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Rheintaler, 19. Juli 2012, 09:39 Uhr

«Es geht auch ohne Facebook»

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Dario Pizzingrilli, eidg. dipl. Informatiker Systemtechnik, misstraut Facebook und hat sein Profil gelöscht. (Bild: René Schneider)

AU. Der soeben eidgenössisch zertifizierte IT-Systemtechniker Dario Pizzingrilli aus Au war ein sehr früher Facebook-Jünger. Facebook hat seine Lehrzeit und die der meisten seiner Freunde bestimmt. Vor einem Jahr hat er sich für immer ausgeloggt. Mit gutem Grund, wie er erklärt.


Dario Pizzingrilli, herzliche Gratulation zur bestandenen Lehrabschlussprüfung. Wie lief der praktische Teil?

Dario Pizzingrilli: Ich bin zufrieden. Es hätte besser laufen können, aber bestanden ist bestanden. Das Fähigkeitszeugnis habe ich per Post erhalten.

Mussten Sie an der LAP ein Facebook-Profil öffnen und schliessen?

Pizzingrilli: Nein. Wozu auch. Ich musste ein dreiwöchiges IT-Projekt planen, umsetzen und dokumentieren; ein Aufwand von etwa 120 Arbeitsstunden.

Sie waren ein Facebooker der ersten Stunde, haben aber seit knapp einem Jahr kein Facebook-Profil mehr. Warum?

Pizzingrilli: Ich wollte einen Artikel aus einem alternativen Blog in Facebook posten, was Facebook mit Verweis auf die Nutzungsbestimmungen ablehnte. Für mich war es ein klarer Fall von Selbst-Zensur.

Was stand denn Verschwörerisches drin, im Artikel?

Pizzingrilli: Es war ein kritischer Beitrag zum Bilderberg-Treffen in St. Moritz. Da treffen sich jeweils die Reichsten und Mächtigsten aus der ganzen Welt.

War der Vorfall einer von vielen, der sozusagen das Fass zum Überlaufen brachte?

Pizzingrilli: Ich war schon immer ein eher kritischer Nutzer gewesen. Aber der Vorfall öffnete mir die Augen definitiv und liess mich handeln, indem ich mein Profil löschte. Ich denke, jeder Geheimdienst wünscht sich ein System, bei dem die Leute sich nicht mal mehr gegenseitig aushorchen, sondern freiwillig alles preisgeben von sich. Das ist beängstigend. Niemand weiss, was Facebook mit all den Informationen tut oder je tun wird.

Sie brauchen ja nichts preis zu geben, was nicht jeder wissen darf.

Pizzingrilli: Natürlich ist vieles, was man wissen darf, nicht geheim, aber in der Menge und Verknüpfung ist es eben doch mehr als man meint und was jeder wissen darf. Ein Anzeichen ist die immer perfekter personifizierte Werbung. Und es wird immer mehr, immer perfekter und undurchsichtiger.

Waren Sie ursprünglich begeistert von Facebook?

Pizzingrilli: Ich schwamm halt mit im Hype. Es ergab sich. In letzter Zeit hatte ich zunehmend Zweifel: Ist das gut, was ich hier tue? Das erwähnte Erlebnis liess mich dann aussteigen.

Verspürten Sie Trennungs- und gar Scheidungs-Schmerzen?

Pizzingrilli: Naja, wenigstens muss ich jetzt keine Unterhaltszahlungen leisten. Im Ernst: Es war schwieriger, als ich dachte. Facebook war mein täglicher Begleiter geworden. Man kommt heim, macht den PC an und sieht sich bei Facebook um. Das machte ich anfänglich automatisch. Und realisierte erst dann, dass ich ja ausgestiegen war. Jetzt nehme ich wieder ein Buch zur Hand oder verabrede mich am Telefon mit den Kollegen.

Ist es einfach, das Profil zu löschen?

Pizzingrilli: Auch darüber ärgere ich mich. Auf der Facebook-Oberfläche kann man es nur deaktivieren. Löschen lässt es sich über einen Link im Internet. Sofern es danach wirklich gelöscht ist. Ich traue Facebook zu, dass auch die gelöschten Profile irgendwo noch verfügbar sind, falls man sie mal brauchte.

Das Anlegen eines Profils ist kinderleicht. Muss man Techniker sein, um es löschen zu können?

Pizzingrilli: Nein. Man findet bei Google schnell gute Beschreibungen, wie es geht.

Sind Sie in Ihrer Generation und in Ihren Kreisen ein Exot oder melden sich auch ihre Freunde ab?

Pizzingrilli: Nein. In meinem Umfeld sind noch alle mehr oder weniger aktiv bei Facebook. Als Exot empfinde ich mich dennoch nicht. Eher als einer mit gesundem Menschenverstand. Einer meiner Berufsschul-Kollegen weigerte sich sehr lang, ein Profil anzulegen. Jetzt hat er dennoch eins.

Fühlte er sich gezwungen?

Pizzingrilli: Das weiss ich nicht. Er tritt aber unter einem Pseudonym auf. Facebook versucht, diesem Trend einen Riegel zu schieben, indem andere User und die sogenannten Freunde mit einem Bild um Mithilfe angefragt werden: Heisst der auf dem Bild wirklich so? Ich finde das unerhört. Neu kann man sich gar mit der ID identifizieren bei Facebook.

Meine ID ist nicht geheim.

Pizzingrilli: Bei Facebook sind alle Neuerungen zuerst freiwillig und später Standard. Ich will doch denen nicht meine ID zeigen.

Was ist Ihre Prognose für Facebook?

Pizzingrilli: Das war ein Riesen Hype, aber er ist vorbei. Wie die Internet-Blase vor etwa zehn Jahren. Der Börsengang neulich zeigte, dass der Markt und die Menschen bereits zurückhaltend sind gegenüber Facebook.

Gehen die jungen Menschen auf Distanz zu Facebook, weil sich zunehmend Kinder, Eltern und Grosseltern dort tummeln?

Pizzingrilli: Ich glaube, dass wegen diesen doch grossen Gruppen das Netzwerk weiter wächst. Aber bei den Jugendlichen, die bis jetzt die grösste Nutzer-Gruppe waren, sinkt Facebook im Ansehen. Wer will schon, dass Papa und Oma zusehen, wie und mit welchen Bildern man sich mit seinen Freunden austauscht?

Werden sie sich abwenden?

Pizzingrilli: Sie werden sich anderen sozialen Plattformen zuwenden, denke ich.

Welcher haben Sie sich zugewandt?

Pizzingrilli: Keiner.

Sie waren neulich an der Reithallen-Demo in Bern, die über Facebook organisiert worden war. Wie haben Sie davon erfahren?

Pizzingrilli: Über meine Kollegen, über Blogs. Auch in den traditionellen Medien ist breit über die erste Demo berichtet worden. Bei der zweiten waren wir dann dabei. Ich finde die mir wichtigen Informationen auch ohne Facebook.

Sagen Sie zum Schluss noch etwas Gutes über Facebook?

Pizzingrilli: (grinst) Gibt es das? Facebook ist sicher eine gute und einfach zu bedienende Plattform, wenn man Verwandte und Freunde in aller Welt hat. Doch kann man sich mit ihnen auch über Mail austauschen, oder Skype.

Interview: René Schneider



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
roehler (19. Juli 2012, 11:11)
Wie bitte?

Falls der Autor dieses Artikels nicht selber ein frischer Lehrabgänger ist, frage ich mich: Wie bitte? Was soll das?!

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