Die Patientin und ich schauen aus dem Fenster. Die Sonne scheint an diesem herrlichen Märztag, Knospen spriessen an den Zweigen und die ersten Blüten lassen die Wiese vor dem Fenster farbenfroh leuchten. Alles wirkt dort draussen in diesem Moment so friedlich und so voller Leben.
Die Patientin zeigt auf die aufgeschlagene Zeitung vor sich auf dem Tisch: «Krieg in Nahost» steht dort, die Bilder zeigen Trauer, Gewalt und Zerstörung.
Dieser Krieg. Diese Hoffnungslosigkeit. Wie soll ich damit umgehen? Manchmal wünsche ich mir, gar nichts mehr von den Kriegen mitzubekommen.
Wer mitfühlt und sich berühren lässt, ist in diesen Tagen sehr gefordert. Wie können wir mit belastenden Nachrichten umgehen, ohne uns gleichgültig abzuwenden oder aber hilflos zu resignieren?
Mir hilft in solchen Momenten ein Bild aus unserem Körper: die Halswirbelsäule mit dem Kopf. Dank der Halswirbelsäule können wir den Kopf bewegen und drehen. Funktioniert sie uneingeschränkt, dann ermöglicht sie uns, dass wir beweglich in viele Richtungen schauen können. Manchmal braucht es das in unserem Leben, einen bewussten Wechsel der Blickrichtung. Das spürt die Patientin an diesem Mittag im Spitalzimmer.
Kritisch und auf das Schöne blicken
Ich bin überzeugt davon, dass es einen kritischen christlichen Blick braucht, der Unrecht wahrnimmt, sich vehement für das Menschliche einsetzt und sich den unschuldigen Opfern von Ungerechtigkeiten verbunden fühlt, an sie denkt, für sie und den Frieden betet und an Hilfe erinnert.
Aber dort, wo wir nicht nur mitfühlen, sondern selbst mitleiden, es uns schwerfällt, uns abzugrenzen, so wie die Patientin das schildert, da braucht es immer wieder auch die bewusste andere Blickrichtung, das Hinwenden unseres Blickes auf das Schöne, auf das, was mich freut und stärkt: Menschen und Beziehungen, die mir guttun; mein Glaube, die Natur, die mir gerade jetzt zeigt, wie viel Leben möglich ist, wo wir es von aussen nicht sehen; Musik, Bewegung, ein gutes Buch, feines Essen, ein Ort, an dem ich mich verbunden und getragen fühle; was auch immer für jede und jeden von uns Lebensfreude, Dankbarkeit und tiefe Zufriedenheit bedeutet.
Ich wünsche Ihnen an diesem Wochenende – im übertragenen Sinn – einen beweglichen Blick und ganz viele Augenblicke, die Ihnen Kraft geben.
In schweren Zeiten eine neue Blickrichtung finden