«Cupspiele haben eigene Gesetze. Ich tippe auf einen Wiler Sieg in der Verlängerung»: Dies war die optimistische Voraussage eines Zaungastes am Cupspiel zwischen dem FCR und Wil. Immerhin trennen die Mannschaften auch nach Rebsteins Aufstieg Ende letzter Saison vier Ligen. Die meisten Fans orakelten einen deutlichen Sieg des Challenge-League-Teams. Schliesslich wurde es ein beachtliches 2:6. «Ein Gegentor pro Liga», sagte FCR-Präsident Matthias Stierli nach dem Spiel. Vor allem in der ersten Halbzeit, die 1:1 ausging, machten die Birkenauer dem Vertreter aus der zweithöchsten Liga der Schweiz das Leben schwer.
«Jetzt kehren wir das Spiel»
Für das Spiel wurden spezielle Shirts erstellt. Eine der Auflagen sah vor, dass das Logo des Schweizer Cups am Ärmel sichtbar sein muss. «Wir haben den Spielern gesagt, dass sie die Leibchen nach dem Spiel nicht mit dem Gegner tauschen dürfen, weil sie sie in der zweiten Runde noch brauchen», sagte Rebsteins Aktiven-Verantwortlicher Werner Baumgartner. Natürlich mit einem Augenzwinkern und einem Lachen, denn ein Weiterkommen gegen den Oberklassigen wäre eines der raren Fussballwunder gewesen.
Noch eine gute Viertelstunde bis zum Anpfiff: «86 – De Puls isch no guet», sagte Stierli. Dann ging’s los. Ein erster Abschluss von Isaiah Okafor ging nach 85 Sekunden über das Rebsteiner Tor. Okafor? Genau. Isaiah ist einer der drei Brüder von Natispieler Noah Okafor. Nach knapp sechs Minuten steht er mutterseelenalleine auf halblinker Position und bezwingt Kevin Fend zum ersten Mal. «Das geht ja schon früh los», hörte man aus dem Publikum. Doch wenig später jubelte der Underdog: Alessandro Gottscher wurde im Strafraum von Janik Rutz gefoult. Den fälligen Penalty verwertete Captain Rico Köppel souverän. «Jetzt kehren wir das Spiel», rief jemand.
Wil hatte in der ersten Halbzeit Mühe, sich gegen die heroisch kämpfenden Rebsteiner durchzusetzen. Vor allem mit langen Bällen stellten die Einheimischen die Profis vor Probleme. Zwar hatten die Äbtestädter viel Ballbesitz, etwas Zählbares wollte ihnen aber nicht gelingen. 700 Fans kamen auf der Birkenau vorbei, darunter eine stimmgewaltige, gut 50 Personen zählende Gruppe aus Wil mit Transparenten und Fahnen. Ein paar Meter daneben hatten sich einige FCR-Junioren platziert und feuerten ihr Team an mit «Let’s Go, Räbschta, Let’s Go!»
Auf dem Rasen gab es Aufregung, als Philip Baumgartner vor Wil-Goalie Gentrit Muslija auftauchte, der den zu zentralen Abschluss sicher entschärfte: «Da wär sie gsi», sagte ein Rebsteiner Fan, während er standesgemäss eine Bratwurst und ein kühles Bier der einheimischen Brauerei genoss.
Noch zehn Minuten bis zur Pause, es stand noch immer 1:1. Die Wiler Fans stimmten die LaLaLa-Version von Mani Matters «I han es Zündhölzli azündt» an. Doch der Funke wollte noch immer nicht auf die Kicker auf dem Rasen überspringen. Mit 1:1 ging’s in die Pause. Wer hätte das gedacht?
Schnelle Tore nach dem Pausentee
In der Pause näherten sich vom Alpstein her Regenwolken dem Tal. Wil kam gut aus der Kabine und erzielte durch einen 30-Meter-Schuss von Orges Bunjaku und einen sehenswerten Lupfer von Okafor zwei Tore. Dann begann es zu regnen. Auch Rebstein wurde geduscht. Zwischen der 57. und der 64. Minute gelangen den Wilern drei Tore, es stand 1:6. «Ich glaube, das war es mit der Überraschung», sagte einer im Publikum.
Vor allem das Tor von Pirosch Fischer zum 1:5, als er vier Gegner ausdribbelte und aus 20 Metern vollendete, war hübsch anzusehen, egal, welche Farben man trug. Einen Treffer für die Einheimischen gab es auch noch: Nach einem Foul an Björn Ergens verwandelte Köppel, mittlerweile wieder bei Sonnenschein, auch den zweiten Penalty. «Das haben sie sich verdient», sagte einer aus dem Wiler Fanlager.
Das Spiel wurde von Schiedsrichter Nico Gianforte, mit Linda Schmid und Branko Jurcevic an den Linien, souverän geleitet. Gianforte hat vor zwei Wochen das Super-League-Spiel zwischen Vaduz und St. Gallen gepfiffen und ist sich grössere Stadien gewöhnt. Er sagte: «Es ist wie früher. Ich geniesse es immer, wenn ich solche Spiele auf dem Land leiten darf.»
Wil-Präsident Maurice Weber sagte: «Wir fanden es cool, dass wir einen Gegner aus der Ostschweiz zugelost bekamen. Das gibt immer Volksfeste.» Rebstein sei eine sehr gute Mannschaft: «Ich glaube nicht, dass die gross mit dem Abstieg zu tun haben wird.»
«So macht es Spass»: Ein Fazit, das für alle gilt
«Wir küren keinen Man of the Match, aber wir holen noch etwas nach», sagte Speaker Roman Federer. Am Pokalturnier erzielten die Auer Orhan Ademi und Garret Eppler je vier Tore. Auch Rebsteins Alessandro Gottscher war viermal erfolgreich, aber am Final-Samstag abwesend. Er bekam einen mit Fanta gefüllten Bierstiefel. «Die letzten paar Minuten waren wirklich streng. Ich bin kaputt», sagte der Zehner, der die Begeisterung und die Freude dennoch genoss. «Der Qualitätsunterschied ist riesig. Leider haben wir die gute Ausgangslage nach der Pause zu schnell verschenkt», so Gottscher. «Geniesst es!» sagte Trainer Ladislav Hevessy derweil zu seinen Jungs.
Auch Wils Trainer Marco Hämmerli war zufrieden: «Wir sind wunderbar empfangen worden, unser Materialteam hat geschwärmt von der Hilfsbereitschaft und der Offenheit, die es hier vorgefunden hat. Das ist nicht selbstverständlich, so macht es Spass.» Man sei so gestartet, wie man es sich vorgenommen habe. Aber: «Mit einer Unaufmerksamkeit, wie die, die zum Penalty führte, macht man einen Gegner stark und gibt ihm Selbstvertrauen.» In der zweiten Hälfte wurde der Klassenunterschied deutlicher. «Aber ein Riesenkompliment an Rebstein, das sich bis zum Schluss gewehrt und gezeigt hat, dass es eine Super-Mentalität hat», so Hämmerli.
Rebsteins Gemeindepräsident Alex Arnold sagte: «Ein Hammer-Resultat!» Torhüter Kevin Fend, der tolle Paraden zeigte und entscheidend mithalf, dass es «nur» ein halbes Dutzend Gegentore wurden, sagte: «Wir haben in der ersten Halbzeit dem Gegner trotz viel Ballbesitz Paroli geboten. In der zweiten Hälfte hat der Gegner das Tempo erhöht. Und jede Aktion von ihnen sass.» Das sei Qualität. Verteidiger Joshua Boehrer: «Wir waren nach der ersten Halbzeit happy. Schade, dass die Gegentore zum 1:2 und zum 1:3 so kurz nach der Pause fielen.»
Rebstein gegen Wil war eines jener Spiele, bei denen sowohl Gewinner als auch Verlierer am Schluss glücklich sind. Wil, weil es eine Runde weiter ist und nun im Greyerzerland auf den FC Bulle aus der Promotion League trifft. Und Rebstein, weil es sich mit beherztem Einsatz, gutem Zweikampfverhalten, einem starken Torhüter und Fairness gegen einen Oberklassigen wehrte. Rebstein gegen Wil war ein Spiel, bei dem alles von A bis Z friedlich und respektvoll war. Darum geht es im Fussball ja auch.
Der FC Rebstein hat gegen Wil «ein Gegentor pro Liga» kassiert