11.10.2022

«Die Arbeit ist meine Medizin»

Dimitros Papadopoulos feierte gestern seinen 85. Geburtstag. Der nimmermüde Heerbrugger erzählt von seinem Weg aus der Armut und wie er seine Frau kennengelernt hat.

Von Yann Lengacher
aktualisiert am 02.11.2022
Zum abgemachten Zeitpunkt ist Dimitros Papadopoulos noch irgendwo im Garten seiner Tochter in Au. Täglich ist Dimitros «Papi» Papadopoulos ab 13 Uhr hier: Um den Hund Gassi zu führen, den Garageneingang zu wischen oder – wie am Tag des Termins mit der Zeitung – den Feigenbaum zu stutzen. Trotz, oder gerade wegen seiner 85 Jahre, die er am 11. Oktober alt oder jung ist, wie Papadopoulos meint: «Ohne Arbeit werde ich krank. Sie ist meine Medizin.» Er sagt dies, nachdem Arbeit und der Wunsch nach einem besseren Leben die meisten dieser 85 Jahre geprägt haben. Der Weg aus der Armut führt nach WesteuropaDimitros Papadopoulos wächst im Osten Griechenlands auf. Sein Heimatdorf heisst Petroussa, was übersetzt «Stein» bedeutet. Die Familie ist arm, wie die meisten im Dorf: Seine Eltern verkaufen billigen Tabak. Für etwas anderes als Brot bleibt kein Geld. Die Familie hat Schulden bei der Bank.Als er Mitte 20 ist, geht Dimitros Papadopoulos zu seiner Mutter und offenbart ihr, dass er Griechenland verlassen möchte. Sie erwidert nur: «Du hast kei­ne anständige Hose und deine Schuhe haben Löcher. Wie willst du so irgendwohin kommen, mein Junge?» Dimitros Papadopoulos fährt mit dem Zug nach Westdeutschland. «Viele verliessen damals das Land», erinnert er sich. Speziell den Weg in die junge Bundesrepublik Deutschland schlugen in den 1960er-Jahren viele Griechen ein. Griechenland und Westdeutschland unterzeichneten im März 1960 gemeinsam ein Abkommen. Dieses erleichterte Personen aus Griechenland den Zugang zum Arbeitsmarkt der BRD. Die wachsende deutsche Industrie war damals auf neue Arbeitskräfte angewiesen. Die griechische Wirtschaft hingegen bot kaum Arbeitsmöglichkeiten. Es herrschte Unterbeschäftigung.Im Jahr der «Seegfrörni» in die SchweizDimitros Papadopoulos lässt sich in der Nähe von Memmingen nieder, aber nicht lange. Nach sieben Monaten reist er auf Anraten eines Mitarbeiters in die Schweiz weiter. «Das war 1963, als der Bodensee das letzte Mal zugefroren war», sagt er.  Er wohnt zuerst im Appenzellerland, dann in Au und schliesslich in Heerbrugg.Im Rheintal findet er den Job, den er bis zur Pensionierung behalten würde. Er erlernt bei der Wild Heerbrugg den Beruf des Feinmechanikers. Bei der Vorgängerfirma der Leica Geosystems baut Papadopoulos Kleinteile in die Mikroskope oder Messgeräte ein – eine anspruchsvolle Aufgabe, die viel Präzision erfordert. Noch heute verbauen Leica-Angestellte gewisse Teile von Hand. «Ich war zufrieden mit meinem Job und mein Chef war zufrieden mit mir. Ich habe immer mehr geleistet, als nötig war», sagt er. Bei der Leica hat Papadopoulos auch Freunde gefunden: Noch heute trifft er sich mit einem ehemaligen Kollegen regelmässig zum Kaffee.Am Ziehbrunnen die Frau fürs Leben gefundenImmer an seiner Seite stand seine Frau Niki. Er lernte sie am Ziehbrunnen in Petroussa kennen. Hier holten die Dorfbewohner Wasser. «Ich half ihr den Eimer hochzuziehen. Normalerweise wurde immer ihr Bruder zum Wasserholen geschickt», sagt Papadopoulos. Ein Glücksfall für ihn: Seine heutige Frau verriet Papadopoulos ihren  Arbeitsort. So wusste er, wo er sie finden konnte. Schnell wurden sie ein Paar. Die beiden wollten heiraten. Doch der Vater  von Niki hatte etwas gegen eine Hochzeit. «Ich war aus seiner Sicht zu arm», sagt Papadopoulos. Das befeuert seinen Entscheid, im Ausland einen Job zu finden. Irgendwann war in Petroussa bekannt, dass Dimitros Papadopoulos für die Arbeit ausgewandert war. Kurz darauf schrieb ihm seine heutige Frau in einem Brief: «Du kannst kommen.» Dimitros Papadopoulos kehrte ohne zu zögern in die Heimat zurück, wo doch noch die Hochzeit stattfand. Niki folgte ihm in die Schweiz. Auch sie begann bei der Leica zu arbeiten, als Reinigungskraft. Später hat auch Dimitros Papadopoulos in einem zweiten Nebenjob geputzt. Papadopoulos und seine Frau haben zusammen zwei Töchter. Das Paar wohnt heute noch gemeinsam in Heerbrugg. Stolz auf die Kinder und seinen WegNina betreibt in Au den Coiffeursalon Morreale. Kiki, die zweite Tochter, hat den umgekehrten Weg ihres Vaters eingeschlagen: Sie absolvierte zunächst eine KV-Lehre bei Leica Geosystems. Danach ist sie nach Griechenland ausgewandert. Eigentlich hatte sie nur schauen wollen, wie es sich im Geburtsland ihres Vaters leben lässt. Gefragt, worauf er stolz in seinem Leben ist, antwortet Papadopoulos: «Ich bin stolz darauf, dass ich es in der Schweiz zu etwas gebracht habe, etwas Geld auf die Seite legen und meinen Töchtern etwas bieten konnte. Und ich bin auch stolz auf meine Töchter, die selbst etwas erreicht haben.»Er würde in seinem Leben alles nochmals gleich machen. Nach dem Gespräch schüttelt Dimitros Papadopoulos kurz die Hand und geht direkt zurück in den Garten. Beim Kaninchengehege gibt es etwas zu tun.Zweittext:Griechische Diaspora in der Schweiz kleinIn der Schweiz leben gemäss den aktuellsten Zahlen des Bundesamts für Statistik 17'695 Griechinnen und Griechen. Die Griechische Gemeinschaft in der Schweiz ist damit verhältnismässig klein. Beispielsweise leben je über 300'000 deutsche und italienische Staatsangehörige in der Schweiz. Im Nachgang zur Finanzkrise 2008 wanderten über 50'0000 Griechinnen und Griechen aus, die meisten aber nach Deutschland oder Belgien. Auch im 20. Jahrhundert waren in der Schweiz andere Nationalitäten häufiger vertreten als die griechische.Bei der Wild Heerbrugg dürfte Dimitros Papadopoulos damals aber nicht der einzige Grieche gewesen sein. Das Unternehmen hatte lange eine Zeitschrift für Angestellte, die auch eine Seite für ausländische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter enthielt. Gemäss Angaben der Leica hat diese Seite in den 1960er-Jahren auch einen griechischen Teil enthalten. (yal)