Tamara Janser, Berufs- und Laufbahnberaterin beim Kanton St. Gallen, erlebt diesen Wandel täglich. «Wir spüren den Einfluss von KI bereits heute, vor allem darin, wie sich Jugendliche informieren und bewerben», sagt sie. Die Tools würden selbstverständlich genutzt, oft pragmatisch und ohne grosses Aufheben. Eine eigentliche Verunsicherung nehme sie bei den Jugendlichen nicht wahr. Anders bei manchen Eltern.
«Es kommen vermehrt Fragen wie: Welcher Beruf ist noch sicher? Wird der gewählte Beruf in zehn oder fünfzehn Jahren noch gebraucht? Welche Berufe sind zukunftsfähig?» Diese Sorge sei verständlich. Schliesslich überbieten sich Studien seit Jahren mit Prognosen über Automatisierung und Jobverluste. Doch wie realistisch sind diese Szenarien für die Ostschweiz?
Nicht Berufe verschwinden, sondern Aufgaben
«Konkrete Prognosen sind schwierig», sagt Tamara Janser. Je nachdem, wie Automatisierbarkeit definiert werde, kämen Studien zu unterschiedlichen Resultaten. Bereits 2013 sorgten Carl Benedikt Frey und Michael Osborne mit ihrer viel zitierten Oxford-Studie für Aufsehen, die einem grossen Teil der Arbeitsplätze ein hohes Automatisierungsrisiko zuschrieb. Spätere Untersuchungen relativierten diese Zahlen deutlich. Forschende wie Arntz, Gregory und Zierahn im Auftrag der OECD kamen zum Schluss, dass nicht ganze Berufe verschwinden, sondern vor allem einzelne Tätigkeiten betroffen sind.
Diese Einschätzung deckt sich mit aktuellen Analysen. Der «Future of Jobs Report 2025» des World Economic Forum geht davon aus, dass zwar Millionen Stellen weltweit wegfallen, gleichzeitig aber neue entstehen, mit veränderten Kompetenzprofilen. Auch das KOF-Institut der ETH Zürich untersucht regelmässig die Auswirkungen technologischer Entwicklungen auf den Schweizer Arbeitsmarkt. Für Janser ist deshalb eine andere Frage entscheidend: «Nicht: Welcher Beruf verschwindet? Sondern: Welche Tätigkeiten innerhalb eines Berufs verändern sich – und wie stark?» Besonders gut automatisierbar seien standardisierbare, datengetriebene und repetitive Aufgaben.
Das betrifft klassische Büroarbeiten ebenso wie gewisse administrative Prozesse in Verwaltung oder Industrie. In einer wirtschaftlich vielfältigen Region wie der Ostschweiz – mit Industrie, Gewerbe, Detailhandel, Gesundheitswesen und Verwaltung – dürfte die KI-Transformation unterschiedlich ausfallen. Sachbearbeitung, einfache Buchhaltung, Datenerfassung oder standardisierte Kundenkommunikation gelten als besonders anfällig. Doch selbst hier verschwinden nicht zwingend ganze Berufsbilder. Vielmehr verschiebt sich der Schwerpunkt.
Weniger Routine, mehr Komplexität
Die Ostschweiz ist geprägt von einer starken Industrie- und Technologiebranche. Produktionsprozesse sind bereits heute stark automatisiert, Robotik und digitale Steuerungen gehören zum Alltag. KI dürfte diese Entwicklung weiter beschleunigen, etwa durch vorausschauende Wartung, optimierte Logistik oder intelligente Qualitätskontrollen. Gleichzeitig bleiben Tätigkeiten gefragt, die handwerkliche Präzision, Problemlösungskompetenz und situatives Entscheiden erfordern. Tamara Janser betont:
Deutlich schwieriger zu automatisieren sind Aufgaben, die körperliche Präsenz, soziale Interaktion oder kreatives Denken verlangen.
Das spricht für eine Aufwertung bestimmter handwerklicher und technischer Berufe – gerade in Kombination mit digitalen Kompetenzen. Auch im Gesundheits- und Sozialbereich, wo Empathie, Kommunikation und Verantwortung zentrale Rollen spielen, sind die Automatisierungsgrenzen offensichtlich. KI kann Diagnosen unterstützen oder administrative Prozesse erleichtern – das persönliche Gespräch ersetzt sie nicht.
Mehr IT-Kompetenz, aber die richtige Haltung
Braucht es künftig in fast allen Berufen mehr IT- und Datenkompetenz? «Die Anforderungen an IT- und Digitalkompetenzen sind schon heute in vielen Branchen spürbar und werden weiter zunehmen», sagt Tamara Janser. Jugendliche brächten oft gute Voraussetzungen mit, weil sie mit digitalen Medien aufgewachsen seien. Entscheidend sei jedoch weniger die technische Detailkenntnis als die Haltung: neugierig bleiben, Neues ausprobieren, offen sein für Veränderung.
Lebenslanges Lernen wird damit nicht zur Floskel, sondern zur Notwendigkeit. Berufliche Biografien verlaufen weniger geradlinig, Weiterbildungen werden häufiger, Quereinstiege normaler. Das Schweizer Bildungssystem ist darauf grundsätzlich vorbereitet. Die duale Berufsbildung gilt international als Erfolgsmodell, gerade weil sie nahe an der Praxis ist.
Zudem werden sämtliche Lehrberufe regelmässig überprüft und angepasst. Im Rahmen der sogenannten Fünfjahresüberprüfung fliessen technologische und wirtschaftliche Entwicklungen laufend in die Bildungspläne ein. So werden neue Kompetenzen integriert, alte Inhalte überarbeitet oder gestrichen. Der Wandel ist institutionell verankert.
Orientierung im Wandel
Für Jugendliche und Eltern bleibt die Situation dennoch komplex. Zwischen alarmistischen Schlagzeilen und technologischer Euphorie fällt es schwer, eine realistische Einschätzung zu gewinnen. Hier setzt die Berufs- und Laufbahnberatung an. Tamara Janser erklärt:
Wir begleiten Jugendliche und Erwachsene während ihrer gesamten beruflichen Entwicklung.
Ziel sei es, Perspektiven aufzuzeigen, Möglichkeiten zu strukturieren und konkrete nächste Schritte zu planen. Eine Schnupperlehre könne dabei ebenso wertvoll sein wie das Gespräch mit Lehrbetrieben. Wer direkt nachfragt, welche Tätigkeiten sich im Betrieb verändern und welche Kompetenzen künftig wichtiger werden, erhält oft ein differenzierteres Bild als durch abstrakte Studien.
Auch Erwachsene, die sich neu orientieren oder weiterbilden möchten, nutzen vermehrt die Beratung. Die KI-Transformation betrifft den gesamten Arbeitsmarkt. Weiterbildung, Umschulung oder Spezialisierung werden für viele zur strategischen Entscheidung.
Zwischen Hype und Realität
Unternehmen wie McKinsey & Company sprechen in ihren Analysen von einer «Produktivitätsrevolution» durch Automatisierung und KI. Gleichzeitig warnen sie vor sozialen Verwerfungen, wenn Anpassungen zu langsam erfolgen. Die Realität in der Ostschweiz dürfte weniger dramatisch, aber nicht minder anspruchsvoll sein: ein schrittweiser Umbau statt ein plötzlicher Umbruch. Tamara Janser plädiert für Gelassenheit ohne Naivität. «Die Sorge ist verständlich. Aber die Schweizer Berufe entwickeln sich kontinuierlich weiter.» Wer bereit sei, sich anzupassen und neue Kompetenzen zu erwerben, habe gute Chancen.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft an die nächste Generation: Nicht der «sichere» Beruf zählt, sondern die Fähigkeit, sich in einem unsicheren Umfeld zurechtzufinden. Künstliche Intelligenz wird Tätigkeiten verändern, Prozesse beschleunigen und neue Berufsbilder schaffen. Doch sie ersetzt nicht Neugier, Verantwortungsbewusstsein und Lernbereitschaft.
Im Rheintal, wo Jugendliche heute ihre Bewerbungen mit Hilfe von Algorithmen formulieren, beginnt diese Zukunft bereits. Die Frage ist nicht mehr, ob KI die Arbeitswelt verändert – sondern wie gut wir darauf vorbereitet sind.
Die Zukunft des Traumberufs: Wie KI die Arbeitswelt nachhaltig verändert