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Tagblatt Online, 02. Februar 2012 07:50:00

Geschichte der Holzwolle entdeckt

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Hanspeter Frey in seinem Arbeitszimmer in Lichtensteig, wo er Fakten über die Holzwolle recherchiert hat. (Bild: Sabine Schmid)

LICHTENSTEIG. Rund ein Jahr lang recherchierte der Lichtensteiger Journalist und Historiker Hanspeter Frey zum Thema Holzwolle. Dabei fand er Erstaunliches heraus, denn der Werkstoff Holzwolle, früher ein sehr gefragtes Produkt, ist viel besser als ihr Ruf.

SABINE SCHMID

Ist Wikipedia eine glaubwürdige Quelle? «Nein», antwortet Hanspeter Frey vehement. Diesen Schluss zieht der Journalist und Historiker, nachdem er rund ein Jahr lang über das Thema Holzwolle geforscht hat. «In diesen Internetlexika kann jeder hineinschreiben, unabhängig vom Wahrheitsgehalt», erklärt Hanspeter Frey. In seinem Themengebiet, der Holzwolle, hat er schnell einmal gemerkt, dass das im Internet verbreitete Wissen nicht stimmen kann.

Fehler in der Übersetzung

Einen möglichen Ursprung vermutet Hanspeter Frey in einem Übersetzungsfehler. Er hat in einem Magazin aus dem Jahr 1852 einen Artikel gefunden, indem von «Woodwool», also Waldwolle, die Rede war. Übersetzt wurde dieser Begriff mit Holzwolle. Doch die beiden unterschiedlichen Wörter beschreiben auch unterschiedliche Produkte (siehe Stichwort). «Holzwolle, wie wir sie heute kennen, wurde erstmals 1857 beschrieben und zwar als Tapetenersatz», erklärt der Journalist, der sein Wissen im Buch «Werkstoffmonografie Holzwolle – Daten/Fakten» zusammengefasst hat. Erfunden wurde dieses Produkt in Nordamerika. Dort nannte man es «Excelsior», nach dem Baum, aus dessen Holz die Holzwolle fabriziert wurde. Die Amerikaner fanden für dieses Produkt viele Verwendungszwecke, von Matratzen über Kissen bis zu Schuhen wurde Holzwolle ebenso eingesetzt wie in der Melioration, im Rebbau, als Dämmmaterial oder zur Isolation von Eis in den Urmodellen der heutigen Kühlschränke. «Das hatte zur Folge, dass die Holzwolle-Industrie boomte», erklärt Hanspeter Frey.

Einsatz in der Medizin

Ende des 19. Jahrhunderts tauchte Holzwolle in der Medizin auf. Die Forscher – beispielsweise Gustav Adolf Walcher – wussten um die antiseptische Wirkung des Holzes und setzten Holzwolle für Verbandsstoff, Damenbinden oder in Spitälern zur Verbesserung der Hygiene ein. «Über die Humanmedizin fanden die Produkte ihren Weg in die Ställe», erzählt Hanspeter Frey weiter. Die Holzwolle war gefragt – sei es als Einstreu und Isolation für junge Ferkel, sei es in der Hühnerhaltung. Dort übrigens noch bis heute. Zahlreiche Milchproduzenten setzen bei der Euterreinigung auf Holzwolle, ebenso werden Küken

in Holzwolle gebettet.

Parallel zum vielseitigen Einsatz der Holzwolle wurden Maschinen zu deren Herstellung entwickelt. «Im Prinzip wird die Holzwolle noch heute gleich fabriziert wie vor 150 Jahren», weiss Hanspeter Frey. Wichtig sei, dass die Holzwolle möglichst fein geschnitten werde.

Image am Boden

In seinen Recherchen, für die Hanspeter Frey die Fakten vor allem aus Fachzeitungen zusammengetragen hat, hat er nicht herausgefunden, warum die Holzwolle nicht mehr diesen Stellenwert einnimmt, wie früher. In Deutschland existieren noch vier von früher 130 Fabriken, in der Schweiz gibt es gerade mal noch einen Holzwolle-Fabrikaten, nämlich die Lindner Suisse GmbH in Wattwil. Durch die Verwendung von anderen Materialien, beispielsweise für Matratzen oder für Dämmung sei ein grosser Teil des Marktes weggebrochen, sagt Hanspeter Frey. Nach wie vor wird das Material in Klimageräten und für Verpackungen eingesetzt. «Das grösste Imageproblem ist, dass man die Holzwolle bei diesen Verwendungen nicht sieht», glaubt Hanspeter Frey. Schlecht für das Image sei auch gewesen, dass die Qualität nach dem Ersten Weltkrieg stetig abgenommen habe. «Die Holzwolle hatte in Europa keine Lobby, denn sie wurde nie als eigenständiger Werkstoff angesehen», bringt es Hanspeter Frey auf den Punkt. Das ging so weit, dass sowohl in Europa wie auch in den USA alle Normen zur Herstellung der Holzwolle zurückgegeben wurden. «Das wäre aber zwingend nötig, um dem Produkt das Image zu geben, das ihm zusteht», glaubt Hanspeter Frey.

Arbeit geht noch weiter

Kurz vor Weihnachten hat der Autor seine Werkstoffmonografie über Holzwolle veröffentlicht. Wie ein Polizeikommissar habe er Fakten zusammen getragen und die Schnur sei immer länger geworden, beschreibt er seine Arbeit. Doch diese ist noch nicht abgeschlossen. In seinem Werk sei die Geschichte der Holzwolle in der Schweiz und in Europa noch nicht so beschrieben, wie er es gerne hätte. Hanspeter Frey macht sich auf die Spuren des Holzwolleverbandes. Quellen haben ihm verraten, dass es einen solchen einmal gegeben hat, aber ein Archiv hat der Lichtensteiger Historiker noch nicht ausfindig gemacht. «Obwohl ein grosser Teil der Recherche zeitnah erfolgt, sind nur wenig Quellen vorhanden», stellt er fest. So bleibt ihm nicht anderes übrig, als weiterhin in der Zentralbibliothek in der ETH Zürich, in der Bibliothek der Uni Basel und auch in anderen Bibliotheken zu suchen, damit er hinter das Rätsel der Holzwolle kommt. Um dann vielleicht die Einträge in den Online-Lexika zu berichtigen.





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