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Rheintaler, 17. August 2012, 11:18 Uhr

Gehe nie ohne Shirt zum Einkaufen

Kind ohne T-Shirt aus dem Amriville verwiesen Zoom

Timo hat Lieblingsshirts – am liebsten mit Autos drauf. Er mag es aber auch, im Sommer ohne sein T-Shirt im Garten herumzulaufen. (Bild: Bilder: Nana do Carmo)

AMRISWIL. Der kleine Timo hatte vergessen, sein T-Shirt anzuziehen. Bei sommerlichen Temperaturen ist das kein Problem, aber im Amriville führte dies letzte Woche zu seinem Rauswurf – obwohl er mit seiner Mutter unterwegs war. Ist das nicht übertrieben? Und: Welche Regeln gelten?

BETTINA DEGEN

Die Zeit eilt, Timo braucht unbedingt neue Schuhe. Manuela Steinert packt ihre Tasche und ihr Kind, denn der Bus fährt jede Minute in Richtung Amriville. Der Sechsjährige hat allerdings in der Hitze des Gefechts sein T-Shirt nicht angezogen. Im Schuhgeschäft dann die unangenehme Überraschung: ein ruppiger Rauswurf durch ein Security-Mitarbeiter, denn oben-ohne geht gar nicht.

Etikette, Anstand oder Hygiene?

Was Manuela Steinert und ihrem Sohn am letzten Freitag passiert ist, hat unter ihren Freunden und Arbeitskollegen zu hitzigen Diskussionen geführt. «Ich war selber erstaunt, wie das Thema polarisierte», sagt die Primarlehrerin. Eine Facebook-Freundin ekle sich, wenn in einem Einkaufszentrum zu viel Haut zu sehen sei. Ein anderer Kollege fand, dass Kinder in dieser Hinsicht doch noch Freiheiten hätten. Beim Pausengespräch im Lehrerzimmer kam der Gedanke auf, dass auch Pädophilie ein Grund sein könnte, dass im öffentlichen Raum Kinder möglichst T-Shirt und Hose tragen sollten.

Ob Hygiene, Anstand oder Gedanken von Pädophilie, die junge Mutter war geschockt. Sohn Timo verstand die Welt nicht mehr und fragte immer wieder, was er denn falsch gemacht habe.

Keine Kleidervorschrift

Urs Schach vom Amriville-Management entschuldigt sich für den Vorfall. «Gerade bei Kindern in Timos Alter ist ein Auge zuzudrücken.» Die Reaktion des Security-Mitarbeiters sei übertrieben gewesen. Weder die Mutter noch der Sechsjährige habe etwas falsch gemacht.

Ein Blick in die Hausordnung zeigt, dass das Shoppingcenter keine Richtlinie zum Thema Kleidung hat. «Ich erwarte aber, dass gewisse unausgesprochene Regeln in einem Kaufhaus eingehalten werden. Zum Beispiel, dass die Kunden anständig, also angezogen, zum Einkaufen kommen.»

Benimmregeln in der Mall

«Jeder Kunde muss sich wohl fühlen können», sagt Schach. Das habe viel mit gegenseitigem Respekt zu tun, mit einer Achtung vor den Mitkunden.

Andreas Reutimann vom Einkaufszentrum Karussell in Kreuzlingen ist gleicher Meinung. Solange die anderen Kunden nicht negativ angesprochen werden, gehe vieles in Ordnung. «Oben und unten bedeckt, also im Minimum Shorts und T-Shirt, ist beim Einkaufen angebracht», sagt Reutimann.

Im Einzelfall entscheiden

Im Frauenfelder Einkaufszentrum Passage sieht Geschäftsführer Heinz Vögeli die Kleiderdiskussion differenzierter. «Während der Frauenfelder Open-Air-Zeit ist ein nackter Oberkörper bei uns ein alltägliches Bild, gerade wenn die Temperaturen stimmen.» Aus hygienischer Sicht gehe es aber gar nicht, wenn ein Kunde barfuss seine Einkäufe tätige. «Wir verweisen die Person aber nicht aus dem Einkaufsbereich, sondern suchen das Gespräch. Dabei weisen wir sie darauf hin, das nächste Mal mit Schuhen, oder eben mit T-Shirt, zu erscheinen.»

Heiligtum Einkaufszentrum

Die Schultern und Knie bedecket halten, das ist jedem Tourist in südlichen Ländern bewusst, wenn er eine Kirche oder eine heilige Stätte betritt. Falls kein Sittenwächter vor der Tür postiert ist, so wird der Kulturinteressierte mit mehreren Symbolschildern auf den Anstand und die gebotenen Ehrerbietung hingewiesen. Obwohl zwar ein Konsumtempel, in einem Einkaufszentrum braucht es keine Ehrerbietung, dafür ist auch hier ein T-Shirt, selbst bei heissen Temperaturen, die angemessene Bekleidung.

Symbolflut verhindern

Kleiderregeln gibt es in keinem der drei Einkaufszentren. «Wenn wir alles reglementieren wollten, dann hätten wir dicke Ordner», sagt Schach vom Amriville. Die wichtigsten Regeln sind an der Türe als Symbol angebracht. Nicht zu viele, das verwirre nur, sagt Schach. «Ein «Oben-ohne»-Symbol gibt es sicher nie, auch keine Altersgrenze.» Er setze auf den gesunden Menschenverstand, wo die Grenze gezogen werde, sowohl bei Kunden als auch bei Security-Mitarbeitern.

Bei Timo waren die Grenzen letzte Woche im Amriville jedenfalls sehr eng gesteckt.



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Leser-Kommentare:
2 Beiträge
bachweid (17. August 2012, 14:18)
Viel Lärm um nichts

Wem kommt es in den Sinn, wegen einer solchen Lappalie zur Zeitung zu rennen? Wen kümmert das? Es ist ja klar, dass sich grosse und kleine Kunden in einem Shoppingcenter anständig zu kleiden und zu verhalten haben. Wenn die Mutter hier ihren Elternpflichten nicht nachkommen will, greift die Security natürlich zu recht ein. Aber nochmals: Wen interessiert es, ob Frau XY weiss, wie man sich im öffentlichen Raum zu verhalten hat oder nicht?

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diethelm (17. August 2012, 13:28)
Wenn ich in Amriswil wohnen würde,

würde ich im Amriville nicht mehr einkaufen, wenn sie dort so blöd tun. Meine Achtjährige, die selbst nicht mehr oben ohne einkaufen gehen würde, meinte, bei einem Sechsjährigen sei das doch kein Problem, wenn er einmal kein T-Shirt anhabe.
Das Argument mit der Pädophilie sticht kaum, denn Pädophile können in der Badi dauernd Buben ohne Oberteil sehen oder Mädchen im Badekleid. Und ein Bub in Gesellschaft der Mutter wird kaum von einem Pädophilen angesprochen werden.

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