Mit Simon Kness habe ich einen Freund verloren. Und das Rheintal einen Künstler, der konsequent seinen eigenen Weg ging. Ich habe Simon zwischen 2007 und 2010 kennengelernt. Während meiner Ausbildungszeit in Balgach. In der «Bierhalle». Nach Feierabend trafen wir uns dort auf ein Bier. Manchmal auch auf zwei. Was beiläufig begann, wurde rasch ernst.
Simon hatte diesen Blick. Ruhig. Angespannt. Prüfend. Kein Blick, der bestätigte. Einer, der wissen wollte, wer ihm gegenübersitzt. Gespräche mit ihm waren keine Unterhaltung. Sie waren Auseinandersetzung. Nähe allein reichte nicht. Freundschaft mit Simon bedeutete, Gespräche auszuhalten und trotzdem wiederzukommen.
Simon wurde 1963 geboren. Autodidakt. Maurer von Beruf. Künstler aus innerer Notwendigkeit. Zeichnung, Malerei, Skulptur und Form eignete er sich nicht an, um dazuzugehören, sondern um bestehen zu können. Seine Arbeiten wollten nicht gefallen. Sie wollten standhalten. Sein Weg war geprägt von harter körperlicher Arbeit und einer Existenz ohne Absicherung. Kunst, Arbeit und Leben liessen sich bei ihm nicht trennen. Besonders sichtbar wurde das bei der Arbeit an seiner grossen Pferdeskulptur.
Tage in der Werkstatt.
Geschweisst.
Zuerst das innere Skelett aus Stahl.
Danach Schicht um Schicht aufgebaut.
Entlang der Anatomie des Pferdes.
Stäbe, Blech, Schweissnähte formten den Körper.
Er hörte erst auf, wenn die Kraft weg war.
Am nächsten Morgen begann er wieder.
Sein Atelier spiegelte diese Haltung. Kein Ausstellungsraum. Ein Arbeitsraum. Anatomische Fachbücher. Biologische Literatur. Skizzen. Werkzeuge. Alles war da, weil es gebraucht wurde. Wer diesen Raum betrat, verstand sofort, dass hier gearbeitet wurde. Ernsthaft.
In den letzten neun Jahren standen wir in engem künstlerischem Austausch. Zwei meiner Rexeye EPs tragen Originalcover von ihm. Mehrere Videos sind gemeinsam entstanden. Auch wenn Hip-Hop nicht seine Musik war, setzte er sich mit den Songs auseinander.
Auch in der Zusammenarbeit ging Simon keine Kompromisse ein. Für ein Videoprojekt zerstörte er während des Drehs ein eigenes Bild. Es war Teil der Arbeit. Das Werk war Material. Besitz spielte keine Rolle.
Für eine Szene brauchten wir eine Badewanne. Es gab keine. Also liessen wir eine aus einem anderen Dorf bringen, trugen sie in seine Küche und füllten sie mit Wasser. Eimer für Eimer. So wurde gearbeitet.
Simon spielte jede Szene vollständig. Er stieg ein. Er machte mit. Er zog es durch. Wenn etwas vorgesehen war, dann wurde es umgesetzt. Bei ihm genügte ein Blick. Ein Nicken. Ein kurzes Zögern. Man verstand, was gemeint war. Genau das, was einen Charakterdarsteller ausmacht. Er brauchte keine Erklärung. Deshalb wollte ich ihn in meinen Videos haben. Ich wusste, dass er liefert.
Vor einigen Jahren hatte ich nach langer Zeit wieder das Gefühl, dass es mit ihm bergauf ging. Davor lagen schwierige Jahre. Er musste sein Atelier in Widnau verlassen und sich neu orientieren. Die Suche nach einem neuen Arbeitsort war für ihn belastend. Sie zog sich hin. Sie forderte ihn. Später hatte er in Altstätten wieder einen Ort für seine Arbeit gefunden. Das war spürbar. Diese Klarheit zeigte sich auch in seiner Ausstellung im Frühjahr 2024 im Schloss Grünenstein. Vom 3. Mai bis 2. Juni zeigte er Arbeiten aus den Jahren 1998 bis 2024. Kein nostalgischer Rückblick. Gegenwart. Die Arbeiten standen im Raum. Der Raum ordnete sich ihnen unter. An diesem Abend erlebte ich Simon gesammelt. Die Haare lang. Das Stirnband gebunden. Der Blick ruhig. Wach. Stolz.
Wir stritten oft darüber, wie ein Künstler leben sollte. Ob künstlerische Wahrhaftigkeit Distanz zum Gewohnten verlangt. Oder ob sie am Ende zerstört. Eine eindeutige Antwort gab es nie. Simon misstraute einfachen Erklärungen. Er war fordernd. Wenn etwas nicht trug, sagte er es. Wenn das Herz fehlte, ebenso. Direkt. Ohne Umwege. Gleichzeitig konnte er eigene Fehler benennen.
Ich hätte mir oft gewünscht, dass er zu Lebzeiten mehr Anerkennung erhalten hätte. Nicht wegen des Geldes. Sondern wegen dieses Moments, in dem jemand merkt, dass das Eigene gesehen wird. Simon wollte sich nie verkaufen. Weder für Materielles noch für Applaus. Er blieb lieber im Hintergrund seines eigenen Könnens. Aus Überzeugung.
Seine monumentale Pferdeskulptur bleibt für mich ein Bild für ihn. Stark. Ungezähmt. Unwillig, sich etwas gefallen zu lassen. Geschaffen, um standzuhalten. Nicht, um geführt zu werden.
Ich werde mich daran gewöhnen müssen, ihn nicht mehr spontan anzurufen. Keinen Rat mehr zu hören. Keine Reibung mehr zu haben.
Simon, du wirst mir fehlen, mein Freund. Ruhe in Frieden.
Kunst, Arbeit und Leben liessen sich bei ihm nicht trennen