Wenn der Rosenmontag in Widnau anbricht, dann gibt es kein Halten mehr. Das traditionelle Fasnachtskränzli des Vereins 60Plus Widnau löste in diesem Jahr bei rund 150 Seniorinnen und Senioren Feierlaune aus. Und wie Präsident Patrick Dürr bei seiner Begrüssung mit Freude festhielt: «So viele Maskierte hatten wir noch nie.»
Tatsächlich bot sich ein farbenprächtiges Bild: Piraten, stolze Musketiere, Engel und Teufel, ein einsatzbereites Abbruchkommando, ein Prinz aus Arabien samt Prinzessin oder eine ganze Schar Schlafmützen im Pyjama. Wer kein Komplettkostüm zur Hand hatte, setzte zumindest auf einen gewagten Hut oder bunte Luftschlangen.
Gemeindepräsident und Dorfpfarrer vor Ort
Dorfpfarrer Georg Changeth erschien als Bayer in Lederhosen, mit Schnauz und einem verschmitzten Lächeln. Gemeindepräsident Bruno Seelos tauschte den Sitzungssaal gegen die Spielekonsole und trat als Super Mario auf.
Musikalischen Schwung brachten Die Fidelen Albatros aus Diepoldsau mit. Mit bekannten Schenkelklopfern und einem Medley der beliebtesten Stimmungslieder brachten sie den Saal innert Minuten auf Betriebstemperatur. Vom Mitsingen, Mitklatschen, Mitschaukeln wurde niemand verschont. Als sich schliesslich eine Polonaise durch den Saal schlängelte, angeführt vom Pfarrer höchstpersönlich, hielt es definitiv niemanden mehr auf dem Stuhl.
Ein weiterer Höhepunkt folgte mit dem Auftritt der beiden Dorfkolumnisten Benno und Hermann alias Rolf Sieber und Sepp Schmitter. Frei nach dem Motto «Die Lage ist ernst, um ernst zu bleiben» nahmen sie das Weltgeschehen und das Dorfleben gleichermassen aufs Korn. Zunächst ging der Blick über den grossen Teich zu Donald Trump. Für den Fall eines maskierten Überraschungsbesuchs hatten sie vorsorglich einen Friedenspreis-Pokal dabei. Man weiss ja nie.
Halloween bezeichneten sie als «optische Körperverletzung», «Süsses oder Saures» als amtlich bewilligte Erpressung. Auch die immer noch nicht bereinigte Vereinsliste der Gemeinde musste herhalten. Zwar sei die Guggenmusik gelöscht worden, viele unbekannte Vereine stünden jedoch weiter drauf. Altlasten, wie man munkelt. Zur Erinnerung überreichten sie dem Gemeindepräsidenten eine Collage mit sämtlichen «Geistervereinen», dekorationsreif fürs Büro.
Vereine durch den Kakao gezogen
Natürlich blieb auch die digitale Welt nicht verschont. Alles gehe nur noch online, klagten die beiden. Selbst das öffentliche WC lasse sich angeblich nur noch mit Kreditkarte öffnen, und die Sternsinger arbeiteten inzwischen mit Twint. Künstliche Intelligenz, Social Media und Onlineportale – der Fortschritt habe auch in Widnau Einzug gehalten. Auch der lokale Künstler Kuspi wisse dank seiner Ausstellung in China nun, wie sein Name auf Chinesisch geschrieben werde.
Nebenbei wurden auch die Punscherlitruppe, das Moschti-Fäscht-OK, der FC Widnau und selbst der Gastgeberverein wohlwollend durch den Kakao gezogen. Sparvorschläge für die Gemeindeverwaltung gab es gratis obendrauf. Etwa, wenn eine Baubewilligung von der Neugasse 4 an die Neugasse 4 per A-Post verschickt wird.
Nach einer süssen Stärkung mit Fasnachtsgebäck, offeriert vom Verein, wurde weiter getanzt, gelacht und geschunkelt. Bis in den späten Nachmittag hinein bewiesen die Widnauer Seniorinnen und Senioren eindrücklich, dass die Fasnacht kein Alter kennt und dass der Humor, gerade wenn die Lage ernst ist, immer noch die beste aller Medizinen ist.
Masken, Musik und Polonaise: So gerieten Widnaus Senioren ins Fasnachtsfieber