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Rheintaler, 8. August 2012, 01:33 Uhr

«Ich fühlte mich hier sofort wohl»

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Sein Büro hat Pfarrer Ruedi Bertschi bereits bezogen. (Bild: Gioia Zogg)

Am Sonntag wird Ruedi Bertschi als neuer Pfarrer der Evangelischen Kirchgemeinde Romanshorn-Salmsach eingesetzt. Im Interview spricht er über den schmalen Grat zwischen Nähe und Distanz zu den Kirchbürgern.


Herr Bertschi, Sie haben fünf Kinder, drei davon noch im Schulalter. Was sagt Ihre Familie zum Umzug von Schönholzerswilen nach Romanshorn?

Ruedi Bertschi: Meine Frau unterstützt die Entscheidung, wir haben diese auch zusammen gefällt. Die älteren beiden Töchter wohnen schon seit längerem nicht mehr bei uns, die jüngeren drei waren aber nicht über die Pläne begeistert. Grundsätzlich ist das natürlich ein gutes Zeichen. Es zeigt, dass sie sozial integriert sind. Deshalb bin ich sicher, dass sie auch hier wieder schnell Anschluss finden werden. Der junge Mensch ist da sehr beweglich. Die Kinder haben auch schon erste Kontakte geknüpft.

Dies ist bereits der zweite Umzug für Sie, der erste war allerdings etwas einschneidender. Warum haben Sie sich nach zehnjähriger Missionsarbeit in Nordkamerun 1999 entschieden, wieder in die Schweiz zu ziehen?

Bertschi: Einfach gesagt lag es daran, dass die Mission erfolgreich war und wir Europäer uns zurücknehmen konnten. Die Afrikanischen Christen sind heute selbständig und für uns – meine Frau arbeitete ebenfalls in der Mission – war es Zeit zu gehen, solange wir noch mit Händen und nicht mit den Füssen verabschiedet wurden. Wir haben aber bis heute intensiven Kontakt mit Afrika. Bald werden wir unser zu gross gewordenes Auto nach Kamerun einschiffen.

Und eine andere Mission wäre keine Möglichkeit gewesen?

Bertschi: Wir hatten ein Angebot in Burkina Faso, aber es schien mir mit einem enormen Erfolgsdruck verbunden. Dazu kommt, dass die Kinder sich ins afrikanische Schulsystem hätten eingliedern müssen. Ein späterer Umzug zurück in die Schweiz wäre dann viel einschneidender gewesen.

Nach Ihrer Rückkehr aus Nordkamerun waren Sie 13 Jahre für Schönholzerswilen tätig. Warum jetzt der Wechsel?

Bertschi: Zum einen war uns wichtig, dass keines der Kinder einen grossen Schul- oder Klassenwechsel vor sich hat. Dann ist es so, dass man mit 50 beginnt, das Leben von hinten aufzurollen. Es sind jetzt noch einmal gut 13 Jahre bis zu meiner Pensionierung. 26 Jahre in einem Einzelpfarramt, das hätte ich weder mir und vor allem nicht meiner Gemeinde antun wollen. Als lokale Fachperson in geistlichen Angelegenheiten bin ich quasi von der Wiege bis zur Bahre zuständig gewesen. Meine Nachfolger sind erst 39 und haben eine ganz andere Biographie. Ich bin sicher, sie bringen frischen Wind in die Gemeinde.

Steht «frischer Wind» nicht in einem gewissen Gegensatz zum Vertrauensverhältnis zwischen Pfarrer und Gemeinde, dass notwendig und förderlich ist?

Bertschi: Ich hatte ein gutes Verhältnis mit den Gemeindemitgliedern und war auch sozial integriert. Natürlich braucht es Vertrauen und Nähe. Doch traditionell hat der christliche Pfarrer die Aufgabe des Hirten und das Amt des Propheten. Dieses lebt aber mehr von der Distanz. Es gibt Kollegen, die schaffen die Mischung aus dieser Nähe und Distanz. Für mich ist ein Neustart die richtige Lösung.

Warum findet Ihr Neustart nun in Romanshorn statt?

Bertschi: Auf der Gemeindehomepage entdeckte ich, dass ich bereits eine freiwillige Mitarbeiterin und ihren Mann kannte. Dies gab mir von Anfang an ein gewisses Grundvertrauen. Ich habe nun auch die Pfarrwahlkommission kennengelernt, sehr bodenständige, umgängliche und wohlwollende Leute. Alles in allem fühlte ich mich in Romanshorn sofort wohl. Nicht zuletzt auch wegen der Lage. Wir waren 13 Jahre im Grünen, jetzt wollen wir an den See.

Was darf Romanshorn von Ihnen als Pfarrer erwarten?

Bertschi: Ich kann gut auf die Leute zugehen, bin ein guter Zuhörer und nehme mir gerne Zeit. Eine Stärke ist sicher auch, dass ich die Bibel gut erklären kann und Geschichten gerne diskutiere und interpretiere.

Welche Ziele haben Sie für die Kirchgemeinde Romanshorn?

Bertschi: Der Plan für das erste Amtsjahr ist hauptsächlich, das Leben mit der Gemeinde zu teilen und mir ein Bild von den Befindlichkeiten zu machen. Konkrete Vorstellungen werde ich erst in einem Jahr haben, und für deren Umsetzung habe ich dann noch zwölf Jahre Zeit. Ich will nicht «reinschiessen», sondern gelassen an mein Amt gehen.

Etwas, das Sie in Schönholzerswilen nicht gemacht haben?

Bertschi: Ich denke, dass mich eine gewisse Lebenserfahrung gelassener gemacht hat. Ich habe auch mehr Vertrauen in das Leben und die Kirche. Das kommt auch daher, dass ich in der Vergangenheit gesundheitliche Tiefpunkte überwinden musste und konnte. Ausserdem trage ich in Romanshorn nicht alleine die ganze Verantwortung. Hier werde ich vom Sekretariat, dem Diakon und zwei Pfarrkolleginnen unterstützt.

Worauf freuen Sie sich besonders?

Bertschi: Ich freue mich auf die neuen Leute und eine grosse Kirche mit einer langen Tradition. Auch schätze ich die Gnade der Stunde Null, in der man wieder neu anfangen kann. Und ich freue mich, dass ich in in einem grossen Team arbeiten werde.

Interview: Gioia Zogg



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Leser-Kommentare:
1 Beitrag
Bodenseekapitaen (08. August 2012, 08:23)
Danke Herr Pfarrer

Es hat mich gefreut und ich war positiv überascht als ich letzen Samstag meinen Schwager vom Spital Münsterlingen abholte und er mir gesagt hat, dass er am Vormittag kurz mit Pfarrer Bertschi sprechen konnte der den Bewohnern von Romanshorn einen Besuch im Spital abstattete und sich vorstellte.

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