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Rheintaler, 31. Juli 2012, 01:37 Uhr

«Gemeinsam könnten wir mehr»

OberbŸrgermeister Horst Frank Zoom

Am 9. September räumt der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank sein Büro im Rathaus. (Bild: Nana Do Carmo)

Der Konstanzer Oberbürgermeister Horst Frank verlässt die politische Bühne. Seit 16 Jahren prägt er das Verhältnis der beiden Grenzstädte und eckt durch deutliche Worte auch hin und wieder an. Ein Interview zum 1. August.


Herr Frank, in gut einem Monat geht Ihre 16jährige Amtszeit zu Ende. Wir gingen davon aus, dass wir zum 1. August eine Rede von Ihnen in der Region hören werden.

Horst Frank: Das kommt darauf an, wie weit sie die Region sehen. Wenn sie den Kanton Zürich dazunehmen, dann schon.

Sie wurden in die Zürcher Gemeinde Wald eingeladen.

Frank: Die Stadt Konstanz ist assoziiertes Mitglied des Metropolitanraums Zürich. Das passt doch sehr gut.

Verraten Sie uns, worüber Sie dort sprechen werden?

Frank: Es geht um das Verhältnis der Schweiz zur EU. Und dann um die Frage, wie man Ökologie und Ökonomie verbinden kann und wie das zum zukunftsweisenden Erfolgsmodell für Länder und Städte werden kann.

Werden Sie auch das gespannte Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland thematisieren?

Frank: (schmunzelt) Ein wenig schon.

Die Grüne Partei hat Sie nach Wald eingeladen und stellt Sie auf dem Flyer als Mann vor, der Erfahrung mit dem Bau von Umfahrungs- und Entlastungsstrassen hat. Haben Sie auch eine Meinung zu den aktuellen Strassenbauvorhaben im Thurgau?

Frank: Im Agglomerationsprogramm Kreuzlingen/Konstanz haben wir uns auch damit beschäftigt. Aber im wesentlichen ist die Oberlandstrasse eine Thurgauer Angelegenheit. Da mische ich mich nicht ein. Man muss abwägen zwischen Mensch, Natur und Landschaft und dann die beste Lösung finden.

Zurück zum 1. August: Hielten Sie auch schon einmal in Kreuzlingen eine Rede zum Nationalfeiertag?

Frank: Vor Jahren, im Centro Italiano. Das ist aber schon lange her.

Hätten Sie am Ende Ihrer Amtszeit gerne noch einmal in Kreuzlingen geredet?

Frank: Darüber habe ich mir gar keine Gedanken gemacht. Wir kommen so oft zusammen mit Kreuzlingen. Man begegnet sich häufig, wie kürzlich zum Beispiel bei der Grenzland-Konferenz.

Wie viel Schweizer steckt denn in Horst Frank?

Frank: Gegen Zentralismus und mit einem gewissen Eigensinn. Es muss nicht alles bis ins letzte Detail geregelt werden, sondern man lässt dem Menschen seine Freiheit. Diese Dinge sehe ich als positive Schweizer Eigenschaften. Ich hoffe, dass diese durch die Grenzlage und die Auseinandersetzung mit der Schweizer Verwandtschaft auch im Alemannischen drin sind und somit auch auf mich abgefärbt haben.

Das Verhältnis zwischen Kreuzlingen und Konstanz hat sich in den letzten Jahren vom Vorbild für grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum Sinnbild für Probleme zweier Staaten entwickelt. Sind die Zwillingsstädte zu Stiefschwestern verkommen?

Frank: Nein, das glaube ich nicht. Aber gewisse Probleme kommen vielleicht daher, dass Kreuzlingen gewachsen ist, aber über 50 Prozent der Bevölkerung sind keine Schweizer. Das führt dazu, dass – zumindest in Teilen – eine gewisse Abgrenzung für nötig erachtet wird. In Kreuzlingen und Konstanz sind wir halt überschaubarer, und da fällt das mehr auf als zum Beispiel in Zürich.

War das früher anders?

Frank: Vor dem Ersten Weltkrieg war das Hin und Her viel selbstverständlicher. Durch die Kriege hat sich das natürlich auseinanderentwickelt. Wenn Sie den Alltag anschauen, sind Deutsche und Schweizer querbeet durcheinander. Das funktioniert gut, gerade im Kulturbereich läuft sehr viel. Aber in der Politik ist es so, dass es Kreuzlingen darum geht, seine eigene Identität durch Abgrenzung zu zeigen. Aber ich glaube, auf Dauer ist man viel zu sehr beieinander. Das Gemeinsame ist viel stärker. Die Situation wird sich auch wieder ändern.

Das tönt, als ob das grenzenlose Denken von Kreuzlinger Seite abgeblockt wird.

Frank: Ich würde mal so sagen: Kreuzlingen hat einen anderen Fokus. Man sieht vor allem die Notwendigkeit, die eigene Bevölkerung stärker auf Kreuzlingen zu fokussieren. Ich hingegen denke, gemeinsam könnten wir mehr. Ich muss feststellen, dass die politische Seite in Kreuzlingen andere Schwerpunkte setzt. Als Nachbar muss man das akzeptieren und sagen: Wir werden uns trotzdem aufeinander zubewegen.

Man spürt, dass Sie sich manchmal ein wenig schwer tun, Schweizer Entscheide nachzuvollziehen. Ist denn die Mentalität so anders, dass sogar jemand wie Sie, der sein Leben lang in Konstanz war, diese feinen Unterschiede nicht intus hat?

Frank: Ich kenne viele Schweizer. Die sind nicht alle gleich. Einen Unterschied in der Mentalität gibt es aber. In Deutschland wächst man so auf, dass man die Dinge direkt sagt und sofort auf den Punkt bringt. In der Schweiz sagt man es indirekter. Im direkten Umgang ist man viel höflicher. Aber jeder versteht trotzdem, was gemeint ist. Da merkt man die andere Sozialisation.

Sie haben es sich selber öfters nicht nehmen lassen, Sticheleien zu machen. Sie wurden sogar kürzlich in die Sendung Giacobbo/Müller eingeladen.

Frank: Ich bin eben so sozialisiert (lacht). In einer Satiresendung darf man das doch? Satire soll ja überspitzen. Und man macht das ja auch, um Anstösse zu geben. Das ist durchaus politisch zu verstehen.

Haben Sie Ihrem Nachfolger Uli Burchardt schon Tips gegeben, wie man mit den Schweizern am besten zurande kommt?

Frank: Ich werde erst noch mit ihm sprechen. Wenn er Tips wünscht, werde ich ihm sagen, man muss auf jeden Fall auf die Schweizer zugehen. Und ich würde ihm auch sagen, dass das Verhältnis zur Schweiz von eminenter Wichtigkeit ist. Und dass es auf Dauer respektiert wird, wenn man seine Meinung äussert. Diese Erfahrung habe ich in den letzten 16 Jahren gemacht.

Wenn Sie über Ihre 16 Jahre als Oberbürgermeister reden: Es ist nicht allzu viel Bleibendes, Grenzüberschreitendes übrig. Bei der Bodensee-Arena ist Konstanz ausgestiegen, das Seenachtsfest läuft getrennt, die gemeinsamen Planungen auf Klein Venedig brachten nichts Zählbares, um ein paar Beispiele zu nennen. Was sind aus Ihrer Sicht die Erfolgsprojekte?

Frank: Der City-Vogel, die stündliche Zug-Anbindung nach Zürich. Diese empfinde ich als grossen Erfolg. Auch der grenzüberschreitende Busverkehr, der noch ausgebaut werden wird. Und dass wir gezeigt haben, dass, wenn wirklich Not am Mann ist, wir einander helfen. Gerade bei der Feuerwehr konnten wir das leider beim Grossbrand in Konstanz praktisch testen. Und es hat funktioniert. Wahre Freunde zeigen sich in der Not…

… und das Entfernen des Grenzzauns?

Frank: Dazu wollte ich noch kommen: Und, dass wir es geschafft haben, den Grenzzaun wegzukriegen und symbolisch durch eine Kunstgrenze zu ersetzen. Dass das möglich war, bedeutet unheimlich viel. Das bleibt erhalten.

Im grossen und ganzen scheint es aber so, als sei in den letzten Jahren die Euphorie am Grenzüberschreitenden verlorengegangen. Fehlen die Visionen?

Frank: In der Politik geht es darum festzustellen, was ist real möglich. Das ist die Kunst der Politik. Eine Vision ohne Umsetzung ist eine Illusion. Ich muss feststellen, im Moment geht es darum, das Bestehende zu bewahren.

Gar keine Visionen mehr?

Frank: Eine Vision wäre, dass Kreuzlingen im Metropolitanraum Zürich mitmacht und wir uns dort gemeinsam einbringen. Das brächte uns viele Möglichkeiten im Bereich der Hochschulen zum Beispiel. Aber man kann das dem Partner immer nur anbieten. Wenn dieser andere Dinge im Fokus hat und sagt, man müsse sich erst selber finden als Stadt, dann muss ich trotzdem den eigenen Weg gehen und offenhalten, dass er auch irgendwann mitmacht.

Diese Abgrenzung hat sich an drei Orten besonders gezeigt: Man wollte nicht, dass Konstanz die Bodenseeflotte übernimmt. Man empörte sich über Ihre Einsprache gegen das Wigoltinger Outlet-Center. Und Ihre Forderung, dass für deutsche Kinder, welche in Konstanz zur Schule gehen und in der Schweiz wohnen, Steuern zu Ihnen fliessen, wurde abgelehnt. Was hat Ihnen am meisten weh getan?

Frank: Finanziell tat das mit der Schule am meisten weh. Es war fast schon zu bewundern, wie man uns da auflaufen liess. Die Begründung war, die könnten ja in der Schweiz zur Schule gehen. Auch wenn alle wissen, dass das nicht so sein wird. Die Schiffsbetriebe haben mir auch weh getan. Wir waren schon sehr weit mit den Verhandlungen. Und über Nacht hiess es plötzlich, man darf die Schiffe nicht an die bösen Deutschen verkaufen. Da wurden Reflexe bedient, von denen ich dachte, da sind wir weiter. Bei Wigoltingen war zu erkennen, dass ich offenbar ein Tabu gebrochen habe: Du als Deutscher darfst das nicht. Ich meine aber: Wenn wir gemeinsam an einem übergreifenden Agglomerationsprogramm für unsere Region arbeiten, muss es auch möglich sein, seine Meinung frei äussern zu dürfen, wenn man von der Planung betroffen ist.

Hat Sie das frustriert?

Horst Frank: Meine Frustrationstoleranz ist ziemlich gross (lacht).

Woran sollen sich die Leute erinnern, wenn sie an den Oberbürgermeister Horst Frank denken?

Horst Frank: Dass er dazu beigetragen hat, dass Konstanz eine offene und liberale Stadt geworden ist. Dasselbe gilt auch für das Verhältnis zum Thurgau und zu der Schweiz. Es reicht mir, wenn man auf gut Alemannisch sagt: Er wor scho recht.

Interview: Urs Brüschweiler



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
deich (03. August 2012, 09:54)
Offen

Kreuzlingen und Konstanz sind zwei schwierige Partner: Viel läuft da im Kern nicht zusammen. So wie sich die Schweiz in der Mitte Europas einigelt, fast réduitmässig (!), verhält sich auch Kreuzlingen. Und dann wird "geschimpft", wenn alles zum Nachbar läuft, zum Beispiel um einzukaufen. Wo ist da etwa eine Initiative, die beide Städte gemeinsam als "Einkaufsstädte" profilieren könnte, obendrein als "Kulturstädte", "Sportstädte", "Tourismusstädte", usw.? Beide würde von einem "Stadtfeeling" weit über ihre Grenzen hinaus profitieren. Wenn nicht begriffen wird, dass hier zusammen über 100'000 Menschen mit ähnlichen Ambitionen leben, in der gesamten internationalen Agglomeration noch weit mehr, wird es schwer werden, das Klima entscheidend zu verändern. Es muss ins Bewusstsein getrichtert werden, dass "Gemeinsamkeit" das Schlüsselwort der Zukunft ist - weit ab von Bern und Berlin! Die Vorfahren haben es vorgemacht: Sie waren offener!

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