Kurz nach 10 Uhr bestiegen einige Hundert Grün-Weisse in St.Gallen den Extrazug. Die Stimmung aufgeräumt, die Erwartungen hoch. «Heute können wir uns nur selber schlagen», sagt eine junge Frau mit dem Wappen auf die Wange gemalt. Es ist just der 147. Geburtstag des ältesten Vereins aus der Schweiz. Kein guter Tag für eine Niederlage gegen das unterklassige Yverdon. Doch im holprigen Stade Municipal am Ende des Neuenburgersees hatte man schon öfters alt ausgesehen.
Dreimal verloren die Ostschweizer in den vergangenen Saisons 0:1, einmal spielten sie 1:1. Doch eine mutmachende Erinnerung gibt es: Im April 2022 traf der FCSG ebenfalls im Halbfinal auf die Waadtländer. Dank Toren von Jérémy Guillemenot und Jordi Quintillà qualifizierten sie sich für den Cupfinal.
Mehrere Wechsel in der Verteidigung notwendig
Doch zu viele Gedanken an einen möglichen Final wären fehl am Platz gewesen. Erst galt es, hier seine Hausaufgaben zu machen. Trainer Enrico Maassen war zu einigen Umstellungen im Team gezwungen, neben dem gesperrten Jozo Stanic musste kurzfristig auch Tom Gaal in der Verteidigung ersetzt werden. Der 19-jährige Joel Ruiz bekam seine Chance, Nino Weibel ersetzte derweil im Mittelfeld den verletzten Christian Witzig.
Und dann ging es los bei strahlendem Sonnenschein und die erste heisse Szene liess nicht lange auf sich warten. Baldé fiel nach einem Dribbling im Strafraum, Schiedsrichter Fedayi San liess weiterlaufen. Dann in der 6. Minute ein Eckball für die Gäste, Torhüter Enzler pariert zuerst den Kopfball von Baldé, doch Captain Görtler ist hellwach und zimmert den Ball ins Netz zur frühen St.Galler Führung. Nach elf Minuten hätte gar bereits das zweite Tor fallen müssen. Topscorer Vogt schob den Ball aus aussichtsreicher Position am rechten Pfosten vorbei. Später würde sich noch zeigen, wie wertvoll dieser zweite Treffer gewesen wäre.
Als dann Weibel nach einem Eckball einen Kopfball an die Latte setzte, wurde dem Letzten im Stadion klar: Das Team aus der Super League wollte hier nichts anbrennen lassen. Die passende Zusammenfassung lieferte die Werbebande am Spielfeldrand. «Wir machen Druck», stand da geschrieben.
Den Gegner im Griff, aber viele Chancen ausgelassen
Yverdon-Sports konnte keine Akzente setzen, wurde in der eigenen Platzhälfte eingeschnürt. Doch es ist unlängst bekannt: Ein Varol Tasar oder Antonio Marchesano brauchen nicht viele Chancen, um ein Tor zu erzielen.
Man hätte sich an dieser Stelle lang und breit über die trügerische Sicherheit einer 1:0-Führung unterhalten können, doch St.Gallen war sichtlich bemüht nachzulegen, wenn auch vorerst ohne Fortune. Daran änderte auch ein gefährlicher Schuss von Vandermersch kurz vor der Pause nichts. Und so ging man zum Pausentee mit dem guten Gefühl, den Gegner zwar im Griff, aber auch, die Partie noch nicht entschieden zu haben.
St.Galler Nachlässigkeit beinahe bestraft
Halbzeit zwei startete harzig und bei den zahlreich mitgereisten Fans aus der Ostschweiz machte sich die Sorge breit, dass es hier zu einer Zitterpartie werden könnte. Dieser Eindruck verstärkte sich, als Yverdon in der 59. Minute seine erste und beste Chance des Spiels verzeichnete, Fabio Saiz düpierte Watkowiak und sah seinen Schuss an die Lattenunterkante prallen. Glück für die Gäste. Jetzt schlichen sich bei Maassens Elf Fehler ein, die Dominanz aus der ersten Halbzeit war weg. Das Heimteam nun plötzlich mutig, St.Gallen hingegen schon über eine halbe Stunde ohne Abschluss. Besio ersetzte Baldé. Vogt rackerte weiterhin glücklos.
Zittern bis Vogt mit dem 2:0 das Spiel beendet
Die Minuten strichen dahin. Jetzt war es der typische Cup-Fight, der Unterklassige glaubte an seine Chance, Marchesano setzte zum Fallrückzieher an, Watkowiak sicher. Auch das erfahrene Mittelfeld mit Görtler, Boukhalfa und Daschner konnte in dieser Phase keine Struktur in das inzwischen zerfahrene Spiel bringen. Immerhin gab es lautstarken Zuspruch von den Tribünen. 5100 Zuschauer bedeuten Zuschauerrekord für das Stade Municipal, die Mehrheit Unterstützer des FC St.Gallens.
Es läuft die 88. Minute. Endlich mal wieder ein Entlastungsangriff, Vandermersch über rechts, ein Lupfer auf Vogt und dieser drückt den Ball mit dem Kopf ins Netz hinter Yverdons Schlussmann Simon Enzler. Was für eine Erleichterung.
Die Vorfreude auf ein Heimspiel in Bern
Das 2:0 war zugleich die Spielentscheidung. Und es war ein so typischer Vogt-Auftritt. Ein Spiel lang bemüht, aber glücklos, und dann schiesst er sein Team in den Cupfinal. Der Jubel auf dem Feld, auf der Spielerbank und auf einem grossen Teil der Ränge kannte jetzt kaum Grenzen. Und er wurde noch lauter, als Fedayi San kurz darauf das Spiel beendete.
«Ich bin stolz auf die Leistung meiner Mannschaft, aber noch haben wir nichts gewonnen», betonte Trainer Maassen nach dem Spiel. Die bisherigen zwei Finals in diesem Jahrhundert gingen 2021 und 2022 mit 1:3 gegen Luzern und 1:4 gegen Lugano verloren. Warum soll es jetzt endlich mit dem Titel klappen, Lukas Watkowiak? «Aller guten Dinge sind drei.»
Yverdon - St. Gallen 0:2 (0:1)
SR San. - Tore: 6. Görtler 0:1. 88. Vogt 0:2.
Yverdon: Enzler; Sauthier, Gnakpa, Tijani (79. Bittarelli), Kongsro; Saiz, Doumbia (79. Kanouté), Chappuis (69. Lemina); Tasar (57. Neelakandan), Marchesano, Sessolo (79. Sorgic).
St. Gallen: Watkowiak; Ruiz, Kleine-Bekel, Okoroji; Vandermersch, Görtler (92. Fazliji), Boukhalfa (87. Stevanovic), Weibel; Vogt (92. Scherrer), Baldé (66. Besio).
Bemerkungen: 17. Lattenschuss von Vandermersch. 58. Lattenschuss von Saiz. Verwarnungen: 60. Chappuis. 61. Vandermersch. 75. Gnakpa.
Der FC St.Gallen zieht mit Klasse und Kampf in den Cupfinal