15.06.2018

Unser verengter Blick auf die Welt

Aufsatz

Von Gert Bruderer
aktualisiert am 03.11.2022
Am gleichen Tag, als der Redaktionswagen Heerbrugg besuchte, traf zu Hause die neue Postcard ein. Natürlich besteht zwischen den beiden Ereignissen kein Zusammenhang. Aber die neue Postcard kann mehr als die alte, und technischer Fortschritt war abends, beim Redaktionswagen, mehrfach ein Thema. Mit der neuen Karte kann ich Einkäufe bis zu vierzig Franken bezahlen, ohne dafür einen Pin eingeben zu müssen, was ein paar Widnauer mit eher mitleidigem Lächeln zur Kenntnis nahmen, als wäre es eine Qual, laufend neue Möglichkeiten aufgezwungen zu bekommen.Während viele junge Menschen fast nur noch mit dem Handy bezahlen, stellt meine Generation die Frage nach dem Nutzen neuer Errungenschaften manchmal enttäuscht, manchmal mit einer gewissen Belustigung. Enttäuscht, wenn lieb gewonnene Gewohnheit plötzlich aufzugeben ist (vielleicht für irgendeinen Automaten), belustigt, wenn es zum Beispiel um Autos geht. Ein Auto, das einfach ein Auto ist, gibt es ja gar nicht mehr, wie jemand beim Redaktionswagen richtig bemerkte.Heute sind Fahrzeuge mit einer Technik ausgestattet, die sich nicht wegkaufen lässt. Eine Rallye mit Oldtimern, wie sie übernächstes Wochenende in der Ostschweiz stattfindet, bekommt da eine ganz neue Bedeutung, ein Satz des Bernecker OK-Präsidenten Stefan Schreiber sowieso: Sein Auto, ein Chevrolet, Baujahr 1956, sei original erhalten, der sei ohne irgendwelchen Schnickschnack.Beim Redaktionswagen wurde mit Blick auf Heerbrugg Jahrzehnte zurückgeschaut. Dass das Einkaufszentrum «Am Markt» und das elliptische Hochhaus gebaut wurden, ist zwar erst ein Dutzend Jahre her. Und doch fällt es gar nicht so leicht, sich das frühere Bild von Heerbrugg noch genau in Erinnerung zu rufen.Wir haben uns an den städtischen Anblick gewöhnt, wie wir uns laufend an neue Technik zu gewöhnen haben.Walter Nüesch hat auf dem heutigen Platz beim Manor noch Fussball gespielt. Der 77-Jährige, der auf dem Sonnenberg aufwuchs, bezeichnet sich als «waschechten Heerbrugger». Er kannte noch das alte Restaurant Bahnhof mit Kegelbahn östlich der Bahnlinie. Später zügelte das Restaurant ins ehemalige Kantonalbank-Gebäude im Heerbrugger Zentrum, schräg gegenüber dem Bahnhof, bei einem kleinen Pärkli mit Sitzbänken und – ja – richtigem Gras. Es war eines von vielen markanten Gebäuden in einem herangewachsenen Umfeld. Da gab es etwa die Stickerei Ruess oder die Stickerei Nüesch, die auf Walter Nüeschs Jugendkamerad Niklaus Kehl eine besondere Faszination ausübte.Niklaus Kehl half Walter Nüesch und seinen vier Brüdern beim Zeitungsvertragen. Über Mittag brachten sie den «Rheintaler» zu den Menschen, die noch wussten, was Geduld ist und deren Blick nicht laufend von elektronischen Geräten behindert war. Im heutigen Moflar-Gebäude an der Bahnhofstrasse 6, bei der ehemaligen Druckerei Marthaler (die damals den «Rheintaler» druckte), holten die Buben die Zeitungen. Sodann erlebte Niklaus Kehl die immer wieder beeindruckende Fahrt im Lift der Stickerei Nüesch, wo zuoberst die Unternehmerfamilie wohnte und die Tageszeitung abzugeben war.Ohne die Vergangenheit verklären zu wollen: Die Kinder hatten viel Bewegungsfreiheit. Es gab kein Verkehrsproblem, und Tempo-30-Zonen waren zu einer Zeit, als innerorts noch Tempo 60 galt, kein Thema.Beim Redaktionswagen brachte Niklaus Kehl die Nefenstrasse zur Sprache, wo Hindernisse beruhigend wirken, wo aber Anwohner vor der Umgestaltung der Strasse die «zu hohe Zahl» der Hindernisse bemängelt und vorgeschlagen hatten, den Velofahrern die Möglichkeit einzuräumen, hinter den Hindernissen durchzufahren.Aber eben, die Welt hat sich verengt, zum einen baulich, aber auch durchs Internet. Denn bei allen Vorteilen der Digitalisierung sind doch die Nachteile erheblich. Weil die Umgebung im Netz personalisiert ist, also ausgerichtet auf die Vorlieben des Einzelnen, wird der Blick im Internet auf ein Warenangebot gelenkt, das möglichst unserem Geschmack entspricht. Genauso werden politische Nachrichten nach unseren Präferenzen gefiltert. Interessiert sich beispielsweise jemand für Umweltpolitik, bekommt er dazu jede Menge Informationen angeboten – und natürlich solche, die der eigenen Einstellung entsprechen.Auf diese Weise wird unser bereits bestehendes Weltbild gefestigt. Während sich die gute alte Tageszeitung vom einstigen Parteiblatt zu einer Forumszeitung entwickelt hat, die ihrer Leserschaft ein breites Meinungsspektrum bietet, hat das Internet die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen. Es zeigt uns keine Welt der grossen Vielfalt, es verengt die Sicht auf sie.