Unterwegs im Zug nach Rebstein-Marbach – Gedanken eines Seelsorgers | Der Rheintaler

Christlich 07.05.2023

Unterwegs im Zug nach Rebstein-Marbach – Gedanken eines Seelsorgers

Im Zug von St. Gallen nach Rebstein-Marbach: Kaum habe ich im Zug Platz genommen, beginnt mir schräg gegenüber ein wohl dreijähriger Bub zu weinen. Herzzerreissend. Ich weiss nicht, weshalb.

Von Philipp Hautle
aktualisiert am 07.05.2023

Seine Mutter nimmt ihn in den Arm. Versucht ihn zu trösten. Wischt ihm die Tränen ab, die über seine Wangen kollern. In Mörschwil nimmt sie den Schluchzenden an der Hand und sie steigen aus.

Wann habe ich das letzte Mal geweint?

Ja. Damals. Und dabei die wunderbare Erfahrung gemacht, wie heilsam es ist, angehört, umarmt zu werden. Wie wohl tut es mir, wenn ich meine geheimsten Ängste, Sorgen, Schwächen einem lieben Menschen anvertrauen darf.

Zwei Abteile hinter mir spielt eine Familie «Uno». Zwei Mädchen schreien und jubeln. Grün! Rot! Zwei Karten holen! Blau! Auslassen! Uno! Nicht so laut, Mädchen! Wie viele Stunden, Tage, Wochen ja Monate – alle Spiele zusammengezählt – habe ich in meinem Leben schon gespielt! Ich sehe die beiden Jassgruppen vor mir, aus denen unterdessen Freundschaften erwachsen sind. Links von mir in die Ecke gelehnt, ein junger Mann. Kopfhörer über den Ohren. Die Musik überlaut.

Was in ihm wohl vorgeht?

Ist er müde. Erschöpft. Erholt er sich zufrieden von seiner Arbeit? Und will deshalb nichts wissen von der Umwelt. Oder ist er frustriert, wütend, überfordert, voller Sehnsucht? Will er allein gelassen sein? Hat er niemanden, dem er sich anvertrauen kann? Wie unergründlich ist doch jede Menschenseele!

Mir vis-à-vis sitzt ein älteres Ehepaar. Die linke Hand der Frau liegt auf der rechten des Mannes. Sie sagen kein Wort. Gelegentlich schaut sie ihn an. Er hat die Augen geschlossen.

Was haben sie wohl für eine Geschichte?

Was miteinander durchgetragen, Frohes und Schweres erlebt? Auch hier – zwei unergründliche Seelen.

Ich steige aus. Jede Zugfahrt birgt eine andere Erfahrung. Leute, die ich beobachte, wecken in mir Vorstellungen. Vermutungen. Fragen. Eindrücke. Gefühle. Erinnerungen. Was sind wir doch für geheimnisvolle Wesen, wir Menschen – Sie und ich. Mir fällt Leo Tolstois Buch ein:

Wo die Liebe ist, da ist auch Gott.

Auf dem Heimweg – in der Abenddämmerung die Mondsichel und ganz im Westen leuchtet bereits der Jupiter – singe ich vor mich hin: «Nicht müde werde, sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel, die Hand hinhalten.» (Hilde Domin)