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Rheintaler, 3. August 2012, 08:09 Uhr

Burg mit Schloss-Karriere

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Zweimal erobert, aber nie zerstört: Das Schloss Oberberg in Gossau. (Bild: Bilder: Archiv Stadt Gossau)

GOSSAU. Vor 750 Jahren wird das heutige Schloss Oberberg in Gossau erstmals in Urkunden erwähnt. Anlass, der Geschichte der Burg nachzuspüren, die sich in langer, bewegter Karriere zum Schloss entwickelt hat.

JOSEF OSTERWALDER

Halb Burg, halb Schloss. Der trutzige Bau auf Oberberg ist wie ein Schaufenster in die Vergangenheit, mit Ritterstube, Waffenarsenal, Gerichtslokal, Folterkammer und Kapelle. Dazu berichten Schautafeln von den Schicksalen der Burg, die mindestens zweimal erobert, aber nie vollständig zerstört wurde.

Zur Karriere des Schlosses gehört aber nicht nur sein Beitrag zur Kriegs- und Verwaltungsgeschichte des Klosters St. Gallen, sondern auch der Schutz und die Pflege, die es seit 1924 geniesst, seit sich eine eigens gegründete Genossenschaft seiner angenommen hat. Seither ist es mit dem Wechselbad von Aufbau und Niedergang vorbei, dem das Schloss seit dem Mittelalter ausgesetzt war. Nach und nach werden im 20. Jahrhundert die Räume saniert und heutigen Bedürfnissen angepasst; so wie augenblicklich gerade die Küche erneuert wird.

Im Blick auf die Geschichte

Das Engagement der Gossauer wird auch vom Brand von 1955 nicht gelähmt, der den teuren Wiederaufbau der obersten Geschosse nötig macht. Erklärbar ist dieser Einsatz durch die Bedeutung, die das Schloss für die Geschichte Gossaus und des ganzen Fürstenlandes hat.

Die Urkunden, auf denen Oberberg erstmals erwähnt wird, stammen aus den Jahren 1261/1262. Sie nennen einen Konrad «de Obernberg». In beiden Fällen wird er als Zeuge bei Rechtsstreitigkeiten genannt. Wie dieser Konrad aber gelebt und wie seine Burg damals ausgesehen hat, davon ist nichts zu erfahren. Lediglich die Archäologen weisen darauf hin, dass es nördlich des heutigen Schlosses Spuren einer früheren, anscheinend zerstörten Burganlage gibt. Diese dürfte im sogenannten Investiturstreit des 11./12. Jahrhunderts eine Rolle gespielt haben, bei dem auch der Abt von St. Gallen mit seinen Truppen beteiligt war.

Kriegsschauplatz

Eine Feuerprobe muss die Burg zu Beginn des 15. Jahrhunderts während der Appenzeller Kriege bestehen. Burgherr Fritz von Andwil steht auf der Seite des Abtes, was ihm die Feindschaft der Appenzeller und der mit diesen verbündeten Stadt-St. Gallern zuzieht. Diese belagern 1406 die Burg, vorerst ohne Erfolg. Erst als sie die Blide, eine grosse Wurfmaschine, heranschleppen, wendet sich das Blatt. Die glühenden Pechfackeln, welche die Maschine gegen die Burg schleudert, entzünden den hölzernen Oberbau. Die Belagerten müssen aufgeben, die Burg gelangt in den Besitz der Stadt St. Gallen, erst für kurze, von 1452 für längere Zeit.

1490 wird die Burg beinahe wieder zu einem Kriegsschauplatz. Hier erwarten die St. Galler die Eidgenössischen Truppen, die nach dem Rorschacher Klosterbruch die Gallusstadt bestrafen wollen. Als diese anrücken, ziehen sich die St. Galler allerdings in ihre Stadt zurück. Damit kommt die Burg wieder in die Hände der Fürstabtei, die sie bald auf die heutigen Masse von 15 mal 15 Metern vergrössern lässt. Hier amtieren nun die Obervögte im Namen des Abtes, erfüllen sowohl administrative als auch richterliche Aufgaben, haben auch das Recht, die Todesstrafe zu fällen.

Am Platz der heutigen Kapelle befindet sich das Verlies, in dem unterschiedlichste Gefangene einsitzen. Unter ihnen der Wiedertäufer Leonhard Anderau, der Goldmacher Ruelle und Anna Maria Seemännin, genannt Waschlumpen, Mitglied einer Gaunerbande.

Vielzweck-Schloss

Mit dem Untergang des Klosters kommt das Schloss in den Besitz des Kantons. Dieser verkauft es 1812 an einen Herisauer. Es folgen eine Nutzungs- und Handänderung nach der andern. Einmal dienen die Schlossräume als Käserei, als Sticklokal, als Lithographie-Werkstatt oder als Sommerwirtschaft, bis sich von 1920 an eine breitere Öffentlichkeit für das Schloss zu interessieren beginnt. Nach dem Ersten Weltkrieg wächst das Bedürfnis, seine eigene Geschichte in der Vergangenheit zu verankern.

Träumen und Schmausen

Das Schloss wird zum beliebten Ziel für Ausflüge und Schulreisen, das Restaurant zieht seinerseits Gäste an, ein Ort, der auch einem Staatsempfang den würdigen Rahmen gibt und für Bankette, Hochzeiten, Geschäftsessen mit internationalen Gästen gefragt ist.

Nach dem Einbau der neuen Küche soll das Schloss am 26. August wieder eröffnet werden. Dann werden Besucherinnen und Besucher erneut Gelegenheit haben, in ihren Wachträumen Raubritter wüten, Gefangene wimmern, Belagerer anrennen zu sehen. Oder man setzt sich schmausend an den Tisch der Edlen zu Oberberg und freut sich über den Komfort, der auf dem Schloss eingekehrt ist.



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