Christine Bolt, die Messebranche steht unter Druck – steigende Kosten, verändertes Konsumverhalten, Digitalisierung. Wie robust sind die Olma Messen heute aufgestellt?
Der Olma Messen St.Gallen AG geht es gut. Trotz harter Konkurrenz, begrenzter Ressourcen und tiefer Margen war 2025 ein positives Jahr. Wir konnten den EBITDA von vier auf 5,9 Millionen Franken steigern und sämtliche Covid-Unterstützungskredite frühzeitig zurückzahlen. An über 400 Veranstaltungstagen begeisterten Messen, Kongresse und Events rund 620000 Menschen. Was bleibt, sind nicht nur gute Zahlen, sondern vor allem echte Beziehungen.
Nach der Pandemie haben viele Veranstaltungen ihr Konzept überdacht. Welche Lehren prägen Ihre Strategie bis heute?
Eine Veranstaltung besteht heute nicht mehr aus einem einzigen Format, sondern aus einer Vielzahl von Bühnen, Dialogräumen und Erlebniszonen. Dieser Wandel hätte in der Branche ohnehin stattfinden müssen – die Pandemie hat ihn einfach beschleunigt. Eine Messe besteht längst aus mehr als klassischen Messeständen. Foren, Paneldiskussionen, Networking-Events, Pitches und Sonderschauen zu spezifischen Fachthemen sind heute Standard. Die preXcon, unsere neue Plattform für Innovations- und Technologietransfer in der Präzisionstechnik, setzt hier neue Massstäbe. Sie findet erstmals vom 3. bis 5. November 2026 statt.
Die Konkurrenz durch digitale Formate bleibt. Was kann eine physische Messe besser als jede Online-Plattform?
Sie kann nachhaltige Begeisterung auslösen, Produkte erlebbar machen und echte Beziehungen entstehen lassen. Das ist oft der Anfang jeder Geschäftsbeziehung. Gleichzeitig braucht es eine digitale Verlängerung. Noch einmal das Beispiel der preXcon: Der digitale Layer, ein Bestandteil der neuen Fachmesse, ergänzt die physischen Formate mit einer Online-Plattform. Er ermöglicht Besuchenden und Ausstellenden dauerhaft Zugang zu Wissen, Präsentationen und Kontakten.
Nachhaltigkeit wird für Veranstalter zunehmend zum Prüfstein. Wie klimaverträglich sind die Olma Messen – und wo besteht Handlungsbedarf?
Nachhaltigkeit ist bei uns Teil der strategischen Infrastrukturund Investitionsplanung. Wir arbeiten mit klaren Kennzahlen zu Energie, CO₂ und Recycling und senken unseren Verbrauch konsequent – unter anderem durch Photovoltaikanlagen, Fernwärme, LED-Technik und Wassersparsysteme. Grossveranstaltungen benötigen naturgemäss Energie. Entscheidend ist deshalb die Reduktion vor Ort statt reiner Kompensation. Transparente Zielsetzungen und eine kontinuierliche Weiterentwicklung schaffen Glaubwürdigkeit und vermeiden Greenwashing.
Die Ostschweiz ringt um ihre wirtschaftliche Strahlkraft. Welche Rolle spielen die Olma Messen als Standortmotor für St. Gallen und die Region?
Unser Wirken hat einen hohen wirtschaftlichen Effekt. Jeder Umsatzfranken bei den Olma Messen wird in der Region etwa sechsfach ausgegeben. Neben diesem monetären Nutzen hat unser Engagement auch eine identitätsstiftende Wirkung. Mit Messen und Veranstaltungen mit nationaler oder internationaler Ausstrahlung tragen wir zur Sichtbarkeit und Positionierung der Ostschweiz bei. Ich wünsche mir für die Region noch mehr Selbstbewusstsein und Zusammenhalt, um diese Strahlkraft weiter zu stärken.
Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Wie sieht die Olma 2035 aus – eher Eventplattform, Begegnungsort oder Erlebniswelt?
Es wird genau diese Kombination sein. Unsere Publikumsmessen entwickeln sich ständig weiter. Hier können Ausstellende und wir neue Ideen ausprobieren und erhalten direktes Feedback vom Publikum. Produktentwicklung ist sowohl für uns als auch für unsere Ausstellenden zentral. Ein Beispiel ist 2026 die neue «OLMA Action Area»: ein 2000 Quadratmeter grosser interaktiver Raum für Spiel, Sport und Spass. Ergänzt wird das Programm durch Sonderschauen der Schweizer Armee und der EPFL zum Thema Ernährung und Zukunft. Bereits Ende August setzt das OLMA Openair nach der erfolgreichen Premiere 2025 einen ersten Akzent und bringt Festivalstimmung auf das Gelände.
Welche neuen Themen oder Branchen möchten Sie künftig stärker ins Messeportfolio integrieren?
Jede Veranstaltung auf unserem Gelände braucht eine klare Positionierung. Mit der preXcon lancieren wir eine neue Fachmesse, die zum Treffpunkt der Präzisions- und Hightech-Industrie werden soll. Im Bereich der Fachmessen sehen wir weiteres Potenzial – darüber können wir allerdings noch nicht im Detail sprechen. Gleichzeitig greifen wir bei Publikumsmessen wie der OFFA oder der Olma aktuelle Themen auf. Longevity wird beispielsweise an der OFFA ein Schwerpunkt sein.
Die junge Generation tickt anders. Wie gewinnen Sie Gen Z und Millennials für klassische Messeformate?
Es geht grundsätzlich darum, junge Menschen für Veranstaltungen auf unserem Gelände zu begeistern – auch ausserhalb von Messen. Viele kommen erstmals im Rahmen der Berufswahl zu uns, etwa an die OBA. Gleichzeitig bieten wir auch Freizeitformate an: die Silvesterparty, das OLMA Openair oder den Muted Daydance. Der Daydance ist übrigens eine Erfolgsgeschichte – ursprünglich ein Projekt unserer Lernenden. Wir übertragen jungen Mitarbeitenden Verantwortung und beziehen sie in die Entwicklung neuer Eventformate ein. Unser Führungsverständnis bietet viel Raum für Gestaltung.
Ist Wachstum das Ziel – oder geht es künftig stärker um Qualität, Profil und Nischen?
Unser Businessplan sieht weiterhin Wachstum vor, auch um die grossen Investitionen der vergangenen Jahre tragen zu können. Wir sind auf Kurs. Gleichzeitig sind bei allen unseren Produkten Qualität und eine klare Marktpositionierung zentral.
Welche Innovation würden Sie sofort umsetzen, wenn Budget keine Rolle spielen würde?
Innovation ist eine zentrale Kompetenz in unserer Branche. Wir treiben sie systematisch voran – mit einem Team, das nationale Rahmenbedingungen und internationale Trends kennt. Was uns derzeit fehlt, ist Risikokapital. Mit mehr Ressourcen könnten wir mehr ausprobieren und schneller neue Veranstaltungen lancieren. Gerade für die Volkswirtschaft wäre das interessant, denn neue Fachmessen zu entwickeln, ist aufwendig und erfordert viele Vorleistungen bis zum Break-even.
Sie gehören zu den prägenden Führungspersönlichkeiten der Ostschweizer Eventbranche. Was treibt Sie persönlich an?
Mich beeindruckt immer wieder die Leistungsfähigkeit unseres Teams. Der Weg zur heutigen Organisation war nicht einfach. Heute können wir sagen: Die Transformation ist weitgehend abgeschlossen. Unsere Mitarbeitenden sind an ihren Aufgaben gewachsen – mit Ausdauer, Kompetenz und Flexibilität. Auf Veränderung folgt Performance. Die Organisation arbeitet fokussierter, und ihre Wirksamkeit steigt. Leistung, Lust und Leichtigkeit prägen unseren Teamalltag.
Wo erleben Sie als CEO den grössten Druck – wirtschaftlich, politisch oder gesellschaftlich?
Ich kann gut mit Druck umgehen – und ich trage ihn nicht allein. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung arbeiten hervorragend zusammen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Olma Messen erfolgreich zu führen. Das Unternehmen ist gut aufgestellt, beweglich und bereit, auch künftige Herausforderungen zu meistern.
Gab es einen Moment in Ihrer bisherigen Amtszeit, in dem Sie ernsthaft gezweifelt haben?
Nein. Ich wusste immer, dass dieser Weg Mut und Ausdauer erfordert. Die Belohnung sind zufriedene Mitarbeitende, Ausstellende, Besuchende, Kundinnen und Kunden, Partner und Aktionäre. Trotz anspruchsvollem Marktumfeld ist diese Arbeit geprägt von Freude, Energie und Leichtigkeit.
Die Herbstmesse Olma steht für Tradition – vom Säulirennen bis zur Bratwurst. Wie gelingt der Spagat zwischen Tradition und Erneuerung?
Die elf Olma-Tage haben die grösste Anziehungskraft. Es ist der Anlass mit den meisten Besuchenden und der grössten medialen Aufmerksamkeit in unserem Portfolio. Davor und danach finden auf unserem Gelände zahlreiche Veranstaltungen statt, bei denen weder Säuli zu sehen sind noch Bratwurstduft in der Luft liegt: Wirtschaftsevents, Medizinkongresse, Firmenjubiläen, Generalversammlungen, Graduation Days, Sportlergalas oder Comedy-Abende. Oder denken Sie an die SwissSkills 2029 in St. Gallen – ein Grossanlass für junge Berufstalente. Diese Vielfalt zeigt, dass unser Gelände alle Nuancen zwischen Tradition und Innovation abdeckt.
Wenn Besucherinnen und Besucher nach einem Olma- Tag nach Hause gehen: Welches Gefühl sollen sie mitnehmen – und was bedeutet die Olma für Sie persönlich?
Gerade in Zeiten, in denen die Welt viel Schweres erlebt und Einsamkeit zu einer Volkskrankheit wird, soll ein Olma- Tag Leichtigkeit und Zugehörigkeit vermitteln. Die elf Tage ermöglichen fröhliche Begegnungen und überraschende Entdeckungen. Ich persönlich liebe diese besondere Magie, die während der Olma über unserer Stadt liegt.
«Eine Messe ist heute viel mehr als eine Halle voller Stände»