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Rheintaler, 11. August 2012, 09:15 Uhr

«Das ist eine Top-Kaderposition»

Sitzungszimmer Stadtrat in der 12. Etage des Rathauses Zoom

Wer darf dereinst hier sitzen? Das Sitzungszimmer des St. Galler Stadtrates im 12. Stock des Rathauses. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST.GALLEN. Die St. Galler FDP zweifelt an den Führungsqualitäten der SP-Stadtratskandidaten. Reto Steiner, Professor für öffentliches Management, hält Führungserfahrung in Exekutivämtern für unerlässlich. Die Realität zeige aber, dass sich die Wähler dafür nur beschränkt interessieren.


Herr Steiner, die St. Galler Stadtratskandidaten der SP hätten zu wenig Führungserfahrung, mäkeln FDP und SVP. Wie wichtig ist Führungserfahrung für eine Exekutivpolitikerin oder einen Exekutivpolitiker?

Reto Steiner: Führungskompetenz ist für ein solches Amt an sich sehr wichtig. Fehlt diese, kann das für den Amtsinhaber schnell zum Problem werden. Tatsächlich ist es aber so, dass die Wählenden bei Personenwahlen oft andere Dinge in den Vordergrund rücken. Sie interessieren sich zunächst einmal dafür, welche Grundwerte Kandidierende vertreten. Zudem spielen Sympathie und Bekanntheit eine wichtige Rolle.

Das heisst, das Kriterium «Führungserfahrung» ist für den Wahlkampf gar nicht so wichtig, wie die FDP der Stadt St. Gallen tut?

Steiner: Eigentlich sollte die Führungserfahrung der Kandidierenden für die Wähler durchaus eine Rolle spielen. Die Erfahrung zeigt jedoch, dass politische Wahlen anders funktionieren als ein Assessment für einen Job in der Privatwirtschaft. Der Job eines Stadtrates ist – auch von der Entschädigung her – durchaus vergleichbar mit einer Top-Kaderposition. In der Privatwirtschaft würde ein Kandidat dafür in Sachen Führungserfahrung auf Herz und Nieren geprüft. Bei einer politischen Wahl können sehr taugliche Kandidaten dennoch durchfallen. Das ist für die Verlierer manchmal etwas undankbar.

Wählt das Volk also einen Politiker ohne Führungserfahrung in den Stadtrat, läuft dann zwangsläufig alles schief?

Steiner: Nein. Dann ist wichtig, dass er oder sie sich wenigstens weiterbildet. In der Realität hapert es damit aber noch. Gewählte Politiker haben oft Angst, sich eine Blösse zu geben. Zuzugeben, dass sie nicht perfekt sind.

Halten Sie solche Management-Weiterbildungen für Exekutivpolitiker wirklich für unverzichtbar?

Steiner: Wenn jemandem die Erfahrung fehlt, wäre das für mich eine Bedingung, ja. Als Politiker würde ich es nur schon aus Verantwortungsgefühl gegenüber meinen Wählern machen. Die Stadt- und Gemeindeverwaltungen haben sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Als Departementsvorsteher haben Sie heute immer besser ausgebildetes Personal vor sich. In den Ämtern haben die Mitarbeitenden heute praktisch alle mindestens einen Fachhochschulabschluss. Allein die Führungskompetenz ist deshalb nicht zu unterschätzen, um von den Mitarbeitenden ernst genommen zu werden.

Eine Stadtverwaltung sei kein Unternehmen, war hier in den vergangenen Tagen von links zu hören. Einverstanden?

Steiner: Kommt ganz darauf an, was Sie unter Unternehmen verstehen: Als Ort, wo man gemeinsam etwas unternimmt, um Ziele zu erreichen, ist sie durchaus eins. Nur die Entscheidfindung läuft ganz anders als in der Privatwirtschaft – und viel langsamer. Das ist Unternehmern, die in ein politisches Amt gewählt wurden, auch schon zum Verhängnis geworden.

Zum Beispiel Bundesrat Johann Schneider-Ammann?

Steiner: Johann Schneider-Ammann macht seine Sache in Sachen Menschenführung an sich gut. Bei politischen Projekten musste allerdings auch er lernen, dass in der Politik andere Mechanismen und andere Kriterien eine Rolle spielen als in einem Privatunternehmen. Das braucht viel politisches Feingefühl und Frustrationstoleranz.

Die SP-Kandidierenden in St. Gallen sind eine Fachstellenleiterin und ein Schulleiter. Führungserfahrung genug für den Stadtrat?

Steiner: Ich kenne beide Personen nicht. Eine Fachstellenleiterin kann in Sachen Projektführung sehr erfahren sein, hat aber wohl bisher nicht sehr viele Mitarbeitende geführt und deutlich weniger Budgetverantwortung gehabt. Schulleiter sind heute in der Regel Manager. Sie kennen meist auch das politische Umfeld. Die FDP setzt ihre Kritik wohl an, um die Stärken ihrer eigenen Kandidaten in den Vordergrund zu rücken. Würde ich an ihrer Stelle auch so machen.

Interview: Odilia Hiller



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