Direkte Links und Access Keys:

Tagblatt Online, 31. Januar 2012 08:17:00

Als Ehefrau gehörte man dazu

WATTWIL. 2012 feiert die Katholische Frauengemeinschaft Wattwil ihr 100-Jahr-Jubiläum. Grund genug die Geschichte Revue passieren zu lassen. Dies taten Luisa Steinbacher, Ida Kappler und Rosa Heeb bei einem gemütlichen Nachmittag bei der vom Vorstand beauftragten Ursina Knobel.

PATRICIA WICHSER

Gegründet wurde der Wattwiler Verein 1912 unter dem Namen Katholische Frauen- und Müttervereinigung. Geschichtlich gesehen setzen sich die Wattwilerinnen früh mit ihrer Rolle als Frau und Mutter auseinander. Als Vergleich: der Schweizerische Katholische Frauenbund wurde ebenfalls 1912 gegründet – der Katholische Frauenbund St. Gallen 1913. Gepflegt wurde Religiöses, Pädagogisches, Caritatives und Gesellschaftliches. Der Wattwiler Pfarrer amtiert als geistliche Leitung traditionsgemäss als Präses. Die ersten Sitzungen fanden im Schulhaus, im Pfarrhaus, in der Kirche, im Restaurant Toggenburg und später im neu erbauten Pfarreiheim statt.

Bezug zu Gott pflegen

Ida Kappler ist seit ungefähr 1960 bei der Katholischen Frauengemeinschaft dabei. Die damalige Präsidentin warb um neue Mitglieder und so schaute die junge Frau ein erstes Mal bei einem Treffen vorbei. «Es war einfach gemütlich, Gleichgesinnte zu treffen und zu diskutieren», erklärt die Wattwilerin. Sie mag sich gut daran erinnern, dass die Kurse und Weiterbildungen der Frauen vom damaligen Pfarrer Alois Heeb und seiner Pfarrköchin organisiert wurden. So arrangierten sie beispielsweise einen Peddigrohr-Kurs. Durch den Verein wurden interessante Referate organisiert und auch die Ehemänner wurden eingeladen. «Es waren immer gute Themen wie Pädagogik, Gesundheit, Bildung und Biographien», bestätigt die Wattwilerin. Ein Vortrag blieb Ida Kappler noch dreissig Jahre später lebhaft in Erinnerung. «Der Referent wirkte in der Psychiatrischen Klinik Wil und war Psychiater und Theologe», erzählt sie. Beim Eintrittsgespräch fragte der Psychiater beim Patienten zunächst nach, ob er an Gott glaube. Wenn der Patient verneinte oder sogar ausrief, wusste der Psychiater, dass der Weg zur Genesung schwieriger werden würde. «Als Theologe wusste er, dass man bei einem Klienten, der nicht an Gott glaubt, keinen Erfolg erzielen kann», erklärt Ida Kappler. Die Referate von Tierärzten, Pädagogen und anderen interessanten Persönlichkeiten gaben der jungen Frau viele Impulse und Kraft im Alltag. «Dass der Bezug zu Gott und das Beten in der Frauengemeinschaft gepflegt wurden, erbaute alle sehr», sagt sie. Die Präsidentin der Frauengemeinschaft war sehr bemüht, kinderreichen Familien etwas Gutes zu tun. «Wir bekamen Stoff geschenkt und als die Präsidentin nach unserem Wunsch fragte, antwortete ich, dass wir gerne Pyjamas für unsere Kinder aus diesem Stoff hätten», erklärt die siebenfache Mutter. Die Präsidentin erfüllte der Familie diesen Wunsch.

Stärkung des Selbstbewusstseins

Luisa Steinbacher ist seit 1965 Mitglied der Katholischen Frauengemeinschaft. «Früher besuchten die Vereinsfrauen im Spital die jungen Mütter auf der Wochenbettstation», erinnert sich Luisa Steinbacher. Sie gratulierten und kamen mit den Müttern ins Gespräch. Annemarie Jud-Schaffhauser, ein damals aktives Vereinsmitglied, überzeugte Luisa Steinbacher vom Angebot des Vereins. Das Soziale wurde sehr gepflegt. «Wenn eine Frau krank war, so besuchten sie die anderen Frauen», sagt die Wattwilerin. An den Treffen wurde über die Erziehung und das Familienleben diskutiert. «Es tat gut zu sehen, dass andere Frauen die gleichen Themen beschäftigen», erklärt die Rentnerin. Viele Kurse im Nähen, Stricken und Backen erleichterten den Hausfrauen das Leben und sorgten gleichzeitig dafür, dass sie gestärkt und selbstbewusster heimkehrten. Nähen und Stricken setzten die Vereinsmitglieder auch für Caritatives und für soziale Belange der Gemeinde ein. «Für die gebürtige Wattwiler Schwester Gret Marty strickten wir an Nachmittagstreffen kleine Pullover oder Schlüttli für Neugeborene im Tschad», erinnert sie sich. Dieser Brauch existiere übrigens heute noch. Auch beim Nähen und Abändern der Weisser-Sonntagskleider der Mädchen konnte die Katholische Kirchgemeinde auf die Frauen zählen. Ein Höhepunkt war ein Besuch im Mütterhaus in Schwarzenberg. Über die Pfarrei konnten sich die Frauen für einen Aufenthalt anmelden. «Dort wurden die Exerzitien (geistige Übungen, begründet vom Jesuitenorden) in absoluter Stille und Ruhe gepflegt», blickt Luisa Steinbacher zurück.

Auch sich selber Sorge tragen

Rosa Heeb ist 1947 der Katholischen Frauengemeinschaft beigetreten. «Es war einfach selbstverständlich, dass man als verheiratete Frau und Mutter dem Verein angehörte», meint die Wattwilerin. 1947 wurden noch keine Protokolle verfasst und die Treffen beschränkten sich auf einmal im Jahr. Treffpunkt war jeweils an einem Sonntagabend im katholischen Schulhaus. Die Versammlung war noch eine ernste Sache, an welcher der Pfarrer auch mal eine Predigt hielt und die Frauen an ihre Aufgaben ermahnte. Mit Präsidentin Paula Wüest wurden die Treffen etwas gemütlicher im Restaurant Toggenburg abgehalten und ab 1949 protokollierte man das Vereinsleben. Nach und nach nahmen die Treffen zu und Ausflüge boten eine willkommene Abwechslung. «An den Zusammenkünften wurde allerlei an Unterhaltung geboten», erinnert sich Rosa Heeb. Zu jener Zeit stand im Vordergrund, dass die Ehefrau die Pflicht hatte zu schauen, dass es dem Mann und den Kindern gut ging und sie sich zu Hause wohl fühlten. Erst später kam der Aspekt dazu, dass sich die Frauen selber auch Sorge tragen sollten. «Im Mütterhaus Schwarzenberg wurden die Frauen erstmals daran erinnert, sich selber auch etwas Gutes zu tun», weiss Rosa Heeb. Ein Kurs mit Gesichtspflege-Produkte in Wattwil folgte. Zu Beginn der 60er-Jahre wurde im Mütterhaus Schwarzenberg und dem Sekretariat des Schweizerischen Katholischen Müttervereins in Luzern Themen des Frauenrechts diskutiert, wie beispielsweise das Frauenstimmrecht. Was heute selbstverständlich ist, wurde damals selbst in der Katholischen Frauengemeinschaft Wattwil nur zögerlich thematisiert.





Leser-Kommentare:
keine


Zu diesem Artikel sind keine Beiträge vorhanden.

Kommentar schreiben

Um Beiträge schreiben zu können, müssen Sie eingeloggt sein!

Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.

Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

Anzeige:

tagblatt.ch / ipad

iPad und E-Paper

facebook.com / tagblatt

 ...

Anzeige: