Der ranghöchste Fan des Kreisturnverbands tritt nach 17 Jahren als Präsident zurück | Der Rheintaler

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Präsidentenwechsel 06.12.2023

Der ranghöchste Fan des Kreisturnverbands tritt nach 17 Jahren als Präsident zurück

Der 63-jährige Stefan Langenegger vom STV Balgach tritt als Präsident des Kreisturnverbands Rheintal zurück. In seiner Amtszeit hat er fast jeden Turnanlass besucht, an dem Turnerinnen und Turner der 46 Vereine in seinem Verbandsgebiet auftraten.

Von Yves Solenthaler
aktualisiert am 04.01.2024

Wer in den vergangenen 17 Jahren ein Turnfest, einen Jugitag oder ein Vereins-Schauturnen im Rheintal besucht hat, ist vermutlich Stefan Langenegger begegnet, dem in Altstätten wohnenden Präsidenten des Kreisturnverbands Rheintal.

Der grosse, kräftige Mann eilte von Wettkampf zu Wettkampf und unterstützte die Sportlerinnen und Sportler aus Marbach, Buchs oder Kriessern mit einem unüberhörbaren: «Hopp!», oft noch untermalt von Kuhglockengebimmel. Er war der ranghöchste Fan der Turnerinnen und Turner.

«Früher rief ich nur: ‹Hopp Balga!›.» Das war in den 16 Jahren vor der Verbandspräsidentschaft, in denen Langenegger Präsident des STV Balgach war. Ist der beste Verein, der mit den besten Resultaten? Oder ist es ein Verein, bei dem der Zusammenhalt im Vordergrund steht? Langenegger sagt:

Ich möchte nicht werten, hab’ ich noch nie gemacht. Ich habe jeden Verein im Kreis ins Herz geschlossen.

Stefan Langenegger kam als 19-jähriger Zehnkämpfer zum STV Balgach, zuvor hatte er beim Fussball-Club Diepoldsau gespielt: «Aber ich war kein Balltalent.» In der Leichtathletik aber immer gut, zog es ihn zum Zehnkampf. Langenegger erinnert sich:

Es gab damals eine grosse Mehrkampfszene im Rheintal.

Die Diepoldsauer um den späteren Bob-Olympiasieger Gusti Weder seien die Besten gewesen, aber auch Rebstein habe eine starke Gruppe gehabt. Auch Stefan Langeneggers Frau, Trix Langenegger, geborene Tobler, war früher Siebenkämpferin – sie war wie andere gute Mehrkämpferinnen beim STV Marbach: «Wir haben uns aber nicht durch den Sport kennengelernt.»

Als Zehnkämpfer kam er zum Turnverein

Stefan Langenegger konnte als Zehnkämpfer nicht ganz mit den besten Rheintalern mithalten: «Bei mir ging es an Turnfesten immer darum, den Kranz zu gewinnen.» Oft übersprang er diese Hürde, aber nicht immer. Er erinnert sich daran, wie einmal alle Kollegen und auch seine Frau schon mit einem Kranz am Tisch sassen, als er als einer der Letzten auch noch aufgerufen wurde. 1993 am «Kantonalen» in Balgach, «stellte ich lauter Bestleistungen auf, machte aber im Stabhochsprung, wo ich sonst gut war, einen Nuller – es hat dann doch zum Kranz gereicht.»

Bald 45 Jahre ist Langenegger Mitglied im STV Balgach, «länger als die Kollegen, wegen denen ich zu Beginn zum Verein gestossen bin.» Inzwischen bestreitet er bei der Männerriege 2 keine Wettkämpfe mehr, ist aber noch Schiedsrichter in der Disziplin Fit + Fun.

Schon als knapp 30-Jähriger schlug Langenegger die Präsidentenlaufbahn ein, die am Samstag endet. Dass die beiden Amtszeiten (16 Jahre beim STV Balgach, 17 Jahre beim Kreisturnverband) fast gleich lang sind, ist ein Zufall, denn Stefan Langenegger will schon seit fünf Jahren zurücktreten.

Aber für die Verbände besteht genau wie für die Vereine die grösste Herausforderung darin, die ehrenamtlichen Posten zu besetzen.

Dass er lange keine Nachfolgerin oder Nachfolger fand, tat seinem Elan indes keinen Abbruch.

Seit mehr als 30 Jahren immer Präsident gewesen

Im letzten Jahr liess sich Manuel Gemperli vom TV Buchs in den Vorstand wählen, quasi um als designierter Präsident zu schnuppern. Am kommenden Samstag wird an der Abgeordnetenversammlung vermutlich Manuel Gemperli zum Nachfolger von Stefan Langenegger gewählt.

Der Buchser übernimmt einen mit neun Personen – fünf Männer, vier Frauen – voll besetzten Vorstand und einen aktiven Verband mit lebhafter Vereinsbeteiligung. Auch finanziell geht es dem Kreisturnverband mit einem Eigenkapital von (inklusive Fonds) fast 180 000 Franken ausserordentlich gut.

«Ich bin sicher, dass der neue Präsident den Verband gut in die Zukunft führen wird», sagt Stefan Langenegger. Der Zurücktretende erledigt noch «zwei, drei Jahre» das Sponsoring des Verbands, ist aber nicht mehr im Vorstand dabei. Aus den Amtsgeschäften wird sich Langenegger künftig raushalten:

Mein Nachfolger soll und wird den Verband auf seine Art führen.

Stefan Langenegger hat in seiner Amtszeit, oft mit seiner Frau Trix, weit über 100 Schauturnen besucht. Dazu war er an fast jedem der 48 Kreis-Jugitage seit 2006 präsent, und er hat die Turnerinnen und Turner an Turnfesten bis zur Gymnaestrada – an der er 2011 in Lausanne selbst teilnahm – angefeuert. An den Eidgenössischen Turnfesten mietete er ein Velo, um schnell den Wettkampfplatz wechseln zu können.

Sein Vorgänger Theo Schmid hat ihm 2007 am Eidgenössischen Turnfest in Frauenfeld gesagt: «Stef, du musst zu den Vereinen gehen, dann lernen sie dich kennen.» Für ihn sei die Präsenz an den Anlässen aber nie ein Müssen gewesen. Bezeichnend ist, dass er auf die Frage nach den Highlights auch vom Marbacher Schauturnen erzählt, wo die Mädchen und Buben der Oberstufenjugendriege gemeinsam auftraten «und eine wunderschöne Aufführung zeigten». Das gefällt ihm, weil sonst in diesem Alter Mädchen und Buben nicht gemeinsam auftreten – und die klassische Jugendriege in vielen Vereinen durch die zunehmende Spezialisierung in den Hintergrund gerückt werden.

Für seine präsidiale Arbeit erkannte Langenegger den Zweck seiner Dauerpräsenz schnell: «Wer den Leuten begegnet und nicht nur per E-Mail mit ihnen verkehrt, lernt sie kennen – und das erleichtert einiges», sagt Langenegger. Das gilt für die Vereinsvertreter wie auch für potenzielle Sponsoren des Verbands.

Eine Aktivriege lud ihn zu ihrer Turnfahrt ein

Die Turnerinnen und Turner kannten ihren Präsidenten, und sie mochten ihn auch. So hat es Stefan Langenegger besonders gefreut, als er von der Aktivriege des TV St. Georgen zur Turnerfahrt eingeladen wurde.

Das Verbandsgebiet erstreckt sich im Westen bis zur Stadt St. Gallen, und im Süden bis Buchs, auch Vereine vom Bodensee sind unter dem Dach des Kreisturnverbands Rheintal. Insgesamt gehören 46 Vereine dem grössten regionalen Sportverband an. Das sind 7677 Mitglieder, wovon etwa 60 Prozent weiblich sind. Wobei der Frauenanteil in den kommenden Jahren weiter steigen dürfte, machen die Mädchen bei den Jugendriegen doch bereits zwei Drittel aus. Von allen Mitgliedern sind 3382 Erwachsene und 4295 Jugendliche.

Dass sich seit vielen Jahren mehr Mädchen als Buben den Turnvereinen anschliessen, hat mit der Konkurrenz anderer Sportarten, namentlich dem Fussball, zu tun. Zudem blieben die jungen Frauen seit einiger Zeit beim Übertritt in die Aktivriegen eher im Verein als die Männer. Langenegger sagt:

Eine 18-Jährige, die in einer Spezialriege Gymnastik gemacht hat, kann mehr als ein Gleichaltriger aus einer Jugendriege – und bleibt in der Aktivriege meist eher dabei.

Viele Frauen arbeiten auch als Leiterinnen und anderen Funktionen für die Vereine, so hat sich auch im Vorstand des Kreisturnverbands Rheintal eine bemerkenswerte Geschlechterparität eingespielt: «In den letzten Jahren war immer etwa die Hälfte Frauen», sagt Langenegger. Er habe aber keine Quote eingeführt.

Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand lobt Langenegger in seinem letzten Jahresbericht. Auch die Turnvereine im Verbandsgebiet sieht er auf dem richtigen Weg. Das Rad der Zeit habe den Turnsport aber verändert: «Die Vereine passen sich zum Teil mit erfrischenden Ideen daran an.» Er habe beim STV Balgach als Aktiver noch die Grossfeld-Gymnastik bestreiten müssen: «Das war Pflicht!» Heute sei das unvorstellbar, der Trend gehe in Richtung Spezialriegen.

Dadurch würden die Vereine gefordert, denn sie benötigen umso mehr Leitende. So beschäftige etwa der STV Balgach 50 Leiterinnen und Leiter. «Diese Leute zu finden, ist eine andauernde Schwierigkeit», sagt Stefan Langenegger.

Präsidenten-Dernière am Turnfest in Balgach

Ein Highlight für den Kreisverband ist jeweils das eigene Turnfest, das nur alle sechs Jahre stattfindet. Stefan Langenegger hat als Präsident und ranghöchster Fan des Kreisturnverbands drei erlebt: 2010 in Rüthi, 2016 in Gams und 2022 in Balgach. «Jedes dieser Turnfeste war einzigartig», sagt Stefan Langenegger.

Und Balgach 2022 war der perfekte Abschluss für den Balgacher Turner? Ja, weil das Fest optimal verlief. Nein, weil es für ihn «manchmal nicht einfach war» im OK, die Position des Verbands seinem Stammverein gegenüber zu vertreten.

Präsidentenwechsel
Am kommenden Samstag, 9. Dezember, um 14.30 Uhr, findet in der MZH Amtacker in Marbach die Abgeordnetenversammlung des Kreisturnverbands Rheintal statt. Dort wird vermutlich Manuel Gemperli vom TV Buchs als Nachfolger von Stefan Langenegger gewählt.