Man fragt sich: Was macht Olivia el Sayed, die Spoken-Word-Künstlerin, als Bühnenfigur so einzigartig und erfolgreich? Die Antwort: weil sie eben grad keine Bühnenfigur ist. Sie erzählt als Mutter von zwei Kindern, als – wie sie selbst sagt – derangierte Hausfrau Geschichten aus ihrem Leben, nimmt das Publikum mit auf eine unterhaltsame Reise durch den täglichen Spagat zwischen Karriere und Familie.
All dies mit scharfem, unvoreingenommenem Blick, gesunder Selbstironie und einer Sprache, die zwischen Poesie und pointiertem Witz wechselt, seziert sie den ganz normalen «Wahnsinn» des Alltags. Sie weiss um ihre Unzulänglichkeiten, gibt diese an das Publikum weiter und philosophiert darüber, wie viel Zeitverschwendung schon der Versuch ist, überall den Durchschnitt zu erreichen. Muss nicht sein, 08.14 kann auch reichen, sagt sie, 08.15 oder gar 08.16 ist dann schon die Ausnahme, «aber eben auch ganz schön».
Sie sagt, was alle denken
Olivia el Sayed, Mutter Schweizerin und Vater Ägypter, sagt, was alle im Saal denken, aber keiner würde es so formulieren. Ihre Geschichten sind lustig, amüsant und geistreich, weil sie wahr sind. Und offensichtlich vergnügte das Publikum sich dabei, weil es auch gut tut, einen Abend unter seinesgleichen zu verbringen, und man sich vielleicht mit 08.14 nicht so allein fühlt. Nach einer Zugabe entliess Olivia el Sayed ein begeistertes, junges Publikum wieder in ihre eigene Welt, vielleicht auch mit dem Fazit, dass es den Durchschnitt gar nicht gibt, nur den täglichen Versuch, daran nicht unterzugehen – und wenn schon untergehen, dann wenigstens lachend.
Spoken-Word-Kunst im «Diogenes»: Olivia el Sayed und das Leben am Durchschnitt