Tradition vor 13 Minuten

Lesegesellschaften trafen sich in Heiden und blickten auf ihre lange Geschichte zurück

Delegationen von Ausserrhoder Lesegesellschaften und Quartiervereinen aus Herisau haben sich kürzlich im Museum Heiden zum Austausch getroffen.

Von pd
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Zum Treffen eingeladen hatten die Vorderländer Lesegesellschaften Reute, Schachen-Reute, Bissau Heiden, Aussertobel-, Hasli- und Tanne-Wolfhalden sowie Lachen-Walzenhausen. Ein erstes solches Treffen hatte vor vier Jahren in Herisau stattgefunden, wie die Organisatoren mitteilten.

Ernst Graf, Präsident der Lesegesellschaft Bissau, verwies bei der Begrüssung auf die unterschiedlichen Ausrichtungen der heutigen Lesegesellschaften. Gerade deshalb sei ein regelmässiger Gedankenaustausch wichtig. Martin Engler, Präsident der Bö-Stiftung, stellte anschliessend das Museum Heiden und dessen Themenvielfalt vor.

«Bö» ist immer noch wichtig

Der Historiker und künftige Kurator David Aragai aus Oberegg führte durch die Ausstellung «Bö Dagegenhalten», die noch bis März 2027 dauert. Sie beschäftigt sich mit vier Themenfeldern: der Abschaffung der Demokratie, Pressezensur und politischer Propaganda, Faschisten aus der Schweiz sowie den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Schweiz. Bö lebte von 1936 bis zu seinem Tod 1970 in Heiden und prägte mit seinen Karikaturen den «Nebelspalter». Ralf Menet, Geschäftsführer des Vereins Appenzellerland über dem Bodensee (AüB), stellte danach die regionale Zusammenarbeit zwischen acht Gemeinden und dem Bezirk Oberegg vor. Ein aktuelles Thema sei das Spitalareal Heiden. Ziel sei es, später einen Zweckverband gründen zu können.

Erste Lesegesellschaft des Kantons 1820 gegründet

Einen historischen Blick auf die Lesegesellschaften warf Arthur Sturzenegger. Diese gehören zu den ältesten Dorfvereinen Ausserrhodens und entstanden mit der zunehmenden Verbreitung einer Lesekultur im 18. und 19. Jahrhundert. In Herisau wurde bereits 1775 eine «Lectur liebende Gesellschaft» gegründet. Ihre Bibliothek mit 700 Bänden ging beim Brand von 1812 verloren. Als erste Lesegesellschaft des Kantons gilt die 1820 gegründete Sonnengesellschaft Speicher. Gemäss dem «Appenzellischen Monatsblatt» bestanden 1825 fünf Lesegesellschaften im Kanton. Neben Literatur beschäftigten sich ihre Mitglieder mit politischen Fragen sowie gesellschaftlichem und beruflichem Fortschritt.

Zirkulierende Lesemappen und politische Fragen

Eine wichtige Rolle spielten Lesemappen mit Zeitungen und Zeitschriften, die unter den Mitgliedern zirkulierten. Auch politische Fragen wurden diskutiert: In der Lesegesellschaft Reute etwa standen ab 1848 die Verfassungen und Gesetze von Bund und Kanton zur Debatte.

Später schlossen sich viele Lesegesellschaften dem 1873 gegründeten Appenzellischen Volksverein an. Während sich daraus insbesondere im Hinterland Ortsparteien entwickelten, hielten sich viele Vorderländer Lesegesellschaften von dieser Entwicklung fern. Die Lesegesellschaft Reute gilt heute als älteste noch im traditionellen appenzellischen Sinne tagende Lesegesellschaft des Kantons.

Zum Abschluss besichtigten die Teilnehmenden den Kirchturm in Heiden. Max Frischknecht vom Kurverein erläuterte im 27 Meter über dem Boden gelegenen Turmzimmer die Geschichte von Kirche und Turm. Ein Aperitif von AüB schloss das Treffen ab.