An Bachs Matthäus-Passion ist alles überdimensional. Zwei Chöre, zwei Orchester, zwei Orgeln, sieben Gesangssolisten – und 132 Mitwirkende. Und dann noch die Dauer von über drei Stunden reiner Spielzeit. Eigentlich muss man verrückt sein, um so ein Werk aufs Programm zu setzen.
Am späten Sonntagnachmittag war es aber so weit. Nach einem Jahr Proben und einem Konzert am Vorabend in Götzis erklang der Eingangschor «Kommt, ihr Töchter, helft mir klagen» in der Pfarrkirche St. Nikolaus in Altstätten. Sowohl der Präsidentin des Rheintaler Bach-Chors, Esther Beyeler Mattle, als auch dem Chorleiter Alexander Seidel war von Anfang an klar, dass ein Laienchor hier an seine Grenzen stossen könnte. Aber intensive Vorbereitung und die Zusammenarbeit mit Profis bei Solisten und Orchester zeigten am Sonntag ihre Wirkung.
Beeindruckende Chorleistung
Beide Chöre übernehmen bei Bach unterschiedliche Aufgaben. Sie kommentieren das Geschehen und geben dem Volk und der aufgebrachten Menge eine Stimme. Der volle, sehr gut ausbalancierte Chorklang zeigte sich aber vor allem in den gemeinsam gesungenen Chorälen, die Alexander Seidel abwechslungsreich gestaltete. Insgesamt bot der Chor eine beeindruckende Leistung. Klangschönheit, stimmliches Volumen und körperliche Kondition für dieses gewaltige Werk hinterliessen bei den Zuhörerinnen und Zuhörern starken Eindruck.
Einen grossen Einfluss auf das professionelle Gesamtniveau dieser Aufführung hatten die sieben Solistinnen und Solisten. Miriam Feuersinger (Sopran), Martina Gmeinder (Alt), Daniel Johannsen und Nik Kevin Koch (Tenor), Konstantin Wolff, Daniel Ochoa und Clemens Morgenthaler (Bass) überzeugten mit ihren Arien, aber auch in den zahlreichen unterschiedlichen Rollen im Rahmen der Handlung. Kleine Probleme mit der Klangbalance zwischen Solisten und dem Orchester lagen in erster Linie an der heiklen Kirchenakustik von St. Nikolaus.
Als absolut herausragend muss man die Leistung des Evangelisten Daniel Johannsen bezeichnen. Es gibt weltweit nicht viele Tenöre, die diese riesige, komplexe und stimmtechnisch fordernde Aufgabe derartig souverän, klangschön und textverständlich beherrschen. Johannsen scheinen die ständigen Sprünge in die höchste Tenorlage nicht nur keinerlei Probleme zu bereiten, es klingt, als würde er das sogar geniessen. Faszinierend.
Süffiger Gesamtklang
Der Orchesterpart war beim Barockorchester Concerto Stella Matutina aus Vorarlberg in den besten Händen. Durch die grosse Besetzung mit fast 40 Musizierenden entstand ein voller, süffiger Gesamtklang mit Holzbläsern, Streichern, Cembalo und je zwei Orgeln und Lauten. Zu loben sind sowohl das Kollektiv als auch die vielen solistischen Einzelleistungen im Continuo und den Arien im Dialog mit den jeweiligen Solisten.
Alexander Seidel erzeugte durch seine Gestaltung der Matthäus-Passion eine derart konzentrierte Atmosphäre, dass die Kirchenbesucher fasziniert und trotz winterlicher Erkältungszeit fast hustenfrei der Vertonung der Leidensgeschichte Jesu folgten. Am Schluss gab es Standing Ovations und glückliche Gesichter bei allen Mitwirkenden, insbesondere bei Alexander Seidel und Esther Beyeler Mattle. Der 1. März 2026 wird zu Recht als historisches Datum in die Chronik des Altstätter Konzertzyklus eingehen.
Matthäus-Passion: Rheintaler Bach-Chor meistert Bachs Meisterwerk mit 132 Mitwirkenden