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Rheintaler, 31. Juli 2012, 08:56 Uhr

«Meine Heimat ist der Thurgau»

1. AUGUST 2005 IM THURGAU Zoom

In Stettfurt zeigt sich beim 1.-August-Brunch der Thurgau von seiner schönsten Seite. (Bild: Archivbild: Nana do Carmo)

Was empfinden Menschen, die den Thurgau verlassen haben, für ihren Heimatkanton? Was vermissen Ausgewanderte in Rom oder Sydney? Anlässlich der 1.-August-Feier geben zehn Thurgauerinnen und Thurgauer Einblick in ihre Erinnerungen und Gefühle.

INGE STAUB

«Zu Hause in Kreuzlingen habe ich den 1. August nie gefeiert», sagt Stefan Osterwalder. «Aber hier in Australien pflege ich diese Tradition gemeinsam mit anderen Schweizern.» Der 35jährige Projektleiter lebt seit vier Jahren in Sydney. In der australischen Metropole sei die Lebensqualität besser, der Strand liege vor der Haustüre und das ganze Jahr über scheine die Sonne, begründet er, weshalb es ihn ans andere Ende der Welt zog. Trotz der Annehmlichkeiten Sydneys bekennt Osterwalder: «Die Schweiz ist meine Heimat. Heute bin ich stolz, Schweizer zu sein.» Eines vermisst er im subtropischen Klima am Pazifischen Ozean ganz besonders: Tilsiter aus dem Thurgau.

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Regula Butlin-Staub, die unter dem Namen Regi Claire als Schriftstellerin bekannt ist, wohnt mit ihren schottischen Mann, Ron Butlin, in Edinburg. Heimat ist für die 49-Jährige aus Münchwilen «dort, wo ich mich zu Hause fühle. Und das ist sowohl der Thurgau als auch Schottland.» Aber wenn sie zu Besuch im Thurgau ist, dann schlägt ihr Herz halt doch etwas höher! In Schottland fehlen ihr die Weinberge und die Thur, Spezialitäten wie Gottlieber Hüppen, Apfel- und Birnensaft und süsse Erdbeeren. Mit dem schottischen Wetter hat sich die Autorin noch nicht angefreundet. «Ich vermisse das Thurgauer Wetter: die Hitze im Sommer, die eisige Kälte im Winter. Hier in Edinburg wird es selten richtig heiss oder kalt. Dafür regnet es häufig…»

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Übers Wetter kann sich der Unternehmer und ehemalige Bobfahrer Hausi Leutenegger nicht beklagen. Sollte es ihm in Freienbach am Zürichsee zu kalt werden, kann er auf seine Häuser auf Gran Canaria und am Genfersee, ausweichen. Trotz seiner Weltläufigkeit fühlt sich Hausi Leutenegger mit dem Thurgau und seinem Geburtsort Bichelsee verbunden. «Ich schätze am Thurgau die Bodenständigkeit und die noch weitgehend intakte Natur.» Mit dem Thurgau verbindet der 72-Jährige seine Familie, Freunde aus der Jugendzeit, insbesondere seine Turner- und Sportkameraden, aber auch den «Suure Moscht», wenn möglich naturtrüeb sowie Buureschüblige. «Heimat ist für mich einerseits der Ort, wo ich aufgewachsen bin, und andererseits dort, wo ich mich wohl fühle und willkommen bin.»

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Pater Nathanael Wirth unterscheidet zwischen «äusserer Heimat, also die Gegend, die den Menschen umgibt, und der inneren Heimat, die innerhalb des Menschen ist und die man nie verlieren kann». Wer begonnen habe, im Hier und Jetzt zu leben, wer den gegenwärtigen Augenblick annehme und lebe, der fühle sich immer zu Hause, wo immer er in der Welt sein mag. «Dieses Hier und Jetzt ist meine Heimat, mit der ich mich angefreundet habe und glücklich bin.» Der 82 Jahre alte Benediktiner ist in Berg, am Seerücken, als Paul Wirth geboren. 1951 trat er in den Benediktinerorden ein und nahm den Namen Nathanael an. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2009 stand er der Propstei St. Gerold in Vorarlberg vor. Seinen Ruhestand verbringt er im Kloster Einsiedeln. «Hier gibt es keine Obstbäume. Ich vermisse den Thurgauer Frühling, wo die ganze Baumlandschaft ein Blütenmeer ist und den Herbst, wo die Bäume reich behangen sind.»

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«Die für mich prägenden Jahre verbrachte ich im Thurgau, so dass der Thurgau meine Heimat ist, emotional.» Heute ist für Richard Kunz Heimat dort, wo seine Familie ist, wo er das Lachen seiner Kinder hört. Und das ist in Austin, der Hauptstadt von Texas. Vor fast vier Jahren ist der Frauenfelder mit seiner Frau Claudi und Sohn Moritz (6) in die USA ausgewandert. Er sei als Real Estate Developer «am richtigen Ort und glücklich, an sehr interessanten Projekten beteiligt zu sein.» Dennoch fehlen dem Rechtsanwalt und Unternehmer die Herzlichkeit der Thurgauer und der Bodensee. «Der Blick vom Arenenberg auf den Untersee zählt für mich zu den schönsten Ausblicken in der Welt», betont der 58-Jährige. Aus Liebe zum Thurgau widmete er seine Doktorarbeit einem thurgauischen Thema «Die Fischereirechte im Untersee und Seerhein».

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Immer wieder gerne kehrt Michael Müller in den Thurgau zurück. Nach Wanderjahren in verschiedenen Ländern wohnt und arbeitet er seit Oktober 2011 in Sils-Maria, wo er als Direktor das Hotel Edelweiss führt. «Heimat ist für mich da, wo die Wurzeln sind, da wo man sich sofort wohl und zu Hause fühlt. Thurgau eben.» Dennoch gesteht Müller, der seine Kinder- und Jugendzeit in Kreuzlingen und Frauenfeld verbrachte: «Nirgends gefiel es mir so gut wie in Sils-Maria! Diese Berge, diese Seen, diese Weite.» Nur eines kann ihm die Engadiner Landschaft auf 1800 Metern nicht bieten: Er würde gerne im Sommer abends bis in die Morgenstunden draussen sitzen, wie es eben am Bodensee möglich ist.

Auch Karin Schwarzbek hat Heimweh nach dem Bodensee und seinen Wetterstimmungen. Die Künstlerin hat viele schöne Erinnerungen an Egnach, dem Dorf, in welchem sie aufgewachsen ist. Heute lebt die 42-Jährige mit ihrem Partner, seiner Tochter (16) und dem gemeinsamen Kind (4) in Zürich an der Josefswiese. «Das Quartier ist wie ein Dorf. 1990 habe ich meine Kunstausbildung in Zürich angefangen. Die neuen Freundschaften sind für mich Heimat geworden. Ich fühle mich sehr wohl, hier, wo ich lebe.»

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Romina Spina wollte schon als junges Mädchen wegziehen, in eine grosse Stadt oder in ein anderes Land. «Erst später wurde mir bewusst, wie gut es mir im Thurgau gefällt», sagt die 34jährige Journalistin, die heute in Rom lebt. «Ich vermisse hier den Bodensee, Äpfel und Kirschen von Thurgauer Bauern und wie das Leben strukturiert ist. Jeder leistet einen Beitrag für die Gesellschaft und viele setzen sich für das Gemeinwohl ein.» So verwundert nicht, dass für Romina Spina Heimat jene Orte sind, die in ihrem Leben wichtig waren. «Romanshorn – und der Thurgau – ist Heimat, weil ich damit meine Kindheit und viele der schönsten Erinnerungen verbinde.»

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Nur wenige Kilometer trennen Hans-Jürg Fehr vom Thurgau und Rheinklingen, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen ist. Mit dem Thurgau assoziiert der Wahl-Schaffhauser «Thomas Onken, eine zu starke SVP, Saurer-Arbon, Mostindien und den Thurbo als Pionierstrecke für das moderne Bahnangebot in der Schweiz.» Heimat ist für den SP-Nationalrat, da, wo er sich in Natur, Gesellschaft und Geschichte auskennt. Heimat ist dort, wo er sich wohl fühlt, wo die Menschen sind, mit denen er zusammen lebt, Kontakte pflegt und zusammenarbeitet – Familie, Freundeskreis und Partei. «Heimat ist dort, wo ich meine Wurzeln habe, wo ich meine persönlichen und politischen Konflikte austrage, wo ich ein tiefes Interesse an einer guten Zukunft spüre.»

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Ihren Dialekt empfindet Sibylle Lichtensteiger als «tägliche Erinnerung daran, dass ich aus dem Thurgau komme». Obwohl es die 42-Jährige gerade mal von Aadorf nach Zürich verschlagen hat, wo sie mit ihrem Mann und den beiden Töchtern lebt. In Lenzburg leitet sie das Museum Stapferhaus. Im Herbst vermisst sie an ihrem neuen Wohnort den Blick vom Schauenberg übers Nebelmeer und im Winter den Eisweiher in Aadorf. Im Sommer denkt sie nicht an den Thurgau. Dann geniesst sie die Limmat und den See in Zürich. Heimatgefühle lösen bei ihr vor allem zwei Klänge aus: «die Kirchenglocken von Aadorf und die Totenstille an einem hochsommerlichen Mittag, wenn im Dorf alles stillsteht und nur das Klappern des Bestecks zu hören ist – von all den Nachbarn, die auf dem Sitzplatz punkt zwölf zu Mittag essen.»



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