Tagblatt Online, 01. Februar 2012 08:34:00
55 literarische Schicksalsschläge
EBNAT-KAPPEL. Seit über zehn Jahren lebt Brigitta Römer von Mai bis November in einem abgelegenen Ferienhaus im Toggenburg und schreibt Kurzgeschichten – im Dezember 2011 ist ihr erstes Buch «Hier endet der Himmel» erschienen.
HANSRUEDI KUGLER
EBNAT-KAPPEL. Brigitta Römer liefert ein intensives, konzentriertes Debut ab. Die 1952 geborene Autorin macht es ihren Figuren allerdings nicht leicht. Sie werden sexuell missbraucht, leiden unter Bulimie, bekommen Krebs, werden wahnsinnig, begehen Suizid. In ihren 55 Kurz- und Kürzestgeschichten schlägt das Schicksal oder die Lieblosigkeit schnell und fast immer ausweglos zu. «Hier endet der Himmel», heisst deshalb programmatisch der Titel des gut 100 Seiten umfassenden Buches. Gelegentlich schleicht sich ein anklagender und moralisierender Tonfall in die rasche Abfolge der Kurzberichte. Überwiegend wird hier nüchtern, fast schon lapidar erzählt. Ein Buch wie eine Collage aus Zeitungsmeldungen. Lebensgeschichten schrumpfen dabei auf die Momente der entscheidenden Wende. Dass diese kaum je zum Guten ausschlagen, sondern meist zum möglichst drastisch Schlechten, mag man als düsteres Weltbild empfinden. Das muss man erst mal verdauen. Der Trick dabei: Was sich vor und hinter den schockierenden Ereignissen verbirgt, soll und kann sich der Leser selbst ausmalen. Happy Ends sollte der Leser in diesem Buch nicht erwarten. Das ist aber gerade die Stärke des Buches. Die Autorin überlässt die mögliche Empörung und die Moral dem Leser.
Wohnen im Märchenland
In der Nassschwendi zwischen Bendel und Hemberg wohnt Brigitta Römer von Mai bis November zusammen mit ihrem Mann. Ein Märchenland zwischen Tannen, abseits, ruhig, nur ein Fussweg führt zum Haus. Vor dreissig Jahren kaufte ihr Mann das Ferienhaus und seither verbringen die beiden ihre Freizeit und Ferien im Toggenburg. Seit der Pensionierung ihres Mannes vor 12 Jahren dient das Haus auch als fester Wohnsitz, neben der Wohnung in Fehraltorf bei Zürich, wo sie die Winter verbringen. Am Dorfleben in Ebnat-Kappel nimmt Brigitta Römer aber kaum teil. Sie liebe die Abgeschiedenheit, die Ruhe, die das Denken und Schreiben ermögliche. Bis 1999 führte Brigitta Römer eine Praxis für Atemtherapie in Zürich und hat vor allem psychisch labile Menschen betreut. Es sei aber nicht so, dass sie ihre Patienten nun zu literarischen Figuren verarbeitet hätte. Auch sind es keine Toggenburger Personen oder Ereignisse: «Die Themen liegen in der Luft, manchmal genügt ein Name und die Geschichten laufen in meinem Kopf ab.»
Noch kein Roman
Brigitta Römer ist eine literarisch bisher Unbekannte. Weder hat sie vorher in Zeitschriften publiziert noch an Wettbewerben teilgenommen. Auch dank der Empfehlung einer Schreibkollegin fand sie nach vielen vergeblichen Versuchen einen Verlag: Edition Isele in Kreuzlingen, der sich spezialisiert hat auf Lyrik und Kurzprosa aus der Schweiz und Deutschland. Unter anderem ist dort auch der Toggenburger Lyriker Marc Hermann im Programm. «Natürlich hat mir mein Verleger gesagt, ich solle aus dem Stoff einen Roman machen. Romane verkaufen sich besser als Kurzgeschichten. Aber die Miniaturen liegen mir einfach», sagt Brigitta Römer. Vielleicht sei es ihre Suche nach dem Wesentlichen, dass ihre Geschichten zu so kurzen, intensiven Miniaturen werden, meint sie. Und zum Wesentlichen gehören sicher die Kinder. Ihnen sind die meisten Geschichten gewidmet und ihnen gehört auch das Mitgefühl der Autorin: Ein fünfjähriges Mädchen sucht sich neue Eltern, ein Kind verschwindet einfach vom Erdboden, ein anderes wirft sich verzweifelt aus dem fahrenden Auto. So hat sie sich auf Kürzest-Novellen konzentriert. Goethe meinte, Novellen würden ein «seltsames, unerhörtes Ereignis» innerhalb eines Lebens beschreiben, als Wende, die oft von Zufällen gesteuert und ohne moralische Auflösung das Erzählte zur «Schwester des Dramas» mache. Damit ist der Stil der Geschichten von Brigitta Römer gut beschrieben. Und wer Lust auf weitere solcher Kürzest-Geschichten hat, der lese wieder einmal den Klassiker dieses Genres: Thomas Bernhard «Der Stimmenimitator».
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