Eichberg vor 1 Stunde

Sabina Saggioro: «Sprache verstehen und anwenden, das ist der Schlüssel zu allen anderen Fertigkeiten»

Die Delegiertenversammlung der Logopädischen Vereinigung Oberrheintal zeigte auf: Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe. Frühzeitige Förderung und fachlicher Austausch stehen dabei im Zentrum.

Von pd
aktualisiert vor 1 Stunde

«Hör auf zu grübeln und lass ChatGPT für dich denken.» Mit diesem provokanten Einstieg eröffnete Sabina Saggioro, Präsidentin der Logopädischen Vereinigung Oberrheintal, die Delegiertenversammlung in der Primarschule Eichberg. Ihre Botschaft war klar: KI ersetzt keine Kommunikation – und genau deshalb ist Logopädie heute wichtiger denn je.

Sie liess ein Bild des berühmten Rodinschen «Denkers» auf die Teilnehmenden wirken. Ihre Botschaft: Wer nicht versteht, was er oder sie liest oder hört, wer Sprache nicht anwenden kann, dem nützt auch keine künstliche Intelligenz. «Sprache verstehen und anwenden – das ist der Schlüssel zu allen anderen Fertigkeiten», sagte sie. Ein Satz, der den Abend wie ein roter Faden durchzog.

Früh erkennen, rasch handeln

Damit Kinder mit Sprachproblemen rechtzeitig Hilfe erhalten, braucht es eine frühe Erfassung, bereits im Vorschul- und Kindergartenalter. Teamleiterin Yvonne Aregger kann dabei auf ein Team von elf Logopädinnen zählen. Kurze Wartelisten, gut eingerichtete Therapieräume, ausreichend Lektionen und ein fachlich starkes Team. 

Wert legt die Vereinigung auch auf kontinuierliche Weiterbildung und die Ausbildung von Praktikantinnen und Praktikanten – damit künftig genügend qualifizierte Fachkräfte zur Verfügung stehen. Logopädie funktioniert nicht im Alleingang. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit ist ein zentraler Pfeiler der Arbeit im Oberrheintal. 

Im vergangenen Jahr tauschten sich die Logopädinnen mit heilpädagogischen Früherzieherinnen über Fragen zur Sonderbeschulung und ergänzende logopädische Massnahmen aus. Mit Kinderärztinnen und Kinderärzten wurden Themen wie Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, operative Eingriffe bei vergrösserter Rachenmandel oder Paukenerguss sowie die ärztliche Beteiligung bei Beschulungsentscheiden besprochen.

Auch der Austausch mit sozialen Diensten und der Jugendarbeit gehört zum bewährten Jahresprogramm. Diese langjährigen Vernetzungen zahlen sich aus  und werden von allen Beteiligten geschätzt.

«Wortschatz ist keine Glückssache»

Unter diesem Motto stand der diesjährige Tag der Logopädie. Die Vereinigung nutzte ihn gezielt, um Lehrpersonen im Einzugsgebiet für das Thema Wortschatzstörungen zu sensibilisieren. Denn viele Kinder haben nicht einfach einen «kleinen Wortschatz», sie leiden unter einer behandlungsbedürftigen Störung, die den Schulalltag erheblich erschwert.

Erstmals stellte die Vereinigung beim nationalen Zukunftstag drei Plätze für Primarschülerinnen und -schüler zur Verfügung. Die Kinder erhielten einen lebendigen Einblick ins Berufsbild der Logopädie. Intern vertieften die Logopädinnen ihr Wissen in Qualitätszirkeln zu Themen wie verhaltensauffällige Kinder in der Therapie, Wortschatzförderung bei mehrsprachigen Schulkindern oder grammatikalische Hürden im Deutscherwerb bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörungen.

Vortrag zu verschiedenen Ebenen der Sprache

Den fachlichen Höhepunkt des Abends bildete der Vortrag «Das ist Logopädie! Mehr als nur Worte» von Maaike Fiechter und Michaela Lenz. Die beiden Logopädinnen zeigten eindrücklich auf, wie viele Ebenen Sprache umfasst: Etwa die Lautbildung, Grammatik, Pragmatik, Sprachverständnis und die Wortfindung. Letztere ist für viele Kinder eine besondere Hürde.

Das Wort liegt auf der Zunge, doch der Zugriff gelingt nicht. Es folgt ein «ähhh» oder ein ratloses «wie heisst das schon wieder?». «Wenn das häufig passiert, sollte man genauer hinschauen», betonten Fiechter und Lenz. Anhand von konkreten Gegenüberstellungen von Kindern mit und ohne Sprachprobleme wurde greifbar, was Logopädie im Alltag von Kindern bewirkt. Sabina Saggioro schloss den Abend mit dem Dank an alle Beteiligten und dem Fazit:

Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft. Genau da unterstützen wir die Kinder.