezüglich der bisher angesammelten Delegiertenstimmen recht solide ist. Doch wie aus dem Nichts und von keinem Insider vorhergesagt tauchen seit dem letzten Herbst immer wieder neue «Stars» auf, welche das Parteivolk zumindest momentan zu begeistern wissen. Die «New York Times» zählt nicht weniger als 11 Namen auf, die in mindestens einer nationalen Umfrage einmal in Führung gelegen haben, wobei auch nicht offiziell angetretene Wunsch-Kandidaten mitgerechnet sind.
Nach oben gespült
Auch seit die eigentlichen Vorwahlen begonnen haben, werden immer wieder neue Figuren nach oben gespült, sei es Herman Cain, Newt Gingrich oder zuletzt Rick Santorum. Doch alle haben sie früher oder später wieder einen gehörigen Dämpfer erlitten und sind so radikal aus der Wählergunst gefallen, wie sie diese errungen hatten.
Nun hat es auch den jüngsten der vermeintlichen Aufsteiger erwischt. Der frühere Senator Rick Santorum hatte Anfang des Monats einen überraschenden und eindrücklichen Dreifach-Sieg in Colorado, Minnesota und Missouri hingelegt. So begann man sich nun intensiv mit den erzkonservativen Ansichten des Mannes aus Pennsylvania auseinander zu setzen. Doch dieses Strohfeuer könnte nach der jüngsten TV-Debatte nun auch schon wieder verloschen sein. Santorum schlug sich als neuer Favorit nicht den Erwartungen gemäss. Seine Aussichten für die kommenden Vorwahlen – inklusive des «Super Tuesday» am 6. März – sind weit weniger rosig als in den letzten Tagen vorhergesagt.
Jeder nur nicht Romney?
Der Vorgang ist bezeichnend für die paradoxe Situation, in der sich die republikanische Partei befindet. Für Stimmen aus dem anderen politischen Lager ist die Diagnose klar. Die Republikaner kämen an Mitt Romney mangels vernünftiger Alternativen nicht vorbei, seien aber ganz und gar nicht Feuer und Flamme für den Mormonen und eiskalten Geschäftemacher aus Massachusetts. Die Sehnsucht nach einem Kandidaten, der nicht Mitt Romney heisst, ist offenbar so gross, dass immer wieder andere Mitbewerber «ausprobiert» werden, ob sie sich zum neuen Favoriten eignen. Zur Orientierungslosigkeit trägt auch der selbst für amerikanische Verhältnisse ungewöhnlich früh begonnene Wahlkampf bei sowie die inflationären TV-Debatten.
Die Unzufriedenheit mit dem Feld der Kandidaten schlägt sich auch in der gemessenen Stimmung der Basis nieder. In einer Umfrage von NBC und «Wall Street Journal» bezeichnete zuletzt eine Mehrheit der Republikaner das Angebot an Kandidaten als insgesamt schwach. 55 Prozent von Wählern, die der Partei zuneigen, äusserten sich in der neusten Gallup-Umfrage dahingehend, dass sie sich einen anderen als die präsentierten Bewerber wünschten.
Später Einstieg unrealistisch
So träumt man von einem «weissen Ritter», einem noch unbekannten Helden, der plötzlich auftaucht und alle Probleme aus der Welt räumt. Das ist natürlich höchst unrealistisch. Ein später Einstieg in den Vorwahl-Prozess ist so gut wie aussichtslos. Nur noch zwölf der Staaten haben die Bewerberlisten nicht geschlossen und selbst ein neuer Ronald Reagan könnte sich bei Siegen in den verbleibenden Vorwahlen maximal 40 Prozent der nötigen Stimmen sichern.
Wie immer in amerikanischen Wahlkämpfen, wenn die Situation verfahren scheint, taucht in der Diskussion das Gespenst der «Brokered Convention» auf. Dies bezeichnet einen Parteitag, an dem kein Kandidat sich schon im Vorfeld die Nomination sichern konnte. Dann ginge das Hauen und Stechen in den Hinterzimmern los – und es könnte sogar ein zuvor nicht aufgestellter «weisser Ritter» antreten und die Sache klar machen. Ein Szenario, das so unwahrscheinlich ist wie ein ausgeglichenes Budget der USA in den nächsten Jahren.
Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.
Kommentar schreiben