Tagblatt Online, 21. Dezember 2011 06:50:00
Wer Angst hat, soll patrouillieren
Helga Peter aus Diepoldsau liebt ihren Job als freiwillige, ehrenamtlich arbeitende Bahnhof-Patin am Bahnhof Heerbrugg. (Bild: René Schneider)
Seit einem halben Jahr vermittelt die Diepoldsauerin Helga Peter als «Bahnhof-Patin» am Bahnhof Heerbrugg anderen Frauen am Bahnhof ein besseres Sicherheitsgefühl. Sie schwärmt im Interview von ihrem Job, rät den Ängstlichen zu einer Schnupper-Patrouille mit den Paten.
Helga Peter, gehen Sie als Bahnhof- Patin auf die Menschen am Bahnhof zu oder warten Sie, bis sie zu Ihnen kommen?
Helga Peter: Wir warten, bis sie zu uns kommen. Wir sind anwesend und zeigen uns. Wenn wir sehen, dass jemand ein Problem hat, bieten wir Hilfe an. Aber wir helfen nicht ungefragt oder ungebeten.
Was haben die Menschen denn für Probleme am Bahnhof?
Peter: Auswärtige wollen sich vergewissern, dass sie in den richtigen Zug einsteigen. Sie fragen, in welche Richtung der eingefahrene Zug fährt. Manche haben welche Probleme mit dem Ticket-Automaten und wollen sich helfen lassen. Manche lassen sich gern beim Ein- oder Aussteigen helfen, weil sie schweres Gepäck oder einen Kinderwagen dabei haben. Manchmal können sie bei alten Zügen die Türen nicht öffnen. Von aussen oder von innen.
Die Idee hinter dem Projekt Bahnhof-Paten war nicht, Hilfe am Bahnhof zu bieten, sondern mehr Sicherheit – oder wenigstens der Bahnkundschaft zu einem besseren Sicherheitsgefühl zu verhelfen.
Peter: Jeder nimmt die Welt und seine Umgebung anders wahr. Wir sind da – und offenbar funktioniert es – um mehr Sicherheit beziehungsweise ein besseres Sicherheitsgefühl zu vermitteln. Messen lässt sich das nicht. Aber wir bekommen von der Kundschaft wie von den Angestellten am Bahnhof ein gutes Feedback. Angeblich wirkt unsere Arbeit, obwohl wir meist nur präsent sind und gar nicht viel tun.
Gab es schon lustige Situationen?
Peter: Ja. Dieser Tage trat ein junger und ungeübter Bahnpassagier in grosser Aufregung an uns: Er war ausgestiegen, um seine Mehrfahrtenkarte zu entwerten, aber dann fuhr ihm sein Zug vor der Nase weg. Wir konnten nicht helfen. Zum Glück war der SBB-Schalter noch besetzt. Die telefonierten, damit das Gepäck in Chur oder wenigstens St. Moritz ausgeladen wird.
Der scheint ja tatsächlich ungeübt gewesen zu sein.
Peter: Ich hoffe, dass er seine Winter-Arbeitsstelle im Bündnerland samt Gepäck erreicht hat. Manchmal erleben wir unglaubliche Dinge. Manche warten in aller Ruhe auf den Zug und wenn er dann vor ihnen steht, fällt ihnen ein, dass sie weder Ticket noch Kleingeld haben. Ich wundere mich oft, wie unvorbereitet Menschen gar längere Reisen antreten.
Erlebten Sie schon unangenehme Situationen?
Peter: Nein. Nicht, dass ich mich bedroht oder bedrängt gefühlt hätte. Ab und zu spielen sich gewisse Menschen uns gegenüber auf und fragen, ob wir nichts Besseres zu tun hätten. Oder wir würden nur tratschen und rumstehen. Wir gehen nicht darauf ein und bleiben höflich.
Konflikte gibt's keine?
Peter: Nicht wirklich. Vor kurzem sollen sich zwei Burschen in die Haare geraten sein. Da waren aber andere von uns im Dienst. Es seien Kollegen gewesen, und die Lage habe sich von selbst wieder beruhigt. Neulich stieg eine Frau mit einem freilaufenden kleinen Hund aus dem Zug, und auf dem Perron stand einer mit einem nicht angeleinten grösseren Hund. Dieser zerzauste den Kleinen, aber auch diese Sache regelten die beiden unter sich. Wir blieben beobachtend auf Distanz.
Was gefällt Ihnen an dieser Arbeit?
Peter: Wir arbeiten immer zu zweit, aber in wechselnder Zusammensetzung. Das macht es abwechslungsreich. Und ich finde es spannend, während jeweils dreier Stunden das Leben am Bahnhof zu beobachten. Bahnhöfe waren für mich schon immer interessante Plätze. Hier zeigen sich die Menschen und das Leben der ganzen Vielfalt. Viele Bahnkunden und Passanten sehen das gar nicht. Sie gehen nur möglichst schnell hin und wieder weg.
Verstehen Sie Frauen, die sich unwohl und unsicher fühlen am Bahnhof?
Peter: Ja. Viele fühlen so. Nur meine ich, dass nicht der Bahnhof der Grund ist für diese Gefühle der Unsicherheit, sondern die Person selber.
Was raten Sie Frauen, denen diese Aussage nichts hilft?
Peter: Ich empfehle ihnen einen Schnupper-Abend mit uns. Sie werden das Leben am Bahnhof samt den herumstehenden Männern mit den engen Shirts und grossen Autos von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Angst ist jedenfalls nicht angebracht. Die vielen verschiedenen Menschen aus verschiedenen Kulturen, ihr Verhalten, ihr Umgang, das alles ist spannend, wenn man offen ist dafür. Viele suchen doch genau das in ihren Ferien. Ich erlebe es hier.
Was hat sich bei Ihnen im Verhalten am Bahnhof geändert, seit Sie als Bahnhof-Patin arbeiten?
Peter: Ich würde mich nie unbesehen auf eine Bank setzen. Es ist unglaublich, wie schmutzig die Bänke manchmal sind.
Interview: René Schneider
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