Tagblatt Online, 01. Februar 2012 08:29:00
Das Heulen der Sirenen
Sirene auf dem Pestalozzischulhaus. (Bild: Archivbild: ast)
RORSCHACH. Heute um 13.30 und 13.45 Uhr werden die Alarmsirenen getestet. Das Heulen erinnert ältere Generationen an Ernstfälle im Weltkrieg.
OTMAR ELSENER
Sirenengeheul, Flugmotorenlärm und Donnerschläge von Flugabwehrgeschützen schreckten die Bevölkerung in Rorschach während der Kriegsjahre oft aus dem Schlaf. Friedrichshafen am deutschen Ufer wurde auch tagsüber von alliierten Flugzeugen angegriffen. Die Angst bestand, besonders nach den Bombenschäden in Diessenhofen und Rheinfelden, dass auch unsere Stadt einmal bombardiert, durch abstürzende Bomber oder durch Fliegerabwehrgeschosse getroffen werden könnte.
Luftschutz und Verdunkelung
Bereits vor dem Krieg war eine Luftschutzorganisation aufgebaut und Alarmsirenen auf dem Feuerwehrdepot an der Kirchstrasse und beim Luftschutzzentrum an der Hohbühlstrasse installiert worden. Feuerwehrmänner, blau gekleidete Luftschutzsoldaten und Vertreter der Ortswehr arbeiteten zusammen, kontrollierten die Verdunkelungsvorschriften, prüften, ob Kessel mit Sand bereitstanden, und patrouillierten in der Stadt. Ein ernstlicher Fliegeralarm ertönte in Rorschach erstmals am 11. August 1942.
Die Lehrer waren instruiert, die Schüler bei Alarm nach Hause zu schicken. «Beim ersten Alarmton standen wir auf und rannten aus dem Schulzimmer», erinnern sich damalige Schüler. Sie empfanden den Alarm als willkommenen Unterbruch. Jene, die weit entfernt wohnten und beim Endalarm entschieden, nicht zurückzukehren, entschuldigten sich anderntags beim Lehrer: «Es hat sich nicht mehr gelohnt.»
Vom Krieg verschont geblieben
Der heute in Bern wohnende 85jährige Albert Pahud arbeitete bei Mettler-Müller AG: «Bei Alarm wurden alle Zwirnerei-Maschinen abgestellt. Wir sammelten uns im Luftschutzkeller an der Säntisstrasse.
Die Ortswehrleute forderten Passanten auf, sich in Sicherheit zu begeben.» Bei nächtlichen Angriffen weckten die Eltern ihre Kinder und brachten sie in die Keller. Die Alarmierung wurde am 9. Mai 1945 aufgehoben, 342mal hatten in Rorschach während der Kriegsjahre die Sirenen geheult. Die Stadt war vom Krieg verschont geblieben – einzig ein deutsches Abwehrgeschoss hatte den Sulzberg erreicht, Metallsplitter geschleudert und einen grossen Trichter gebildet.
Heutige Warnung
Heute befinden sich die Alarmsirenen auf dem Pestalozzischulhaus, dem Rathaus und dem Gebäude der technischen Betriebe. Getestet wird heute mittag zuerst eine Fernauslösung des Alarms und fünfzehn Minuten später die Ortsauslösung. Der Alarm besteht aus dem bekannten an- und abschwellenden Heulen: eine Minute Alarm – eine Minute Pause – eine Minute Alarm. Der Endalarm ist ein längerer, gleichbleibender Ton. Seit 57 Jahren haben die Sirenen die Rorschacher Bevölkerung nie mehr vor ernstlichen Gefahren warnen müssen – hoffentlich bleibt es auch dabei.
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