Tagblatt Online, 12. Januar 2012 01:07:34
Klingler geht und bleibt
Die Plastik «Der Reisende» des Bildhauers Kurt Laurenz Metzler ist sinnbildlich für die Geschichte des 222jährigen alten Zollhauses. (Bild: Urs Bucher)
Ralf Klingler hat genug. Genug vom Lärm des Gossauer Durchgangsverkehrs. Im Spätsommer zieht der Immobilienunternehmer mit seinen 14 Firmen weg aus der Stadt, weg aus dem geschichtsträchtigen alten Zollhaus.
MARION LOHER
GOSSAU. Es ist eines der schönsten und ältesten Gebäude der Stadt Gossau, das alte Zollhaus am Gröbliplatz. Ein Baudenkmal, das mit seinen drei Geschossen, den rundbogigen Portalen auf der Ostseite und dem wuchtigen Mansarddach fast majestätisch wirkt. Ein Blickfang, und gleichzeitig ein ruhender Pol inmitten des Lärms vorbeirauschender Lastwagen und Autos. Trotzdem – für Immobilienunternehmer Ralf Klingler, dessen Firma W. Klingler AG das historische Gebäude gehört, ist der Verkehrslärm zu mächtig. Untragbar ist er geworden. Im Spätsommer zügelt Klingler den Sitz seiner VTAG Verwaltungs- und Treuhand AG sowie weiteren Tochterunternehmen, 14 an der Zahl, vom alten Zollhaus nach Flawil, ebenfalls in ein «geschichtsträchtiges Haus», wie er sagt.
Kritik an Gossauer Politik
Die leidige Verkehrssituation ist aber nur einer von mehreren Gründen für Klinglers Wegzug. Im alten Zollhaus sei der Platz knapp geworden, sagt der 49-Jährige, der zu den wohlhabendsten Immobilienunternehmern der Ostschweiz gehört (Ausgabe vom 29. Dezember 2011). Es habe ausgelagert werden müssen. In Flawil hingegen könne er all seine Firmen wieder unter einem Dach vereinen. Und dann übt Klingler auch Kritik an der Gossauer Politik. Es werde am Bürger vorbeipolitisiert, sagt er. Die letzten Entscheidungen des Stadtrats und des Parlaments hätten gezeigt, dass die Meinungen der Bürger nicht ernst genommen würden. Ein Beispiel wollte Klingler nicht nennen.
Eine 222jährige Geschichte
Seit 13 Jahren ist Klingler mit seiner VTAG Verwaltungs- und Treuhand AG in Gossau ansässig. Eine Ära, die mit dem bevorstehenden Umzug zu Ende geht. Zeitgleich aber schreibt sich ein weiteres Kapitel in der Geschichte des alten Zollhauses, die vor über 200 Jahren ihren Anfang nahm. 1789 liess der St. Galler Abt Beda Angehrn, Landesherr im Fürstenland, das Haus erbauen. Wie der Lokalhistoriker und stellvertretende Stiftsbibliothekar Karl Schmuki in einem Artikel aus dem Jahr 1998 schreibt, hatte der Durchgangsverkehr Bodensee-Innerschweiz in starkem Masse zugenommen und den Neubau eines Zollgebäudes im Strassenknotenpunkt Gossau notwendig gemacht. Hier sollten Weggelder erhoben und Waren gestapelt werden. Zudem sollten sich müde Fuhrleute und Wanderer sowie Pferde von ihren Strapazen erholen können. Das Haus diente nicht nur als Zoll-Einzugsstelle, sondern auch als Stapelplatz für Korn und Salz sowie als Pferdewechselstelle. Und im Mansardenraum befand sich das Restaurant Krone, wo der «Zoll-Einzieher» als Wirt auch Wein, Kirschwasser, Branntwein und Bier ausschenkte. Nach der Aufhebung des Klosters St. Gallen ging das alte Zollhaus in Privatbesitz über. Ab 1861 wurde es zum Fabrik- und Geschäftshaus. Und ein Geschäftshaus ist es bis heute geblieben.
Räume werden vermietet
Verkaufen wird Ralf Klingler das alte Zollhaus nicht. Die freiwerdenden Räume sollen vermietet werden. Den Degustationssaal behalte er. Die drei Wohnungen im Dachgeschoss, das Nähatelier und das Textilgeschäft bleiben im ehrwürdigen Gebäude.
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