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Tagblatt Online, 31. Januar 2012 08:20:00

«Wir werden immer verletzlicher»

LITTENHEID. Nach fast 21 Jahren als Chefarzt und Ärztlicher Leiter der Privatklinik Clienia Littenheid tritt Markus Binswanger nun kürzer. Im Interview spricht er über Veränderungen und den fehlenden ärztlichen Nachwuchs.

Herr Binswanger, was hat sich verändert in den mehr als 20 Jahren, in denen Sie in der Privatklinik in Littenheid Chefarzt waren?

Markus Binswanger: Wir hatten 1991 weit über 300 Betten und dabei weniger als 400 Eintritte jährlich. Heute sind es nur noch 200 Betten, aber 1400 Eintritte. Die Langzeitpatienten wurden weitgehend ausgegliedert. Zudem hat sich das Durchschnittsalter unserer Patienten massiv gesenkt. Wir sind von einer beschützenden und bewahrenden Psychiatrie zu einer psychotherapeutischen Akutklinik geworden.

Was hat Sie am meisten geprägt in dieser Zeit?

Binswanger: Dass die Klinik lokal im Hinterthurgau und gleichzeitig aufgrund vielfältiger Vertragsbeziehungen in einem komplizierten Umfeld tätig ist. Das kostet viel Kraft, ist aber auch interessant und herausfordernd. Man muss innovativ sein und therapeutische Angebote entwickeln, welche die kantonalen Institutionen, zum Beispiel die Psychiatrische Klinik Wil, ergänzen. Die Clienia Littenheid ist durch die grosse Zahl unterschiedlicher Partner aufgefordert, wenn immer möglich als Problemlöser aufzutreten.

Welches war das bewegendste Schicksal?

Binswanger: Es waren in erster Linie Schicksale von speziellen Patientengruppen. Mich beschäftigen seit vielen Jahren psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt. Dabei geht es um die uns zugewiesenen Patienten und um erkrankte Mitarbeiter unserer Klinik. Wir verfügen seit rund zehn Jahren über einen Gesundheitszirkel und machen eine Grosszahl von Angeboten für Mitarbeiter bezüglich Ernährung, Bewegung und Entspannung. Gerade jetzt führen wir eine intensive Gesundheitsbefragung durch.

Konnte die Anzahl Krankheitstage der Clienia-Mitarbeiter dadurch verringert werden?

Binswanger: Leider ist bis anhin noch keine markante Verminderung der Krankheitstage und Abwesenheiten in unserem Unternehmen feststellbar. Gleichwohl haben wir aber das Gefühl, dass unsere gesundheitsfördernden Massnahmen sich positiv auf die Betriebskultur und das Führungsklima auswirken.

Wie haben sich die Krankheitsbilder der Patienten in den vergangenen 20 Jahren verändert?

Binswanger: Neben den bekannten psychiatrischen Störungen werden wir durch neue Krankheitsbilder wie Essstörungen und veränderte Suchterkrankungen herausgefordert. Borderline-Patienten können heute viel wirksamer behandelt werden als früher, und auch bei Menschen mit Trauma-Folgestörungen dürfen wir deutliche Verbesserungen feststellen. Eine Reihe von Krankheitsbildern wie Schizophrenie oder Demenz haben sich indessen in ihrer Häufigkeit und Erscheinung wenig verändert. Insgesamt konnte die Psychiatrie als medizinisches Fach in den vergangenen 20 Jahren leider nicht überall Fortschritte verzeichnen.

Wieso gibt es so viele Burn-out-Fälle?

Binswanger: Einerseits nimmt man psychische Störungen heute generell sensibler wahr und Hausärzte überweisen ihre Patienten früher an die Psychotherapeuten. Anderseits ist aber gleichwohl eine massive Zunahme der Belastung im beruflichen Alltag ausgewiesen und die arbeitsbezogenen Störungen scheinen deutlich zuzunehmen. Wir werden immer verletzlicher.

Was muss in der Arbeitswelt verändert werden, damit sich die Situation bessert?

Binswanger: Darauf gibt es keine einfache Antwort, die Analyse ist komplex. Es wäre verführerisch, den Unternehmen und ihren Verantwortlichen die alleinige Verantwortung für die hohen Belastungen zuzuschieben. Vielmehr geht es um entsprechende Solidarität in der Organisation. Es geht um ein Miteinander statt ein Gegeneinander. Gute Antworten auf belastende Arbeitssituationen müssen auch individuell unter Einbezug der Betroffenen gesucht werden.

Was würden Sie ändern, wenn Sie nochmals von vorne beginnen könnten?

Binswanger: Ich würde bei der erwähnten Patientengruppe konsequenter mit den Verantwortlichen der Arbeitswelt in Kontakt treten. Es geht dabei in erster Linie um Themen wie Wertschätzung und Anerkennung sowie Gestaltungsmöglichkeiten am Arbeitsplatz.

Wurde Ihre Klientel jünger?

Binswanger: Das ist so. Nachdem in den 1990er-Jahren ein empfindlicher jugendpsychiatrischer Versorgungsengpass vorhanden war, konnte unsere Klinik in der Zwischenzeit durch den Aufbau entsprechender Angebote vielen Kantonen wirksame Abhilfe schaffen. Es sind in letzter Zeit erfreulicherweise vielerorts neue kinder- und jugendpsychiatrische Strukturen aufgebaut worden.

Was halten Sie von der bevorstehenden Ferien-Abstimmung?

Binswanger: Es braucht meines Erachtens ganzheitlichere Massnahmen, damit man im Arbeitsprozess nicht erkrankt. Persönlich glaube ich nicht, dass lediglich durch die Erhöhung der Anzahl Ferienwochen die zentrale Problematik gelöst wird.

Was erwarten Sie von Ihrer Nachfolgerin Silke Bachmann?

Binswanger: Sie soll in der Clienia Littenheid fachliche Impulse vermitteln und therapeutische Erneuerung in Gang setzen. Silke Bachmann hat beispielsweise ihren wissenschaftlichen Fokus auf der Behandlung von sogenannten frühen Psychosen gelegt. Das ist eine Thematik, die in unserer Klinik bis anhin wenig Tradition hat.

Interview: Simon Dudle





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