Im Baumarkt entdecke ich Fugenkreuze, die dazu dienen, beim Fliesenverlegen die einzelnen Plättli in gleichmässigen Abständen an ihrem zugedachten Platz zu halten. So, geht es mir durch den Kopf, geben diese Kreuze Halt und Orientierung sowie etwas Ordnung in einer chaotischen Welt. Wenn nämlich irgendwo in einem gefliesten Raum ein Plättli schief steht, fällt mir das sofort ins Auge.
Einige Tage später fahre ich an der Markthalle Altenrhein vorbei, die Friedensreich Hundertwasser gestaltet hat. Die verspielte Architektur stimmt mich froh, und ich merke, dass alles in Ordnung ist – obwohl der Künstler ziemlich sicher ohne Fugenkreuze gearbeitet hat, da er keine rechten Winkel mochte und gerade Linien als «gottlos» verabscheute. Er empfand eine bunte, vielfältige und formenreiche Welt als lebenswerter und menschenfreundlicher. Diese Werke befreien aus dem durchstrukturierten und manchmal kleinkarierten Alltagstrott.
Nun wandern meine Gedanken zu Karfreitag. Jesus kam damals nach Jerusalem, um das Fest der Befreiung zu feiern und seiner lebensfreundlichen Botschaft Ausdruck zu verleihen. Trat er doch ein gegen Unterdrückung und Ausgrenzung sowie für Menschenwürde und Nächsten-, ja sogar Feindesliebe.
Seine Friedensbotschaft und sein Wirken störten die klar strukturierte Hierarchie der Römer.
Auch für jene, die die Heilige Schrift nach klaren Regeln lasen und ihr nachlebten, war Jesus eine Herausforderung, der die bestehende Ordnung durcheinanderbrachte.
So wurde er geradlinig verraten, zum Tode verurteilt und gekreuzigt. Das Kreuz als zentrales christliches Symbol erinnert bis heute daran, gibt Halt und Orientierung.
Auf das Geschehen an jenem Karfreitag schauen wir heute mit dem Wissen und der Erfahrung von Ostern. Drei Tage nach seinem Tod am Kreuz, der die Ordnung wiederherstellen sollte, wurde Jesus von den Toten auferweckt.
Dennoch heisst es, den Tod und Abschiede auszuhalten sowie Jesu Sterben zu bedenken.
Der Tod bringt immer Veränderung, obwohl er zur weltlichen Ordnung zwingend dazugehört.
So stehen wir stets zwischen den Polen Ordnung und Chaos, Geburt und Tod, dem Vergangenen und dem Zukünftigen.
Was an Karfreitag und Ostern geschehen ist, gibt der Welt eine neue Ordnung – des Trostes, des Friedens und der Hoffnung. Diese neue Ordnung befreit zum ewigen Leben. So wie sich eine neue Ordnung ergibt, wenn alle Plättli in einem Raum etwas verrückt sind. Die Kreuze zwischen den üblichen Plättli können uns derweil täglich neu daran erinnern.
Ein Kreuz gibt Halt und Orientierung in einer chaotischen Welt