Berneck vor 1 Stunde

Gedenken an einen Künstler und Einblicke in sein Schaffen

Der Bildhauer Walter Jüstrich, «Strax», wurde am 26. Februar 1926 geboren und verstarb 2006 im Alter von achtzig Jahren. Am Donnerstag wäre er hundert geworden.

Von Maya Seiler
aktualisiert vor 1 Stunde

Zum Andenken an seinen hundertsten Geburtstag versammelten sich Freundinnen und Bewunderer im Torkel Oberdorf, um sein Leben und Wirken zu feiern. Maria Federer, Tochter von Werner – einem engen Freund von Strax – gab einen facettenreichen Einblick in sein Leben und seine künstlerische Entwicklung. Schon in seiner Jugend zeigte sich Walters Begabung, und er folgte damit dem Beispiel seines Vaters, der nach Feierabend gerne in seiner Werkstatt im Kübach schnitzte und malte. 

Weg zurück ins Leben nach Schicksalsschlägen

Nach der Schulzeit trat Walter Jüstrich die Lehre beim renommierten Widnauer Bildhauer Albert Wider an. Weitere Lehr- und Wanderjahre führten ihn nach Genf, wo er beim bedeutenden Bildhauer Jakob Probst am Denkmal der Schlacht bei Dornach arbeitete, und weiter in verschiedene europäische Kunstmetropolen. 1951 kehrte er nach Berneck zurück, brachte neue Ideen und Ausdrucksformen mit und richtete sich im Schopf ein Atelier ein.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war Kunst ein Luxus; oft blieb nur die Möglichkeit, mit Hilfsarbeiten Geld zu verdienen. So nahm Jüstrich jede sich bietende Tätigkeit an: Er half beim Bau einer Stützmauer, arbeitete in den Reben und Weinkellern oder beim Küfer. Dadurch lernte er viel über das jeweilige Handwerk und entwickelte sein Verständnis von Kunst als Verbindung von Können und Ausdruck. Dies zeigt sich in all seinen Arbeiten – in Stein, Metall, Holz, Glas oder Farbe.

Sein Durchbruch kam, als er den Wettbewerb für eine Friedhofsplastik in Rapperswil gewann. Fortan wurden seine Werke bekannt und begehrt, zugleich blieb er bescheiden: Kunst solle bezahlbar bleiben, damit sie zugänglich sei. Sein Stil verband Realismus mit kubistischer Abstraktion, war modern, aber niemals abgehoben, und traf das Publikum. 

Noch jung, erlebte Walter Jüstrich persönliche Schicksalsschläge. Seine erste Frau starb 1962 nach vier Ehejahren, er selbst erkrankte an Tuberkulose, musste zur Kur, und die kleine Tochter blieb zunächst in der Obhut von Nachbarn. Nach der Genesung folgten zahlreiche Aufträge, darunter Fass-Schnitzereien für die Schlosskellerei Spiez. Dort lernte er seine zweite Frau kennen; das Paar heiratete, die Tochter konnte zurückkehren, und 1968 kam Sohn Peter zur Welt. Das Leben gewann wieder Fahrt.

Architekt und Künstler prägten Bild von Berneck

Maria Federer hob die unschätzbare Bedeutung von Walter Jüstrichs Beitrag zu Bernecks Aussenräumen hervor. In Zusammenarbeit mit Architekt Werner Bänziger übernahm er die Renovation schützenswerter Häuser am Rathausplatz und an der Neugass. Er beteiligte sich zudem am Umbau des heutigen Ortsmuseums sowie am Ausbau der dazugehörigen Scheune zum Torkelhaus. Sohn Peter war in den Siebzigerjahren oft bei der Bauarbeit am 600-jährigen Torkel dabei und erinnert sich an viele angeregte Diskussionen über Kunst, Religion, Bauen, Umwelt, Politik und Geschichte.

Peters Kommentar unterstreicht die enorme Schaffenskraft seines Vaters: «Beruflich komme ich in viele Häuser in Berneck und staune immer wieder, wie gross die Verbreitung seiner Werke ist. Kaum ein Dorf wurde während einer Dekade von fast 50 Jahren derart von einem Künstler geprägt.» Der Alltag des Künstlers begann praktisch jeden Morgen um sechs Uhr in seiner Werkstatt; nach Feierabend ging er oft mit Freunden aus, selten ging es «schnur-straxs» nach Hause, daher sein Spitzname.
Die Krönung von Jüstrichs Lebenswerk war die künstlerische Ausgestaltung der evangelischen Kirche

Bernecks während ihrer Renovation im Jahr 1992. Die Glasfenster und die Holzreliefs, die er schuf, sind das wertvollste Vermächtnis des Bernecker Ausnahme-Künstlers. Im Spätsommer plant die Museumskommission eine öffentliche Ausstellung mit zahlreichen seiner Werke und Führungen zu den bedeutendsten Arbeiten im Dorf.

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