Carlo Pinardi kam am 20. April 1958 zur Welt. Im selben Jahr wurde in Altstätten die Fasnachtsmontag-Clique gegründet. Der erste Verein neben den Röllelibutzen, der sich um die Altstätter Fasnacht kümmerte. Dass ausgerechnet er einmal Butzenkönig und damit Präsident der Röllelibutzen werden sollte, war damals nicht absehbar. Zwar waren seine Schwester und seine drei Brüder als Kinder bei den Röllelibutzen dabei, er selbst aber nicht. Erst Mitte der 1970er-Jahre trat Pinardi als junger Erwachsener den Röllelibutzen bei. Aus dem Neumitglied wurde bald ein Mann, der Verantwortung übernahm. Von ungefähr 1976 bis 1995 war er Vizepräsident unter Ferdi Segmüller.
2003 übernahm er das Präsidium. Nun, mehr als zwanzig Jahre später, tritt er aus dem Vorstand und aus dem Organisationskomitee zurück. Es sei Zeit, sagt Pinardi, das Amt in jüngere Hände zu legen. Nicht, weil ihm die Fasnacht weniger bedeute. Im Gegenteil. «Ich möchte die Fasnacht und das Brauchtum in den nächsten Jahren an ihren Originalorten erleben. Im authentischen Umfeld, wo sie entstanden ist», sagt er. Als Gast will der Altstätter Brauchtumsgruppen und -anlässe in Italien, im Baselbiet, in der Innerschweiz oder in Liestal besuchen.
Von gefrorenen Fingern bis New Glarus
Wer mit Carlo Pinardi über die Röllelibutzen spricht, bekommt keine nüchterne Chronik zu hören. Er erzählt in Bildern, Episoden und Begegnungen. Etwa von 1976, als in Altstätten 50 Jahre Strassenfasnacht gefeiert wurden. Der Verein stellte in der Winterzeit ein Zelt auf. Für die damalige Zeit eine Besonderheit. Carlo Pinardi erinnert sich gut daran: «Bei den Aufbauarbeiten haben wir fürchterlich an die Finger gefroren.» Unvergessen blieb ihm auch die Reise der Röllelibutzen in die USA im Jahr 1990. Zehn Tage waren sie unterwegs, unter anderem in New Glarus. Zudem nahmen sie an der Parade Mil in Milwaukee teil, die sie als schönste Gruppe sogar gewannen.
Das Preisgeld sei gleich vor Ort wieder ausgegeben worden. Eine Anekdote hat Pinardi besonders behalten. «Der Stadtpräsident war ungefähr gleich gross wie unser Röllelibutz Ferdi Segmüller samt Butzenhut. Solche Bilder vergisst man nicht», lacht Carlo Pinardi.
Fernsehluft geschnuppert und Schuh verloren
1991 folgte der Auftritt in der SRF-Sendung «Gala für Stadt und Land» von Wisel Gyr. Die Polonaise wurde mehrfach geübt. Während der Livesendung verlor eine Ehrendame einen Schuh. Gemerkt habe es kaum jemand. Im selben Jahr wirkten die Röllelibutzen an der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft in Brunnen mit, zusammen mit der Stadtmusik Altstätten. Erinnerungen, die bleiben.
Über die Jahrzehnte führten Reisen den Verein nach Deutschland, Frankreich, Belgien, Österreich, Liechtenstein und in die USA. «Früher übernachtete man oft privat bei Gastgeberinnen und Gastgebern. Ohne Handy und Navigation konnte das nächtliche Heimfinden zur eigenen kleinen Fasnachtsnummer werden», erinnert sich der scheidende Butzenkönig. Pinardi sagt rückblickend, er habe überall grossartige Betreuerinnen und Betreuer erlebt:
Das ist nicht selbstverständlich.
Ein Brückenbauer für das Brauchtum
Carlo Pinardi hat die Tradition der Röllelibutzen in den letzten Jahrzehnten nicht verwaltet, sondern weiterentwickelt. Besonders wichtig war ihm, dass die Röllelibutzen keine Bühnenshow zeigen. Der Brauch gehöre auf den Platz, mitten unter die Leute. Dieses Verständnis prägte auch das Jubiläum 2019 zum 100-jährigen Bestehen des Vereins. Brauchtumsgruppen aus 13 europäischen Ländern kamen nach Altstätten.
Es gab einen Film, ein Buch und eine Ausstellung im Museum Prestegg.
Pinardis Verdienst liegt auch in seinem internationalen Netzwerk. Durch Beziehungen zu Brauchtumsgruppen im In- und Ausland konnten die Altstätter immer wieder an grossen und bedeutenden Anlässen teilnehmen. Gleichzeitig stärkte er die Fasnacht daheim. Er passte mit seinen OK- und Vorstandskollegen Konzepte an, brachte neue Ideen ein, schuf Strukturen und führte den Verein auch durch schwierige Zeiten.
Dazu gehörten persönliche Rückschläge von Vereinsmitgliedern ebenso wie die Corona-Jahre, in denen die Fasnacht nicht oder nur eingeschränkt stattfinden konnte. Stolz ist Pinardi darauf, stets die richtigen Partner gefunden zu haben. Dazu zählt er nicht nur Kolleginnen und Kollegen im Verein, sondern auch Sponsoren und Lieferanten. «Ich habe das Glück gesucht und auch gefunden», sagt er. «Das ist nicht selbstverständlich.»
Rücktritt erfolgt später als geplant
Finanziell steht der Verein gut da. Auch das sei ihm wichtig gewesen. Nun übergibt Carlo Pinardi den Verein an die nächste Generation. Später als ursprünglich geplant. Corona und der schwere Unfall eines Vorstandsmitglieds verzögerten den Rücktritt. Pinardi wollte nicht einfach gehen. Er wollte geordnet übergeben, instruieren, begleiten.
Sein Nachfolger sollte noch vor Amtsantritt eine Fasnacht miterleben können. Ganz weg ist Pinardi damit nicht. Er bleibt dem Verein treu und eng verbunden. Nur die Rolle ändert sich. Aus dem Präsidenten wird wieder der Gast, aus dem Butzenkönig ein Beobachter mit Erfahrung, aus dem Organisator einer, der die Fasnacht geniessen will.
Und wenn er künftig irgendwo in der Schweiz oder im Ausland eine Fasnacht besucht, wird er wohl auch dort ein Stück Altstätten mittragen. Denn Carlo Pinardi hat das Kostüm des Röllelibutzen nicht nur getragen. Er hat die Röllelibutzen über Jahrzehnte mitgeprägt.
Langjähriger Butzenkönig übergibt Röllelibutzen an nächste Generation